Trilaterale Identitätssuche in Berlin

#re_identity

Die Berlin-Reise des Fragens, Forschens und Schreibens in der November-Kälte ist vorbei. Was bleibt, sind die Artikel der jungen Journalistinnen und Journalisten aus Israel, Palästina und Deutschland auf unserem Blog – und noch viel mehr in den Köpfen aller, die dabei waren. Wie ist es der Gruppe bei der gemeinsamen Reise ergangen?

„Ich vermisse Netflix“, seufzte Nadav Glick, die Physalis vom Rand seines Cocktails pflückend. „Warum?“, fragte ich leicht verwundert, „Ist das WLAN im Hostel so schlecht?“, „Nein“, entgegnete er, „Nur Netflix kann ich zuhause in Israel ja jeden Tag schauen. Mit Palästinensern feiern gehen, das geht nur hier in Berlin.“

Die tatsächliche politische Relevanz des Projekts, das Initiator und Projektleiter Mathias Birsens mit der Jugendpresse Deutschland geschaffen hatte, wurde in solchen Momenten besonders spürbar. In den acht intensiven Workshop-Tagen erprobten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Israel, den palästinensischen  Gebieten und Deutschland gemeinsam nicht nur die reiche Getränkel-Auswahl der Hauptstadt, sondern trafen vor allem zahlreiche Vertreter und Vertreterinnen aus Politik und Medien, Journalismus sowie Aktivisten und Aktivistinnen mit israelischem und arabischem Hintergrund, die Berlin zum Ort ihres Lebens und Schaffens auserkoren hatten.

„Mir hat hier alles gefallen – bis auf das Wetter“, kommentierte Ayed von der Palestianian Peace Coalition. Während der gesamten Woche hatte sich eine undurchlässige graue Decke über die nass-kalten Straßen gelegt. Die vielen verschiedenen Identitäten, die jeder einzelne Teilnehmende in sich und den Mitstreitern und Mitstreiterinnen zu erkennen vermutete, ließ die journalistische Arbeit jedoch glühen

Zwischen Kultur, Religion, Geschichte und Gegenwart

Trotz der langen Reise aus dem Nahen Osten in die sibirische Novemberkälte Berlins hatten die jungen Medienmachenden unzählige Fragen an unsere Gäste, die palästinensische Botschafterin, Dr. Khouloud Daibes, den Gesandten der israelischen Botschaft Avi Nir-Feldklein, Anna Rückheim vom Auswärtigem Amt und den Mitgründer der Organisation al-Sharq Christoph Dinkelaker, die mit Input-Vorträgen am Montag das Programm eröffneten. „Wir waren vor Müdigkeit und Aufregung wie betrunken“, sagte Chefredakteurin Amit Eshel, „das hat uns als Gruppe sofort zusammengeschweißt“.

Die Führung durch die Ausstellung „Topographie des Terrors“ am folgenden Morgen bedeutete für einige der Teilnehmenden vor allem, einen ihnen bedeutsamen Kontakt zum Forschungsmitglied der Einrichtung und Museumspädagogen Samuel Schidem herzustellen, der, selbst in einem drusischen Dorf zur Welt gekommen, versuchte, der Gruppe das Thema der Täter-Psychologie während des Holocausts nahe zubringen. „Wir reden in diesem Zusammenhang so viel über die Täter und so wenig über die Opfer“, merkte Eylül Tufan aus der Gruppe der deutschen Teilnehmenden an. Amit erwiderte: „Komm nach Israel.“

Foto: Nour Alabras

Bei der anschließenden Stadtführung mit Kunst-Historiker Tobias Allers zum Thema „Migration“ ist das Redaktionsteam um Asmaa Shehadeh aus Ramallah, Eliana Rudee aus Jerusalem und Katharina Petry aus Marburg besonders fasziniert vom Projekt „House of One“, das eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee vereinen soll. Bei einem der Recherchetermine am Freitag fragte Asmaa Birol Ucan von der Omar Ibn Al-Khattab-Moschee am Kottbusser Tor, was er von dem Projekt hielte: „Hier in Kreuzberg besteht generell eine große Toleranz unter den Religionen. Trotzdem gibt es Unterschiede, die nicht einfach so ignoriert werden sollten.“ Wie unvoreingenommen Menschen in Berlin beim offensichtlichen Tragen religiöser Symbole tatsächlich miteinander umgehen, ergründete die Gruppe in ihrem Artikel Kippot, Hijab and Crosses in Berlin? Oh Nein!.

