Von Null auf Hundert und wieder zurück

Wer steht eigentlich hinter den Spitzenkandidat*innen? Ein Portrait von Patricia Nnadi, Wahlkampfmanagerin der Grünen-Politikerin Aminata Touré.

Als Wahlkampfmanagerin unterstützt Patricia Nnadi Spitzenkandidatin Aminata Touré, wo sie kann.
Foto: Jugendpresse Deutschland / Johanna Glinski

9 Uhr am Wahlmorgen – die Ruhe vor dem Sturm. In neun Stunden ist für Patricia Nnadi alle Anstrengung der letzten Wochen vorbei. Genüsslich schlürft sie an ihrem Flat White mit Hafermilch, genießt die warmen Sonnenstrahlen und bereitet sich auf einen letzten Kraftakt vor.

Zeit für ein ausgiebiges Frühstück bleibt nicht. Der gestrige Abend war doch etwas länger als geplant und in weniger als einer Stunde beginnt der Trubel erneut.

Politik hautnah erleben

Eigentlich studiert Nnadi Soziologie und Politikwissenschaft und hat im Sommer 2021 ihre Masterarbeit angefangen. In den vergangenen Monaten war daran aber kaum zu denken. Seit November letzten Jahres arbeitet die 27-Jährige als Wahlkampfmanagerin für Aminata Touré, Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen. Zunächst für zehn, dann für dreißig Stunden und seit Anfang März in Vollzeit.

Kennengelernt hat sie die Grünen-Politikerin auf einer Antirassismus-Veranstaltung im Jahr 2019. Gemeinsam engagieren sie sich beim Kollektiv afrodeutscher Frauen. Als Touré Werbung für ihr Team macht, weil sie eine neue Mitarbeiterin sucht, ist ihr Interesse geweckt. Sie bewirbt sich und bekommt die Stelle.

Ihr Job ist eine Mischung aus Organisationstalent und unfassbar vielem Learning by Doing. Sie springt ein, wenn Gespräche zu lange dauern und der Anschlusstermin noch pünktlich erreicht werden soll. Nnadi spielt in solchen Situationen die „Spielverderberin“, wie sie es nennt. Sie plant und begleitet Pressetermine, vereinbart Termine mit Kreisverbänden und nimmt Kontakt zu Agenturen auf. Sie sorgt dafür, dass immer genug Mate und Handcreme im Auto ist. Eben der ganze Kleinkram, den es zum Wohlfühlen braucht, wie Nnadi es liebevoll formuliert.

Bis zum letzten Wahlkampftag habe sie Neues dazugelernt. Denn es treten immer wieder neue Probleme auf, an die vorher niemand gedacht hat. Zum Beispiel, wenn ein Termin zunächst an einem Ort stattfinden soll, wo es gar keinen Durchgangsverkehr gibt. Dieser muss dann so verlegt werden, dass die Menschen auch zufällig daran vorbeifahren und spontan teilnehmen.

Sie habe außerdem noch nie so viel von Schleswig-Holstein gesehen wie in den letzten sechs Wochen. Länger hätte der Wahlkampf aber auch nicht gehen dürfen, fügt sie lachend hinzu.

Die kleinen Momente, die es unvergesslich machen

Zu ihren liebsten Erinnerungen gehört die Begegnung mit einem jungen Mädchen, dem sie eine Windmühle geschenkt hat und das kurze Zeit später wiederkam, um ihr einen selbstgebastelten Schmetterling zu geben. Oder als sie mit ihrem Team beim Haustürwahlkampf eingeladen wird, sich kurz im Garten auszuruhen. Oder als sie gemeinsam mit den Beamt*innen des Landeskriminalamts in entspannter Runde Eis isst.

Während Nnadi von Situationen wie diesen erzählt, leuchten ihre Augen vor Begeisterung auf und die Erinnerungen sprudeln nur so aus ihr heraus.

Und wenn etwas schiefläuft: Durchziehen, abhaken und bestenfalls drüber lachen. Aber es gibt auch nicht so schöne Momente, die in Erinnerung bleiben. Zum Beispiel, wenn ein älterer Mann sich ihr gegenüber als offen rechtsradikal bekennt. Da habe sie sich kurz unwohl gefühlt, die Situation ohne viel Diskussion verlassen und Rückhalt im Team gesucht.

Aufatmen, wenn alles gut geklappt hat. Foto: Jugendpresse Deutschland / Thomas Fries
 

Ende gut, alles gut?

Den rapiden Abstieg bei den Zustimmungswerten von 27 Prozent vor knapp einem Jahr bis auf 18 Prozent nur wenige Tage vor der Wahl kann sie sich nicht erklären. Sie versucht, nach kurzem Zögern eine schlüssige Erklärung zu finden. Viele Menschen hätten nicht auf dem Schirm, dass Landtagswahl ist. Es sei außerdem egal gewesen, was die CDU in ihrem Wahlkampf macht, es laufe bei der Partei ohnehin auf ein solides Ergebnis hinaus. Ein Hauch Ratlosigkeit macht sich auf ihrem Gesicht breit, den sie schnell wieder versucht zu vertreiben.

Insgesamt schließt Nnadi aber ein positives Fazit. Bei künftigen Wahlkämpfen würde sie bei geplatzten Terminen entspannter reagieren. Wo sie früher fünf Minuten brauchte, um sich zu sammeln, überlegt sie sich nun sofort einen Plan B. Auch ihre Scheu vorm Telefonieren konnte sie etwas ablegen.

Wie es für sie weitergeht, hängt auch davon ab, wie viele Wählende an diesem einen besonderen Tag den Grünen ihre Stimme geben. Es fühle sich komisch an, nicht zu wissen, was am Montag ansteht, erzählt sie. Ihr Vertrag sei bis Ende Mai befristet, eine weitere Beschäftigung zwar von beiden Seiten gewünscht, aber trotzdem ungewiss.

So richtig realisiere sie das zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Aber zu Not liegt da ja auch noch eine Masterarbeit in der Schublade, die beendet werden will und für die nach dem Wahlkampf endlich wieder Zeit wäre.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.