Gehört, aber nicht ernst genommen

In der Theorie kaum bekannt, im Alltag jedoch die Lebensrealität vieler junger Menschen: Adultismus. politikorange-Redakteurin Sophia Mauersberger kommentiert  die ungleichen Machtverhältnisse der Generationen.

„Du bist zu jung!“ oder „Dir fehlt die Reife dafür!“ haben sich wohl schon viele Jugendliche in ihrem Alltag anhören müssen – so auch ich. Das Argument des Alters fällt besonders häufig im Politikbetrieb. Je jünger die Engagierten sind, desto größer ist die Skepsis einiger älterer Politiker*innen.

Khenissi spricht im Plenum und bringt seine sozialdemokratischen Ansichten ein, die er normalerweise meist lokalpolitisch vertritt. Foto: Jugendpresse Deutschland / Ella-Sophia Seeger

Das musste auch Rachid Khenissi (*1996) erfahren, der sich bereits im jungen Alter der Politik gewidmet hat. Der junge Frankfurter ist Teil des Bundesvorstandes der Jusos und das jüngste Vorstandsmitglied der SPD Frankfurt. Bei seinem Engagement in seiner Partei trat die Altersfrage oft auf, meint der Student. Besonders die „Reife und Erfahrung, die man angeblich nicht gemacht hätte“ waren Thema. Dieses Argument Erwachsener fällt häufig, auch in Gesprächen, die sich nicht mit Politik befassen. Ob Promi-Klatsch, Wissenschaft oder Essen – schnell treffen zu Hause Meinungen aufeinander, wobei die jüngere Generation (zu der ich gehöre) als unwissend abgestempelt wird.

Khenissi hat jedoch weitergemacht, sich weiter eingebracht. Adultismus sollte man nicht auf sich sitzen lassen, führt er an: „Wir sind dazu da, Sachen zu verändern, nicht das Label verändert uns“. Sofort schießen mir jedoch Negativbeispiele durch den Kopf. Schon öfter hatte ich das Gefühl, dass Menschen diesen ungerechten Umgang mit jungen Menschen immer weniger verändern wollen, je mehr Macht sie selbst bekommen. Problematisch wird es dann, wenn sich Jugendliche den bereits bestehenden Strukturen und Systemen fügen oder veraltete Normen dulden, mit der Aussicht, selbst einmal oben im Machtgeschehen zu stehen. Denn auch ein Großteil der heutigen Erwachsenen hat selbst einmal Adultismus erlebt. Das Motto „Ich musste da durch, also müsst ihr das jetzt auch“, ist dabei mehr als veraltet. Es entsteht ein Kreislauf, der angetrieben wird von der Starrheit des gesellschaftlichen Umgangs mit Adultismus. Ohne alte Verhältnisse aufzubrechen, lässt sich dieser nicht stoppen.

Älter gleich intelligenter?

Adultismus stammt von dem Wort „adult“ (latein: adultus, also erwachsen) ab. Beschrieben wird dabei das ungleiche Machtverhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern beziehungsweise Jugendlichen. Auch wenn Adultismus namentlich nur wenigen Personen in Deutschland bekannt ist, nimmt die Praxis einen großen Teil der Lebensrealität junger Menschen ein und beeinflusst sie in ihrer politischen Partizipation.

Da Adultismus heutzutage normalisiert ist, hinterfragt gegenwärtig kaum jemand die Ungleichbehandlung – ebenso im Bundestag. So spricht sich beispielsweise Beatrix von Storch mit den Worten „Jugendliche sind mit 16 nicht in der Lage, die Zusammenhänge der politischen Arbeit zu verstehen […]” im Mitgliedermagazin „AfD kompakt“ gegen eine Wahlaltersenkung aus. Parallel spricht die Abgeordnete der AfD-Fraktion den jungen Menschen ihre Kompetenz und den Wert ihrer politischen Meinung ab.

