Ein „wilder Ritt“ durchs Wahlprogramm

Die Kielerin Johanna Brüggemann ist seit vielen Jahren Content Creatorin und bloggt viel über Nachhaltigkeit. In einer Partei war sie bisher nicht aktiv. Im Interview mit politikorange-Redakteur*in Yasmin Orouji spricht sie darüber, welcher Zufall sie in das Schreibteam zum Wahlprogramm der Grünen und letztendlich auch zur Parteiarbeit brachte.

Vor der Landtagswahl 2022 hatte Johanna Brüggemann nie an einem Wahlprogramm mitgeschrieben.
Foto: Jugendpresse Deutschland / Thomas Fries
politikorange: Wie bist du denn dazu gekommen, das Wahlprogramm der Grünen zu schreiben?

Johanna Brüggemann: Das war ganz lustig. Ich habe eine Mail von Steffen Regis, dem Landesvorsitzenden der Grünen in Schleswig-Holstein, bekommen, der mich gefragt hat, ob ich Lust darauf hätte. Ich habe so etwas selbst nie gemacht. Ich schreibe Texte, aber das ist nochmal eine komplett andere Liga. Das kam so ein bisschen aus dem Nichts. Und dann ging‘s schon los. 

Weißt du, wie Steffen Regis auf dich aufmerksam wurde?

Ich kannte Steffen tatsächlich schon. Wir waren zusammen im Hambacher Forst in NRW. Ich bin hingefahren, um gegen die drohende Abholzung zu demonstrieren. Steffen war mein Sitznachbar im Bus und wir sind ins Gespräch gekommen. Steffen hat sich an mich erinnert und dachte sich wohl: Johanna kann man anzapfen. 

Was beeinflusste dich, als du das Wahlprogramm geschrieben hast?

Wirklich beeinflusst hat mich nichts. Ich habe ja nicht meine eigenen Ideen reingeschrieben. Der Ansatz der Grünen war, dass die Partei eine unabhängige Person wollte, damit man einen externen Blick einfängt und Dinge nicht ganz so kompliziert ausdrückt. Sie wollten vermeiden, dass dieses Wahlprogramm unverständlich klingt. Deswegen war mein eigener Anspruch, zu versuchen, eine Einfachheit in diese komplexen Themen reinzubringen.

Wie verlief der Schreibprozess für dich?

Nicht nur ich war in der Schreibgruppe. Es waren Steffen Regis, Rasmus Andresen und Hannah Wolf. Außerdem gab es Landesarbeitsgruppen, die Textentwürfe gemacht haben. Teilweise waren es formulierte Texte, dann wieder Stichpunkte oder Gedankenwolken. Wir haben diese Texte bekommen und mussten daraus einen Fließtext machen. Das war auf allen Ebenen ein sehr wilder Ritt. Aber es hat Spaß gemacht. 

Das Schöne ist auch, dass wir alles am Ende mit Monika Heinold und Aminata Touré durchgegangen sind. Ich hätte nicht gedacht, dass sich das Spitzenduo jedes einzelne Wort von einem Wahlprogramm durchliest. Aber beide sind das komplette Programm durchgegangen und haben ihre Anmerkungen und Einschätzungen eingebracht.

Hat dir deine Arbeit als Bloggerin geholfen, das Wahlprogramm mitzugestalten?

Ich habe schon viele Texte geschrieben und auch Interviews geführt. Deswegen kenne ich mich ein bisschen mit Politik aus. Ich komme aus dem Lehramt und schaffe es dadurch, komplexe Infos auf den Punkt zu bringen. 

Wie viel freie Hand hattest du beim Schreiben?

Wir haben uns vorher überlegt, in welche Richtung es geht, weil es nicht hochgestochenes Deutsch sein sollte. Das Programm soll nahbar sein, die Stimmung muss nicht düster und ernst sein, sondern hoffnungsvoll in die Zukunft schauend – wie die Grüne Politik.

