Aufgeben ist keine Option

Larena Klöckner ist freie Journalistin und hat Depressionen. Im Gespräch mit politikorange-Redakteur Arne Seyffert erklärt sie, was getan werden muss, um mehr Aufmerksamkeit auf das Thema mentale Gesundheit zu lenken.

Foto: Larena Klöckner

Auf die Frage, wie es ihr geht, muss Larena Klöckner eine Weile überlegen. Sie möchte nicht unbedacht immer nur „gut“ sagen, einfach, weil das auch nicht immer stimmt. Trotzdem sagt sie, dass sie sich im Moment gut fühlt.
Larena, 26 Jahre alt, ist freie Journalistin, studiert und lebt in Berlin. Freude am Schreiben hatte sie schon sehr lange. Wie viele hatte sie keine Idee, was sie nach dem Abitur machen möchte. „Es sollte aber etwas sein, das sinnstiftend ist”; der Gesellschaft etwas bringt. Sie wusste damals, dass ihre Oma, die sie stark geprägt hat, hundertprozentig hinter ihr steht, also hat sie sich mit 20 für das erste Praktikum bei einer Online-Lokalredaktion beworben. Heute schreibt sie leidenschaftlich gerne über Feminismus, queere Themen, Gesundheit und Gesellschaft. Seit kurzem widmet sie sich auch dem Sterben als Thema in ihren Texten, die beim Tagesspiegel, der taz und anderen Herausgeber*innen erscheinen. Festlegen auf ein Gebiet? Möchte sie sich nicht.

Am Anfang sei ihr noch nicht so stark bewusst gewesen, dass hinter einem Artikel mehr Arbeit steckt, als man denkt, erzählt sie. Von anderen Kolleg*innen kommen manchmal Sätze wie: „Das ist ja nur ein Artikel! Den schreibe ich an einem Nachmittag.“ So leicht ist es nicht, besonders in der Anfangszeit. Vielen fällt es schwer, wirklich an einer Sache dran zu bleiben. Aber Larena ist dran geblieben. Trotzdem ist die Arbeit als Journalistin nicht immer einfach für sie. Larena hat Depressionen und nimmt daher seit 9 Jahren psychologische Hilfe in Form einer Therapie in Anspruch . Umso stolzer ist sie deshalb auf einen Beitrag, in dem sie über ihre Depressionen schreibt. Sie ist eine der wenigen Journalist*innen, die offen darüber spricht. Depressionen? Als Journalist*in? Besser nicht, denn es wird erwartet, dass man abliefert, und zwar schnell, ohne Probleme . Doch wenn man eine depressive Phase hat, kann man weder liefern, noch präsent sein und sogar manchmal nicht zur Arbeit kommen.

Journalismus und Social Media

Social Media hat den Journalismus umgewälzt und tut das noch immer. Larena beschreibt die Folgen für sie ganz eindringlich. Immer soll man auf Twitter Präsenz zeigen und auf Instagram erreichbar sein. Und es gibt diesen immensen Vergleichsdruck. „Warum hat der oder die schon wieder etwas geschrieben und ich gerade nicht?“, fragt sie sich dann. Ist es okay, wenn ich heute Abend mal eine Pause mache? „Das Handy muss auch mal abgeschaltet werden, damit man regelmäßig gute und kreative Arbeit leisten kann.”

Tatsächlich ist Larena kein Einzelfall. Etwa zwei Drittel aller Journalist*innen sind schon vor Arbeitsantritt müde und 40% fühlen sich „emotional ausgelaugt“. Einer Studie der Otto Brenner Stiftung zufolge denken 60% der Befragten über einen Berufswechsel nach. Mit anderen Worten: Der Branche geht es nicht gut. Und Social Media stellt sie vor große Herausforderungen, bringt aber auch Chancen mit sich. Larena meint dazu: Noch nie sei es einfacher gewesen, Journalist*innen oder Redaktionen direkt anzuschreiben, sie um etwas zu bitten oder einfach eine Frage zu stellen. Noch nie konnte jede*r so leicht sehen, wo er/sie im Vergleich zu anderen steht. Andererseits ziehe das ein ewiges Vergleichen nach sich. Und das wirke sich negativ auf das Selbstwertgefühl aus. Larena erzählt, es sei eine Überwindung für sie gewesen, den Artikel zu veröffentlichen. Besonders verunsicherte sie, nicht zu wissen, wie die Reaktionen dazu ausfallen würden. Doch ihre Arbeitgeber*innen haben nach dem Bekenntnis zu ihren Depressionen Akzeptanz und Verständnis gezeigt: „Die Verantwortung lag bei mir. Ich wurde nicht bevormundet.“ Sie konnte sich selbst eine Pause nehmen, wenn sie das brauchte.