ManuEla Ritz, Sozialpädagogin und Autorin, gibt im „Handbuch Kinderwelten. Vielfalt als Chance – Grundlagen einer vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung“ wieder, dass ältere Menschen häufig der Auffassung seien, kompetenter und intelligenter zu sein. Die Abwertung der Meinung von Jüngeren stehe so auf der Tagesordnung. Schließlich können Größere allein durch die Überhöhung der eigenen Person Heranwachsende verunsichern und deren Interessen mittels der unsichtbaren Machtstrukturen hintenanstellen.

Teilhabe auf Papier

Adultistismus findet man überall, wo Generationen aufeinandertreffen. Ein Ort, an dem sich Erwachsene und Jugendliche fast täglich begegnen, sind unter anderem  Schulen. Hier fängt Jugendbeteiligung und Demokratieförderung bereits in jungen Jahren an. Ausschlaggebend sind hierbei die Schüler*innenvertretungen. Neben positiven Erfahrungen prägen sich vor allem negative Momente in die Köpfe der Schüler*innen ein, denn obwohl die Teilhabe am Schulleben faktisch gegeben ist, mangelt es oft an der Umsetzung. Kostenfreie Periodenprodukte sind beispielsweise für viele Schulen doch ein Tick zu viel „Organisationsaufwand“. Frust entsteht leicht, wenn Verantwortliche sich den Forderungen der Schüler*innenschaft entziehen und somit die Hoffnung auf demokratische Prozesse nehmen. Wenn Demokratie schon im „kleinen“ Rahmen nicht funktioniert, wie soll sie das dann auf Bundesebene?

Wenn Lehrende selbst nicht für Demokratie brennen und Werte nur uninteressiert vermitteln, kann der Funke auch nicht auf die Jugend überspringen. Der Anreiz, sich in der jeweiligen Schüler*innenvertretung zu engagieren, sinkt dann und die Mentalität „jemand anderes wird es schon machen“ steigt. Ohne meine Gemeinschaftskunde-Lehrerin in der Unterstufe hätte ich mich wahrscheinlich nicht so früh für Politik interessiert und engagiert. Während ich Hoffnung auf Veränderung alter Muster in mir trage, weiß ich, dass Schüler*innen anderer Schulen froh sind, nach dem Abschluss nicht mehr mit Politik konfrontiert zu sein.

Heidi Reichinnek ist unter anderem Sprecherin für Kinder-, Jugend-, Frauen- und Senior*innenpolitik. Foto: DIE LINKE. / Felix S. Schulz

Neue Generationen, alte Strukturen

Um 11:30 Uhr klingelt mein Handy. Der Redaktionsraum strahlt eine tiefe Ruhe aus. Im Kontrast dazu zeigt sich Heidi Reichinnek am anderen Ende der Leitung trotz Krankheit mit purer Energie.

Ich höre Dankbarkeit heraus, als die Abgeordnete der LINKEN verbalisiert, dass sie sehr viel Glück hatte. Ihr Alter war für Genoss*innen nicht das Problem. Kritik, erzählt die 34-Jährige, kam diesbezüglich meist nur unterschwellig: „[…] Dass man das manchmal an ’nem Blick sieht oder an irgendeinem Spruch merkt, oder dass man vor allem merkt, dass Männer die Tendenz haben, in die Redebeiträge, die man gerade hält, reinzuquatschen“. Dennoch schließt sie reflektierend an, dass andere Genoss*innen auch andere Erfahrungen gemacht haben.

Die Abgeordnete ist mit ihrer Erfahrung wahrscheinlich ein Einzelfall und ist sich dessen auch bewusst. Immer wieder betont sie, dass sie erst relativ „spät“, nämlich mit 27, in die Politik kam. Menschen, die sich schon wesentlich früher politisch engagieren, sammeln hingegen häufiger Erfahrungen mit Adultismus.

Adultismus und andere Diskriminierungsformen gilt es dabei meiner Meinung nach im großen Ganzen zu sehen. Auch die Bekämpfung kann und sollte sich nicht auf einzelne Parteien beschränken. Den Wunsch, parteiübergreifend zu agieren, besitzt auch Reichinnek. Geprägt ist sie dabei wohl nicht zuletzt durch ihren beruflichen Werdegang zur pädagogischen Mitarbeiterin der Kinder- und Jugendhilfe. Die Abgeordnete betont, dass es wichtig für sie sei, ihre Perspektive auf Adultismus aktiv einzubringen, weil sie das vor dem Mandat in ihrem Beruf als pädagogische Mitarbeiterin erlebt habe.

