Rechnung hoch, Heizung runter

Wenn Energiepreise nicht mehr bezahlt werden können, müssen viele Menschen ihre Heizung runterdrehen. Was das zuständige Ministerium zu Energiearmut sagt, und wie sich Frieren in den eigenen vier Wänden anfühlt.

Vor allem für Personen, die von Armut betroffen sind, stellen steigende Energiekosten eine Herausforderung dar. Foto: Jugendpresse Deutschland / Saad Yaghi.
Vor allem für Personen, die von Armut betroffen sind, stellen steigende Energiekosten eine Herausforderung dar. Foto: Jugendpresse Deutschland / Saad Yaghi.

Jacqueline* sitzt eingepackt in drei dicken Decken und zwei Pullovern vor ihrem Laptop. Draußen herrscht eisiger Winter in einer deutschen Großstadt. Drinnen sind es in ihrem Zimmer nicht einmal zehn Grad warm. Gegen die Kälte hat sie sich eine Wärmflasche auf ihren Schoß gelegt. Damit sie überhaupt auf der Tastatur ihres Laptops tippen kann, sitzt sie mit fingerlosen Handschuhen da.

Die 26-Jährige ist von Energiearmut betroffen. Was genau Energiearmut ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Denn eine genaue  Definition existiert nicht. Meistens versteht man darunter, dass es sich jemand nicht leisten kann, genügend zu heizen oder zu Hause so viel Energie wie nötig zu nutzen.

200 Euro müssen reichen

Um einen Ausbildungsplatz in der Veranstaltungstechnik zu finden, zog Jacqueline 2020 nach Bonn. Doch Corona kam dazwischen – und die Branche bildete nicht mehr aus. Um ihre täglichen Kosten für Miete und Leben stemmen zu können, versuchte sie sich deshalb mit Jobs in der Gastronomie über Wasser zu halten. Doch auch hier machte ihr Corona einen Strich durch die Rechnung: Im November verhängte die Bundesregierung einen Lockdown, weshalb die Gastronomie dichtmachen musste. Ihr Arbeitgeber meldete für die Mitarbeiter*innen Kurzarbeit an. In der Folge reduzierte sich ihr monatliches Gehalt auf 200 Euro. Damit musste sie alle Kosten für Lebensmittel, Miete, Zugtickets und Heizung decken.

Gerade die Kosten für die Gasheizung erschwerten ihre Situation. Das Haus, in dem die Wohngemeinschaft wohnte und in die Jacqueline zog, war ein energieineffizienter Altbau. „Zugige Fenster, dicke Mauern – einfach im Sommer unerträglich heiß, im Winter ziemlich kalt”, beschreibt sie das Gebäude. „Und dann kam die erste Rechnung. Ich dachte: Scheiße, okay, das müssen wir reduzieren.” Die betrug 260 Euro – auf drei Mitbewohner*innen aufgeteilt waren das noch immer etwa 87 Euro. Das Risiko bestand, dass sie die Heizkosten in Zukunft nicht mehr bezahlen konnte.

Bei Zahlungsrückstand droht die Stromsperre

Wenn jemand in Deutschland seinen Strom oder das Gas nicht gezahlt hat, versenden die Energieversorger eine erste Mahnung. Entweder direkt danach oder im Anschluss können sie androhen, den Strom oder das Gas abzuschalten. Eine Drohung, das Gas abgestellt zu bekommen, haben 2020 etwa 980.000 Haushalte in Deutschland erhalten. Beim Strom waren es ungefähr viermal so viele. Ist der Rückstand bei der Zahlung dann noch immer nicht beglichen, können die Energieversorger frühestens vier Wochen nach ihrer Androhung eine Sperrung beim Netzbetreiber beauftragen. Eine Sperrung muss zwar verhältnismäßig sein, anders als bei Strom existiert bei Gas aber keine Untergrenze für ausstehende Forderungen, ab der die Anbieter diese Sperre vornehmen dürfen.

Und der Prozess einer Sperre kann schnell teuer werden: Folgen die Gaslieferanten einer pauschalen Berechnung, betragen die Kosten für die Mahnung, Sperrung und Wiederherstellung zusammen, laut Monitoringbericht Energie 2021, durchschnittlich etwa 107 Euro. Mehr als die Hälfte dessen, was Jacqueline noch mit der Kurzarbeit an Geld erhielt.

