Würdest du dich als politischen Menschen bezeichnen?

Das Märchen der unpolitischen Jugend wird seit Jahren von Konservativen und Rechten in Diskussionen als Argument verwendet. Doch wie politisch ist die Jugend wirklich? Das fragte politikorange-Redakteur Nils Hipp in seiner Instagram-Story.

Ich habe mich selbst vor die Aufgabe gestellt, einen Text über das Thema „unpolitisch sein“ zu schreiben. Leider fehlte mir jeglicher persönlicher Bezug zu diesem Thema. Also tat ich das, was mir am einfachsten erschien: Ich erstellte eine Umfrage in meiner Instagram-Story und fragte meine Follower*innen „Würdest du dich als politischen Menschen bezeichnen?“. Dazu gab ich zwei Antwortmöglichkeiten vor, „Yes“ und „No“. Mir war bewusst, dass dies eine sehr persönliche Frage ist. Diese zu beantworten, setzt also ein hohes Maß an Reflexion und Selbsteinschätzung voraus. Das macht es schwierig, sich auf zwei Antwortmöglichkeiten zu begrenzen. Deshalb forderte ich die Teilnehmenden zusätzlich dazu auf, mir privat zu schreiben und das eigene Abstimmungsverhalten zu erklären.

Zwischen „Scheiß egal“ und „Politik geht uns alle an“

Die Umfrage war 24 Stunden online. 391 Personen riefen die Umfrage auf und 139 von ihnen haben abgestimmt. Zusätzlich schrieben mir 52 Menschen privat und erklärten ihre Sichtweise auf das Thema. Dass das in keiner Weise repräsentativ ist, ist mir bewusst. Dennoch war ich überrascht, wie unterschiedlich und spannend die Antworten ausfielen.

Insgesamt stimmten 77 Menschen für „Yes“, würden sich also als politische Menschen bezeichnen. 62 Leute würden dies nicht von sich sagen und stimmten für „No“.

Mehr als die Hälfte der Befragten würde sich als politische Menschen bezeichnen. Inwiefern sie sich gesellschaftlich engagieren, unterscheidet sich jedoch stark. I Grafik: Nils Hipp

Aus den Ergebnissen und den erhaltenen Nachrichten lassen sich ganz unwissenschaftlich und grob drei Gruppen bilden.
Erstere würden sich definitiv als politisch bezeichnen. Sie informieren sich regelmäßig. Viele sind in Parteien, Bewegungen oder NGOs wie Greenpeace oder Fridays For Future engagiert. In ihrem Leben spielt Politik eine große Rolle.

Die zweite Gruppe argumentiert deutlich weniger selbstbewusst: Sie besteht aus Menschen, die von sich selbst behaupten, politisch zu sein. Allerdings sind sie sich dabei nicht allzu sicher. Diese Menschen sind informiert, wissen was in der Welt passiert, aber engagieren sich nur teilweise oder gar nicht. Viele wünschen sich, mehr zu tun – sind sich jedoch unsicher, wo sie anfangen sollen.

Die dritte Gruppe unterscheidet sich in ihrer Argumentation untereinander am stärksten. Sie setzt sich zusammen aus Menschen, die sich allesamt als unpolitisch bezeichnen würden. Diese lesen nur selten Nachrichten und informieren sich kaum bis gar nicht über politische Themen. In Bewegungen oder auf Demonstrationen sind sie nicht organisiert. Wie sie mit der eigenen Selbsteinschätzung umgehen, könnte unterschiedlicher nicht sein.

Etwas mehr als die Hälfte der dritten Gruppe empfindet – stärker noch als die zweite Gruppe – eine Schuld aufgrund der eigenen Untätigkeit. Auch ihnen sind viele Probleme bewusst. Man wisse jedoch nicht, wo man anfangen soll: Wofür solle man sich einsetzen und wo könne man sein Engagement einbringen? Weiterhin empfinden viele Politik als langweilig, kompliziert, trocken oder einfach nicht für junge Menschen gemacht.

Dagegen tritt die andere Hälfte der dritten Gruppe deutlich selbstbewusster auf. Sie gibt ganz klar zu, sich nicht für Politik zu interessieren. Manche Leute begründen es gar nicht, andere schreiben Dinge wie „Geht mir am Arsch vorbei“, „Ist mir Scheiß egal“ oder „Juckt mich einfach nicht“.

Warum Desinteresse problematisch ist

Eine Demokratie lebt von Debatte und Informationsaustausch. Eine solche „Mir egal Haltung“ ist in Anbetracht der überwältigenden Probleme unserer Zeit zwar manchmal nachvollziehbar. Allerdings schadet sie der Debatten- und Diskussionskultur und damit unserer Demokratie. „Was würdest du jungen, unpolitischen Menschen raten, die sich zwar politisch engagieren und informieren wollen, aber nicht wissen wie?“ Diese Frage habe ich verschiedenen Expert*innen aus Politik, Medien und Gesellschaft gestellt. Um hier eine Art Leitfaden zu präsentieren, folgt eine Auswahl aus den Antworten, die ich bekommen habe.

