Digitale Partizipationsmöglichkeiten in moderner Jugendarbeit

Welche Möglichkeiten zur digitalen Jugendbeteiligung gibt es und was sind die analogen Herausforderungen für die moderne Jugendarbeit? In der mittlerweile vierten Veranstaltung der Reihe „Digitale Kommunikation und Partizipation – jung und digital“, die der Landesjugendring NRW in Essen veranstaltete, ging es besonders um Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Das vierte Fachgespräch thematisierte, welche digitalen Partizipationsmöglichkeiten es für junge Menschen und Multiplikatorinnen bzw. Multiplikatoren gibt und wie diese unser Zusammenleben beeinflussen. Sebastian Hennel war für politikorange dabei und berichtet.

Die Vertreter und Vertreterinnen der Jugendverbände während des ersten Vortrages im Haus der Technik in Essen. I Foto: Elena Wüllner

„Wir bewegen uns in einer Welt, in der sich Kommunikation massiv verändert“

Referentin Prof. Dr. Caja Thimm I Foto: Elena Wüllner

Im ersten Panel beleuchtet Prof. Dr. Caja Thimm (Universität Bonn), die sich in ihrer Forschungsvergangenheit viel mit sozialen Plattformen und Netzwerken beschäftigt hat, das Phänomen der „datafizierten Jugend“.

Sie formuliert mehrere Thesen, in denen sie unter anderem das Internet als einen „realen Lebensraum“ für Jugendliche klassifiziert. Dies ließe sich zum einen daraus ableiten, dass „der Content zum Gegenstand des Gesprächs und somit zum interpersonellen Austausch diene“. Weniger wissenschaftlich formuliert bedeutet das: Jugendliche sprechen unmittelbar über das, was sie zuvor „im Netz“ konsumiert haben. Digitaler und analoger Alltag gehen also stetig ineinander über.

Ein weiteres Argument dafür, dass sich diese beiden Lebenswelten immer mehr verknüpften, sei die Tatsache, dass junge Menschen ihre Smartphones oftmals nah am Körper tragen würden. Diese enge Verzahnung zwischen Internet und analogem Austausch bürge aber auch Gefahren, warnt Thimm. Sie behauptet, dass zwischenmenschliche Konflikte zunehmend „ins Netz“ getragen werden, somit auch Cyber-Mobbing befördern würden. Das sei ein „erstarkender Trend“. Das Netz folge anderen Dynamiken als das reale Leben. Unvorhersehbare Dynamiken, da die Verbreitung von Informationen und Content nicht immer steuerbar sei, so Thimm. Sie ermutigt zu einem reflektierten Umgang mit den neuen Möglichkeiten der digitalen Welt. Diese wird nämlich fortschrittlicher: Chatbots, automatisierte Kundenhotlines und Technologien wie das Deep-Learning-Gesichtserkennungssystem könnten noch mehr zu unserem Alltag gehören, als sie es jetzt bereits tun. Ihren Vortrag unterstützt Thimm mit Statistiken aus den frei zugänglichen JIM- und KIM-Studien. Diese stellen Zahlen zum Medienumgang junger Menschen dar.

Im weiteren Verlauf ihres Vortrages beschäftigt sich die Medienexpertin mit Influencern und Influencerinnen, sie nennt sie gar die „neuen Heldinnen und Helden“. Gleichzeitig hebt sie aber auch die Gefahren ihres enormen Einflusses hervor: Durch ihre hohe Reichweite, könnten Influencer und Influencerinnen Vorstellungen wie z.B. problematische Schönheitsideale weitreichend vermitteln. Es scheint, als verfolgten sie fast eher Strategien einer geschickten Kommerzialisierung. Nicht unbedingt verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die IHK mittlerweile Weiterbildungen zum Influencer-Marketing anbietet.  In ihrem Fazit beschreibt Thimm Jugendliche demnach als „hochaktive Konsumenten“ – und fordert von der Politik eine weitreichendere Erziehung zur „digitalen Lebenskompetenz“, um ein reflektiertes und kritisches Medienbewusstsein auszubilden.

Digitale Partizipationsformen und reflektiertes Medienbewusstsein

Der Referent Markus Gerstmann bei der Moderation der Kleingruppen I Foto: Elena Wüllner

Nach einer kurzen Kaffeepause spricht im zweiten Teil der Veranstaltung Medienpädagoge Markus Gerstmann über digitale Kommunikation, Datenschutz und über Möglichkeiten digitaler Beteiligung. Das bekannteste Format digitaler und politischer Partizipation sei wohl die Online-Petition, die aktivierend auf die politische Meinungsbildung einwirke und somit nicht zu unterschätzen sei, so Gerstmann. Er stellt weitere Tools, wie tricider (zum Durchführen von Umfragen), mentimeter (zum Erheben von Eindrücken und dem Gestalten einer interaktiven Präsentation) vor, um den Teilnehmenden einen größeren Einblick in den Pool der Möglichkeiten zu verschaffen. Einen weiteren Vorteil sieht Gerstmann im Benutzen von passwortgeschützten Etherpads, die eine kollaborative Bearbeitung von Texten ermöglichen und so beispielsweise gemeinsame Planungsprozesse innerhalb von Vereinen erleichtern könnten. Liegt ein solches Tool auf einem internen Server, so seien auch Fragen des Datenschutzes einfacher zu klären.

Anknüpfend an den ersten Panel spricht Gerstmann ebenfalls von einer sich verändernden Kommunikation und sieht Gefahren in den eigenen Dynamiken von sozialen Netzwerken. Oftmals wird nur die Meinung jener abgebildet, die sich registriert haben und aktiv an Diskussionen beteiligen. Alle anderen würden „als Demokraten [verschwinden]“. Einen weiteren Faktor spiele ebenfalls das so genannte „Dark Social“. Als „Dark Social“ wird der nicht verfolgbare Datenverkehr in Messenger-Diensten wie zum Beispiel Telegram oder WhatsApp bezeichnet, über den große Gruppen erreicht werden können – politisch betrachtet ziemlich relevant. Weiter fordert auch er einen reflektierteren Umgang mit digitalen Medien und stellt die Rolle von Influencerinnen und Influencern heraus: Sie versuchen, ihre Zielgruppe zu „ihrer Community“ zu machen, um so „über gute und echte Inhalte Vertrauen und Einbindung“ zu schaffen. Fraglich bleibt für ihn, inwieweit sie eine generelle politische Verantwortung tragen.

Im Anschluss an die Input-Vorträge gehen die Teilnehmenden in Kleingruppen zusammen und sprechen über die neuen Erkenntnisse. Ein besonderer Fokus gilt dabei auch der aufstrebenden App „TikTok“, die sich rasch neben bisherigen Größen wie WhatsApp, Twitter und Facebook auf dem europäischen Markt etablieren konnte. Eine allgemeine Skepsis steht dem Hype jedoch gegenüber: Die App speichere User-Daten auf chinesischen Servern, es herrsche generell Unklarheit darüber, inwieweit diese Daten für politische Zwecke verwendet werden würden. Kritisch zu hinterfragen sei aber auch, inwieweit eine solche politische Unabhängigkeit seitens der etablierten US-amerikanischen Betreiber besteht.

 

Lust auf noch mehr? Zusammen mit meiner Kollegin Elena Wüllner sind wir nach der Veranstaltung der Frage nachgegangen, welche Vor- und Nachteile digitale Partizipations-Tools in der Jugendarbeit haben und wandten uns dazu an die Teilnehmenden. Hier kannst du ihre Antworten einsehen.

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