Sind Content Creator*innen wichtig beim Verfassen von Wahlprogrammen?

Ich würde nicht sagen, dass Content Creator unbedingt wichtig sind. Ich finde es wichtig, dass man sich als Partei einem externen Blick stellt. Im Grunde wird es von Bürgern und Bürgerinnen gelesen. Ich fand es wirklich schön, dass man das Ziel hatte, das Wahlprogramm verständlich zu machen. Durch die ganzen Änderungsanträge ist aber auch viel leichte Sprache rausgeflogen und ein paar komplexere Sachen reingekommen. 

Wie kann man es schaffen, dass viele Wähler*innen das Programm lesen?

Ich hatte eine Idee, die es tatsächlich nicht reingeschafft hat. Wir hatten am Anfang überlegt, ob wir das Wahlprogramm wie ein Sachbuch aufbauen, damit das Ganze mehr Tiefe bekommt. Da wir den Zeitplan immer weiter nach hinten schieben mussten, ist das leider rausgefallen. Wenn ich „in charge“ gewesen wäre, hätte ich geguckt, wie man es kürzer hält. Aber es ist wirklich nicht leicht, eine Balance zwischen Inhalt und Kürze zu schaffen. 

 

Johanna Brüggemann (rechts) und Yasmin Orouji (links) im Gespräch. Foto: Jugendpresse Deutschland / Thomas Fries
Was machen die Grünen in ihrem Wahlprogramm anders als andere Parteien? 

Ich habe tatsächlich nicht in die anderen Wahlprogramme reingeguckt. Aber ich finde allein den Anspruch dahinter sehr lobenswert, dass man alle Versprechen auch auf Machbarkeit gecheckt hat und sich ambitionierten Zielen stellt. 

Sind Wahlprogramme wichtig für Erstwähler*innen? 

Für Erstwähler*innen kann ich mir vorstellen, dass man sich in Zukunft überlegt, einen Wahlprogramm-Podcast zu machen und sich jede Woche ein Thema vornimmt. Wer hat schon Lust, sich so einen Batzen durchzulesen. Das machen auch die wenigsten erwachsenen Leute. Die meisten sagen: Ich bin jetzt Mittelständler, lese mir das Kapitel Wirtschaft durch und schaue, was da für mich interessant ist. Für Erstwähler*innen könnte man das Wahlprogramm in verständliche Punkte runterbrechen.

Hat dir das Mitwirken beim Wahlprogramm geholfen, Politik hinter den Kulissen besser zu verstehen?

Definitiv. Politik ist auch immer ein Kompromiss. In der Regel findet man keine Partei, die zu hundert Prozent die eigenen Interessen vertritt. 

Ich hatte eher damit gerechnet, dass alle mehr an einem Strang ziehen. Innerhalb der Partei gibt es immer auf unterschiedlichen Ebenen diverse Meinungen. Das merkt man auch bei den ganzen Änderungsanträgen. Es ist spannend zu sehen, wie sich das Wahlprogramm entwickelt hat und wie am Ende etwas daraus geworden ist, hinter dem alle stehen können. Das ist das Wichtigste. 

Mittlerweile bist du ja doch Mitglied bei den Grünen. Was hat dich dazu bewogen?

Ich hatte die Idee den Grünen beizutreten tatsächlich schon länger im Kopf. Die Inhalte im Programm haben mich tatsächlich einfach überzeugt und mir hat das Team und die Stimmung gut gefallen. Das war etwas, was ich gern mit einer Parteimitgliedschaft unterstützen wollte. 

Und in welcher Form geht für dich die Parteiarbeit in Zukunft weiter?

Das weiß ich tatsächlich noch gar nicht so genau. In Kiel ist ja nächstes Jahr dann die Bürgermeisterwahl, da werde ich vielleicht mal in die Beteiligungsprozesse zum Programm hineinschnuppern. Ansonsten lasse ich mich treiben und schaue, was passiert.

 

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