Fatale Folgen und Frust

Perspektiven junger Menschen fehlen meist im Politikbetrieb in Berlin. Wie kann man sich als Jugendliche*r auch ernst genommen fühlen, wenn man alterstechnisch kaum im Parlament vertreten ist? Aus meiner Sicht sind 5,16 Prozent Abgeordneten unter 30 nichts, womit man prahlen kann. Selbst in der Linksfraktion finden sich nur wenige junge Abgeordnete – die Jüngste: Heidi Reichinnek. Weitere jüngere Genoss*innen standen zur Bundestagswahl 2021 auf den Listenplätzen weiter unten.

Adultismus beeinflusst Jugendpartizipation weltweit, auch in der Bundesrepublik. Überall ist dabei die Machtlosigkeit und die Abwertung der eigenen Meinung von Jugendlichen gleich – zu jung, zu naiv, zu unerfahren. Das frustriert nicht nur mich, sondern auch meine Freund*innen. Zu wissen, dass man politische Veranstaltungen besucht und sich an angesprochenen Themen nur selten etwas ändert, steigert unsere Motivation nicht gerade. Noch frustrierender wird es jedoch, wenn man zusätzlich Sexismus, Rassismus und/oder weitere Diskriminierung erfahren muss. Wenn sich Jugendliche in den Parlamenten Deutschlands schon nicht repräsentiert fühlen, sollten sie wenigstens den Eindruck haben, gehört zu werden. Nicht zuletzt kann das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, zu einer politischen Radikalisierung führen. Adultistisches Verhalten und der Ruf nach mehr Jugendbeteiligung sind ein Widerspruch in sich.

Mutiger Aufbruch trotz Gegenwind

Die BundesJugendKonferenz bietet Jugendlichen die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen, ernst genommen zu werden und sich miteinander zu vernetzen. Foto: Jugendpresse Deutschland / Ella-Sophia Seeger

Veränderung, Strukturen, Verbündete – diese Schlagworte fallen in Interviews und auf der BuJuKo immer wieder. Jugendliche auf der BuJuKo senden ein deutliches Signal: Wir sind da. Wir wollen gehört werden – und viel wichtiger: Wir haben eine Meinung, die wir uns nicht ausreden lassen. Es ist essentiell, dass die junge Generation aktiv Vertreter*innen in die Politik bringt, denn die Menschen, die aktuell Macht haben, behalten die kommenden Generationen nicht genug im Blick. Und um Vertreter*innen in einer Generation zu haben, gilt es nun, sich nicht entmutigen zu lassen. Auch persönlich wird mich der viele Frust nicht davon abhalten, mich weiter zu engagieren.

Gerade deshalb sind Veranstaltungen wie die BuJuKo entscheidend, um Jugendliche untereinander zu vernetzen. Denn eine Sache gemeinsam anzugehen, ist leichter als allein – das kann ich aus Erfahrung nur bestätigen. Khenissi möchte Jugendliche zum Schluss unseres Gespräches ebenfalls ermutigen und appelliert mit dem Ratschlag „Weiterkämpfen, durchhalten, Sitzfleisch“. Auch Reichinnek appelliert an die Jugend: „Traut euch und sucht euch Verbündete! Es ist immer einfacher, wenn man Sachen gemeinsam angehen kann.“ Das sind Worte, die nicht nur ich, sondern auch viele engagierte Jugendliche da draußen gebrauchen können.

Es braucht aber mehr als nur die Motivation. Beide Politiker*innen sind sich der Notwendigkeit bewusst, junge Menschen und ihre Perspektiven ernst zu nehmen. Schlussendlich bringt es nämlich nichts, über kinder- und jugendrelevante Themen zu entscheiden, wenn Jugendliche selbst nicht mitreden können und nicht ernst genommen werden. Am schlimmsten ist es aber, wenn die junge Meinung gehört, aber ignoriert wird.

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