Eine Gassperre hätte sie deshalb nicht riskieren können. Um bei der nächsten Abrechnung nicht einen erneuten Schock zu bekommen, sorgte sie dafür, dass „in den Badezimmern zum Beispiel die Heizung auf Null runter war.” Auch der Durchlauferhitzer im Bad hätte zu viel Energie verbraucht. Damit war für sie eine Dusche nur kalt möglich. Zusammen mit der ständigen Kälte hinterließ das Spuren: „Ich war sehr viel krank, dauernd müde, hatte mehr Hunger als normalerweise, weil der Körper irgendwie versucht, das Energiedefizit, was da entsteht, wieder auszugleichen.” Essen und Medikamente – beides konnte sie sich eigentlich nicht leisten: „Selbst sowas Dummes wie Hustensaft bei dm kostet halt auch wieder alles Geld, was eigentlich nicht da ist und dann an anderer Stelle fehlt.“

Stephan Gabriel Haufe, Pressesprecher des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz, im Interview mit der politikorange-Redaktion. Foto: Jugendpresse Deutschland / Saad Yaghi.
Die politikorange-Redaktion im Gespräch mit Stephan Gabriel Haufe, Pressesprecher des BMWK. Foto: Jugendpresse Deutschland / Saad Yaghi.

Stephan Gabriel Haufe, Pressesprecher des Bundeswirtschaftsministeriums, sagt im Interview mit politikorange, dass es Energiearmut „schlichtweg nicht geben” dürfe. Das passe für so ein reiches Land wie Deutschland nicht zusammen. Es gebe daher bereits Projekte, um der Energiearmut entgegenzuwirken. So zum Beispiel im Rahmen einer Zusammenarbeit mit Sozialverbänden wie der Caritas, wodurch Betroffene finanzielle Unterstützung und Energieberatung erhalten können. Ausreichend seien diese Projekte jedoch noch nicht. Haufe räumt ein, „dass das Thema vielleicht zu wenig auf der Agenda gewesen ist”. Das Sozialministerium wiederum prüft laut eigener Aussage fortlaufend je nach aktueller Situation, die Belastungen durch die Inflation durch weitere Maßnahmen sozial abzudämpfen.

„Man wacht aus Albträumen auf und zittert”

Nicht nur die Sorge, die Energie nicht mehr bezahlen zu können, zehrt schon jetzt an den Nerven der Betroffenen. Auch die Kälte, wenn nicht mehr ausreichend geheizt werden kann, bringt sie an den Rand ihrer Kräfte. „Man wacht aus Albträumen auf und zittert”, berichtet Jacqueline. Gerade die Zeit um Neujahr habe sie „viel im Halbdämmer verbracht. Nicht ganz wach, aber auch nicht im Schlafen. Man existiert halt vor sich hin und wartet, bis die Zeit umgeht.”

Um wenigstens etwas Wärme zu erhalten, stellte die damals 26-Jährige drei Teelichter auf und montierte darauf einen Tonblumentopf, der die Wärme speichert und an den Raum abgibt. Doch selbst hinter dieser Notlösung verbergen sich Gefahren: Was, wenn sie die Teelichter vergessen würde? Jacqueline wollte die Konstruktion deshalb ständig im Auge behalten. „Wenn dann die Wohnung abbrennt, ist das natürlich der finanzielle Totalschaden“, befürchtete sie.

Jacqueline konnte letztlich ihre Energieschulden bei ihrem Vermieter anschreiben lassen. Mittlerweile kann sie bei den Eltern ihres Partners wohnen. Das rettete sie davor, obdachlos zu werden. Doch die Heizkosten der vergangenen Jahre zahlt sie noch heute ab. Stimmen aus Politik und Energiebranche äußerten gegenüber politikorange die Sorge, dass künftig aufgrund steigender Energiepreise noch mehr Menschen von Energiearmut betroffen sein werden – und es damit noch mehr Menschen so gehen wird wie Jacqueline.


*Name von der Redaktion geändert.

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