Medien als Sprachrohr von Welt und Generation

Wie unterscheidet sich die deutsche Medienlandschaft von der im Nahen Osten? Wie spiegelt sich auch die Migrationsgeschichte des Landes in ihr wieder? Um diese Fragen zu klären, besuchten wir die Redaktion vom Nahost-Magazins „Zenith“, die auf Deutsch, Englisch und zum Teil Arabisch über die Region berichten. Die Redaktion ist mit Menschen unterschiedlichster Hintergründe besetzt, die vielen Einflüsse in einer Stadt wie Berlin drücken sich auch in der aus ihr hervorgehenden Informationskultur aus. Eylül Tufan aus Hamburg, Nida Abufahra aus Bethlehem und Nadav Glick aus Tel Aviv interviewten mehrere Menschen, die aus einem anderen Land nach Berlin gekommen waren, um sich hier ein neues Leben aufzubauen, zu ihren Definitionen von Heimat: Call Me By My Home.

Auch die Macher des Online-Blogs „Amal, Berlin!“ möchten zur Medien- und Kulturlandschaft entsprechend der vielseitigen nationalen und kulturellen Identitäten, die sich in der Hauptstadt tummeln, beitragen. Sie schreiben Geschichten aus der Hauptstadt auf Arabisch sowie Farsi-Dari und luden unsere Workshop-Gruppe in ihre Redaktionsräume ein. Darüber hinaus erhielten wir Einblicke in die Hintergründe der postmigrantischen Ausrichtung des Maxim Gorki-Theaters. Dort sprachen die Teilnehmenden mit dem jungen Dramaturgen und Regisseur Christopher-Fares Köhler, der in Deutschland und in Jordanien aufwuchs. „Was bedeutet postmigrantisch?“, lautete eine der ersten Fragen. Das Theater möchte den Wandel, den eine Gesellschaft durch Wellen der Migration vollzogen hat, in die künstlerische Ausarbeitung mit aufnehmen. Dazu gehört, Künstlerinnen und Künstlern, die als Geflüchtete nach Berlin kamen, gezielt eine Bühne für ihre Perspektiven zu geben.

Foto: Nour Alabras

Als besonders faszinierendes Beispiel eines funktionierenden Verhältnisses zwischen Presse und Politik erlebten die palästinensischen und israelischen Teilnehmenden die Bundespressekonferenz mit Regierungssprechern: „Wenn wir unserem Premierminister eine Frage stellen möchten, gibt es nur eine Möglichkeit: Einen Kommentar bei Twitter hinterlassen und pausenlos die Seite aktualisieren,“, erzählen die Teilnehmenden aus Israel. Doch geht es der deutschen Medienlandschaft in ihrer Vielseitigkeit nicht nur rosig, vor allem Tagezeitungen erscheinen kaum noch in gedruckter Form. „Auch die taz überlegt nun, auf Wochenzeitung umzustellen“, erzählt Pepe Egger von „Der Freitag“ beim Redaktionsbesuch. Gerade hatte das Medium die Kampagne #unten in die Online-Welt verbreitet, die bei der angesprochenen Zielgruppe – dem Sozial-Prekariat – auf überraschend viel Aufmerksamkeit gestoßen war. Die jungen Medienmachenden nehmen aus dem Gespräch mit, dass auch der klassische Zeitungs-Journalismus in der digitalisierten Welt neue Wege gehen muss – und befüllten fleißig ihre Instagram- und Twitter-Accounts mit Eindrücken aus dem Gespräch.