Langfristig mehr Aufmerksamkeit?

Auf die Frage, wie mehr Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt werden kann, antwortet Larena erst nach kurzem Nachdenken. „Das Thema muss offener thematisiert werden, das kann auch in kleinen Gesprächen, durch kleine Impulse oder auch durch Gesten der Freundlichkeit passieren.“ Außerdem darf mentale Gesundheit nicht nur wie ein „Trendthema“ behandelt werden, sondern muss dauerhaft präsent sein. Denn nicht nur die Zivilgesellschaft, auch die Führungskräfte müssen begreifen, dass die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeitenden sehr wichtig ist. Von erholten und gesunden Journalist*innen profitieren nicht nur die Vorgesetzten, sondern vor allem auch die Leser*innen.

Trotz all dem, was sie erlebt hat, hat Larena Klöckner nie ans Aufgeben gedacht: „Dafür mag ich die Branche zu sehr.“ Da sei sie stur, genau wie ihre Oma, die früher ihre größte Bezugsperson gewesen sei. Larena will nicht aufgeben.
Die Resonanzen auf ihren Beitrag waren sehr positiv, daran habe sie auch gemerkt, wie wichtig es für sie war, dass sie den Artikel veröffentlicht hat. „Es musste ausgesprochen werden.“ Dennoch sei es seltsam gewesen, das erste Mal auf den Artikel von Kolleg*innen angesprochen zu werden, mit der Zeit wurde es aber besser.

Möglichkeiten zum Stressabbau

Neben ihrer Tätigkeit als studentische Mitarbeiterin beim Tagesspiegel arbeitet Larena hauptsächlich als freie Journalistin. Eine andere Möglichkeit, journalistisch tätig zu sein, ist die Festanstellung bei einem Medienhaus oder einer Rundfunkanstalt. Möglicherweise bietet diese auch mehr Stabilität, wodurch auch die Psyche weniger stark beansprucht werden würde. Larena sagt, beides habe Vor- und Nachteile. Sie genieße aber gerade eher die Vorteile des freien Journalismus.

Um den mentalen Stress im journalistischen Alltag wirklich zu verringern, müssen die Fragen und Probleme der Redakteur*innen, insbesondere die der jungen Redakteur*innen, ernst genommen werden. Genauso könnten ältere Mitarbeitende den Jüngeren helfen, zum Beispiel, in dem Raum für Gespräche geschaffen wird. Kleine Gesten, in denen Kolleg*innen ihren Respekt und ihre Aufmerksamkeit ausdrücken, können manchmal Wunder bewirken, sagt Larena.

Zweifellos ist es wichtig, schon in der Ausbildung zum/-r Journalist*in über den richtigen Umgang mit dem mentalen Druck aufgeklärt zu werden. In dieser Hinsicht geschehe noch viel zu wenig, meint Larena. Sie vermisst umfangreiche Angebote von Universitäten und Journalist*innenschulen. Es gibt zu wenig Ansprechpartner*innen. Aber an der katholischen Journalistenschule ifp in München, an der sie eine (studienbegleitende) Journalismusausbildung absolviert, habe sie gute Erfahrungen gemacht. Hier wäre es vollkommen in Ordnung, wenn sie wegen ihrer Depressionen ein paar Tage fehlt. „Es ist auch ganz wichtig, Depression als ernstzunehmende Krankheit anzuerkennen.“ Mit jemandem zu sprechen, dem man vertraue, sei enorm hilfreich, so Larena.

Die Studie der Otto-Brenner-Stiftung, die im Juli 2022 veröffentlicht wurde, ist eine der wenigen, die die mentale Gesundheit im Journalismus thematisiert. Sicherlich ist der Journalismus nicht die einzige Branche mit Verbesserungsbedarf, aber es ist trotzdem auffallend, wie selten hier darüber gesprochen wird. Menschen wie Larena Klöckner beginnen, das zu ändern. „Die Journalismusbranche steht kurz vor einem kollektiven Burnout.”, sagt die dju-Bundesvorsitzende Tina Groll dazu. Doch dazu muss es nicht kommen, wenn mehr Menschen über diese Missstände berichten, meint Larena.
„Die Angst vor dem ‚Kann ich das?‘ war groß, aber als ich gemerkt habe, dass ich mit meiner Erkrankung nicht allein bin, hatte ich eigentlich alles erreicht, was ich mir erhoffen konnte.“

 

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