Sinem Tasan-Funke, Landesvorsitzende der Jusos Berlin:

„Ich glaube, dass es heute so viele Möglichkeiten gibt, sich politisch zu informieren, wie noch nie. Allein auf Plattformen und sozialen Netzwerken wie YouTube und Insta gibt es sehr gut geführte Accounts (z. B. der öffentlich-rechtlichen Medien), die Videos, Beiträge und kurze Storys zu aktuellen politischen Geschehnissen zur Verfügung stellen. Da muss man eigentlich nur abonnieren und bekommt einen recht einfachen Zugang zu News. Wenn es aber wirklich darum geht, sich für eine politische Richtung zu entscheiden, würde ich anders vorgehen. Mir persönlich war bei der Entscheidung sehr wichtig, was eigentlich die Grundhaltung der Parteien ist. Dafür ist ein Blick in die Grundsatzprogramme zu empfehlen. Die Parteien legen in diesen ihre allgemeine Ausrichtung fest – unabhängig von konkreten politischen Maßnahmen. Wem das zu trocken ist, die oder der kann natürlich auch zu einer Veranstaltung der (Jugend-)Parteien gehen und schauen, wie da diskutiert wird. Gerade in den Jugendorganisationen habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Vorurteil der trockenen Politik einfach nicht zutrifft. Politisches Engagement ist mal sehr erfüllend, mal nervenaufreibend. Aber langweilig wird es eigentlich nie. Schließlich geht es immer um unsere Zukunft – wie die aussehen soll, ist alles andere als eine langweilige Frage.“

Tim Lüddemann, freier Journalist:

„Ich finde, Menschen sollten nach etwas suchen, das sowohl Spaß macht, als auch nachhaltig was bringt. Und da gibt es glaub ich mega viel. Weil man nicht sofort das findet, was hundertprozentig zu einem passt, heißt es ausprobieren! Wenn man in einen Laden geht, um sich Kleidung zu holen, behält man ja auch nicht das erste, das man in den Händen trägt an. Man zieht mal das an, probiert das, kombiniert das und dann nach einer gewissen Zeit hat man es gefunden. So ist es glaub ich auch mit Engagement. Man fängt einfach irgendwo an, macht Erfahrungen, merkt, dass man etwas anderes machen will, wechselt, wechselt, wechselt und irgendwann landet man bei der Sache, die einem was gibt.

Ich finde, wir sollten mehr probieren und die Situation, in der wir feststellen, dass etwas nicht passt, nicht als scheitern wahrnehmen, sondern als Möglichkeit, dass wir etwas gelernt haben und etwas Neues ausprobieren können.“

Hans Komorowski, Friedrich Ebert Stiftung:

„Spannende Frage, die wichtig ist, weil oft Motivation und Ideen junger Leute verloren gehen, wenn sie nicht wissen, wie sie sich engagieren und dieses Engagement organisieren können. Ich würde in folgende Bereiche unterscheiden:

  1. Im engeren Sinne politisch engagieren können sich junge Menschen in den Jugendorganisationen der Parteien. Alle Parteien im Bundestag haben Jugendorganisationen, z.B. die SPD die Jusos oder die CDU die Junge Union usw. Die haben auch jeweils Ableger in Bundesländern und Städten und Gemeinden und sind im Netz sowie in den sozialen Medien präsent. Dorthin können sich Interessierte wenden, mal eine Veranstaltung besuchen und in die Arbeit reinschnuppern. Die Parteien selbst haben oft für junge Leute eine Art Schnupper- oder Probemitgliedschaft.
  2. Im weiteren Sinne politisch ist in meinen Augen jedes Engagement, das der Gesellschaft zugute kommt. Zum Beispiel sind viele junge Menschen in der Hilfe für Geflüchtete aktiv geworden. Das ist ein dezentrales Engagement vor Ort, über das Interessierte Informationen in ihren Gemeinden, Rathäusern oder so erhalten. Aber auch soziale Träger, wie AWO, Malteser, Volkssolidarität und natürlich die Kirchen bieten soziales Engagement an.
  3. Dann gibt es themenbezogenes Engagement, wie zum Beispiel die Mitwirkung in der Jugendpresse. Hier machen also junge Menschen mit, die sich für Journalismus und Medien interessieren. Für solches Ehrenamt gibt es im Netz viele Informationen, wie z.B. hier:  https://www.buergergesellschaft.de/mitgestalten/handlungsfelder-themen/jugend-und-engagement/
  4. Dann gibt es Engagement, das nicht vorgegeben ist, sondern das sich junge Menschen selbst aufbauen, wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion. Bsp.: Interessant ist sicher auch dieses Projekt: https://www.generationenstiftung.com/ueber

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines gemeinsamen Projekts von sagwas.net und politikorange.de entstanden.

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