Tunnel-Touren im Sinne der zwischenmenschlichen Begegnung

Am gemeinsamen Recherchetag schwärmten die Journalistinnen und Journalisten aus, trafen sich zum gemeinsamen Mittagsessen mit Tal Alon, der Gründerin des ersten Hebräisch-sprachigen Magazins in Deutschland seit dem Holocaust, führten Gespräche mit der Friedensaktivistin Yehudit Yinhar, Nathmi Abu Shedeq von der Palestinian Student Union, dem Künstler Shlomi Wagner, der als die Drag Queen Mazy Mazeltov auftritt, und Dalia Grinfeld von der Jüdischen Studentenunion. Dem Finden und Interviewen schillernder Berliner Persönlichkeiten mit Wurzeln im Nahen Osten widmeten sich Sami David Rauscher aus Berlin und Noa Amiel aus Tel Avi# für ihren Artikel Performing identity: A city to find and lose oneself mit größter Hingabe. Entstanden sind die Portraits dreier Künstler, die ihre Inspiration genau aus dieser Durchlässigkeit von Identität und Zugehörigkeit schöpfen, die eine Stadt wie Berlin ihnen bietet.

Foto: Nour Alabras

Bei einer dieser Herdenjagden von U2 zur S1 lenkte sich die Aufmerksamkeit des Trupps auf ein neues Plakat des Bundesministeriums: „Dein Land. Deine Zukunft. Jetzt!“ Die neue Kampagne möchte Asylbewerberinnen und Asybewerber in Deutschland über ein konkretes Belohnungssystem dazu bringen, in das jeweilige „Heimat“-Land zurückzukehren. Das vielfach kritisierte Programm des BMI diente den Teilnehmenden Suleiman Maswadeh und Miral Nashshibi aus Jerusalem sowie Dennis Beltchikov aus Hamburg als Aufhänger für ihre weiteren Recherchen. Sie interviewten Nour Alabras, Fotografin innerhalb des Projektteams, die 2015 von Syrien nach Deutschland floh und nun in Berlin lebt. Die Flucht selbst, die Umstände, die dazu führten und natürlich auch der Beginn eines neuen Lebens stellten sie immer wieder vor die Befragung ihrer eignen Identität. Man könne nicht davon ausgehen, dass das Land, aus dem man käme, die Heimat sei. Wie der Autor Armin Langer, den die Gruppe während der Woche auch zum Gespräch traf, auf die Frage „Was macht einen Deutschen deutsch?“ antwortete: „Sein Pass“. Der Artikel Your country – MY future erzählt die beeindruckende Geschichte von Nour.

Gemeinsam Frieden gestalten

Zwischen der Fülle von Kultur, NGOs und Medienhäusern Berlin-Mittes, der grau-beigen Weite Friedrichshains, dem Niemandsland rund um den Hauptbahnhof und den dunklen Kaschemmen Kreuzbergs und Neuköllns lernten die Teilnehmenden, dass der Wunsch nach Erkenntnisgewinn unweigerlich mit der Frage nach Identität verknüpft ist. Hinter dieser verbergen sich unzählige interkulturelle Problemstellungen. Die Absurdität dahinter, ein Volk selbst zum Feindbild zu erklären wird dann besonders deutlich, wenn Namen, Gesichter und Persönlichkeiten aus dieser theoretischen Masse hervortreten. Wie Anna Rückheim sagte: „Es genügt nicht, wenn Regierungen sich treffen – Menschen müssen sich begegnen.“ Suleiman aus der israelischen Delegation und Miral von palästinensischer Seite, die beide in Jerusalem wohnen, stellten fest, dass sie fast Nachbarn sind. Um sich kennen lernen zu können, mussten sie über 4.000 Kilometer weit reisen. „Berlin ist wie Tel Aviv, nur ohne die große politische Spannung“, stellte Noa fest.

Foto: Nour Alabras

Eine gemeinsame Welt ohne unüberbrückbare Konflikte zu schaffen, mag utopisch sein, doch die jungen Journalistinnen und Journalisten aus drei gefühlt weit voneinander weit entfernten kulturellen Hintergründen haben in diesen acht Tagen einen großen Schritt dafür getan, zu verstehen, dass die gemeinsame Geschichte uns nicht nur trennt, sondern auch unweigerlich verbindet. Und dass jede neuen Generation an der Aufarbeitung dessen und somit daran, Frieden herzustellen und zu erhalten, mitwirken kann.

Im März 2019 wird das Seminar mit der gleichen Gruppe an verschiedenen Orten in Israel und Palästina fortgesetzt.

 

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