Jung und jüdisch – So leben, wie es passt

#tsuzamen

Immer noch sind stereotype Bilder von orthodoxen Juden mit Hut und Locken präsent. Doch wie sieht eigentlich das jüdische Gemeindeleben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Jahr 2021 aus? Eine Reportage von Viviane Bandyk.

In den Zeiten von Social Distancing finden viele Veranstaltungen der Gemeinde Düsseldorf online statt. | Foto: Jüdische Gemeinde Düsseldorf

Jüdisches Leben in Deutschland existiert – und das schon lange. Spätestens seit dem Festjahr 2021, in dem gefeiert wird, dass seit 1700 Jahren jüdische Menschen in dem Gebiet des heutigen Deutschlands wohnen, sind in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden wieder verstärkter im gesamtgesellschaftlichen Fokus.

Natascha Tolstoj studiert Grundschullehramt und ist Leiterin des Jugendzentrums der jüdischen Gemeinde Dortmund. Die 21-Jährige ist seit 2016 im Jugendzentrum Emuna aktiv und 2019 Leiterin geworden. Gemeinsam mit ihrem Team entwirft sie den Jahresplan, der Aktivitäten für die Kinder sowie Gemeindetreffen beinhaltet.

Jeden Sonntag bietet die Gemeinde ein Programm für Kinder an. Dieses fand vor der Corona-Pandemie vor Ort statt, derzeit ist die Gemeinde auf Online-Veranstaltungen umgestiegen. „Anfangs haben wir fast jeden Tag etwas angeboten, auch über Zoom. Wir haben gebacken, Ketten gebastelt.“ Neben den Aktivitäten können die Kinder sonntags auch am inhaltlichen Teil des Programms teilnehmen. „Peolot“ nennen sich diese Gespräche. Mit den Jüngeren wird danach gespielt, mit den Älteren manchmal stundenlang darüber philosophiert.

Ein Screenshot aus dem Video-Interview: Natascha Tolstoj (l.) und Viviane Bandyk

Natascha Tolstoj erzählt im Zoom-Interview von ihren Aufgaben als Leiterin des Jugendzentrums. Foto: Viviane Bandyk

„Im Prinzip versuchen wir im Jugendzentrum ernstere, wichtige Themen und Werte spielerisch rüberzubringen“, sagt Tolstoj. Mit den Jugendlichen spricht sie über Themen wie Freundschaft, gibt aber auch jüdischen Input. Das Lernen spielt eine wichtige Rolle, gerade wenn die Eltern den Kindern bestimmte Inhalte nicht beibringen konnten. Dies ist teilweise der Fall bei den Personen, die in den 1990er Jahren von der Sowjetunion nach Deutschland migrierten. Jüdische Menschen konnten ihren Glauben in der Sowjetunion teilweise nur schwer ausüben, sie sind zwar mit dem Wissen, jüdisch zu sein, aufgewachsen, konnten dies aber nicht an ihre Kinder weitergeben, erzählt Natascha Tolstoj.

Viele lernten den Glauben erst wieder in Gemeinden in Deutschland kennen

Seit 1990 kamen etwa 220.000 jüdische Einwanderer*innen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Knapp die Hälfte von ihnen schloss sich jüdischen Gemeinden an. Auch die Gemeinde in Dortmund ist seitdem stark gewachsen: von 350 Mitgliedern vor 1991 auf mittlerweile 3.000 Mitglieder. Manche lernten erst in den Gemeindestrukturen in Deutschland die Auslebung des jüdischen Glaubens kennen. Dieses spielerische Lernen in den Jugendzentren ist für Natascha Tolstoj und andere junge Jüdinnen und Juden ein wichtiger Prozess, um sich mit dem Judentum zu identifizieren.

Auch sie ist zu Hause nicht religiös aufgewachsen, hat aber in der Gemeinde einen neuen Zugang zur Jüdischkeit gefunden. Erst besuchte sie den jüdischen Kindergarten in Dortmund und kam in ihrer Schulzeit erneut in Kontakt mit der Gemeinde, als ihre Mutter ihr vorschlug, dort am Religionsunterricht teilzunehmen. Besonders wichtig ist ihr heute der wöchentliche Schabbat, an dem sie mit ihren Freund*innen essen geht und die besondere Atmosphäre des Tages genießt. Dazu gehört: Kerzen anzuzünden, gemeinsam Zeit verbringen und sich eine Auszeit vom Alltag nehmen.

Auch Zeev Reichard hat eine wichtige Position in seiner Gemeinde. Der 25-Jährige hat Online-Redaktion in Köln studiert und arbeitet als Referent für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit für die Gemeinde Düsseldorf. Seit dem ersten coronabedingten Lockdown im Jahr 2020 kümmert er sich dort um die Digitalisierung. Er bearbeitet Bilder, schreibt Texte, macht Fotos und betreut die Social-Media-Kanäle. „Vor der Pandemie kamen die Gemeindemitglieder zu uns“, erklärt er. „In der Corona-Pandemie mussten wir uns fragen: Wie kommen wir zu den Leuten, wie nehmen wir sie weiterhin mit?“ Seit dem 1. April 2020 ist die Gemeinde auf Instagram aktiv, um dort die Gemeindemitglieder auch in Zeiten räumlicher Distanz zu erreichen. Dieser Online-Auftritt richtet sich vor allem an die jüngeren Mitglieder, wird aber auch von den älteren genutzt. Ebenfalls nicht-jüdische Personen können sich dort anhand kurzer Beiträge informieren, zum Beispiel über die wöchentlichen Feste oder Feiertage.

Zeev Reichard

Zeev Reichard ist Öffentlichkeitsreferent der jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Foto: Zeev Reichard

Manche Themen müssen stärker kontextualisiert werden als andere, wenn sie auch für ein nicht-jüdisches Publikum verständlich sein sollen, so beispielsweise das umfangreiche Pessach-Fest. Mit Pessach wird der Auszug der Jüdinnen und Juden aus Ägypten und die Befreiung aus der Zwangsarbeit gefeiert. Zu den Ritualen rund um das Fest gehört unter anderem der Frühjahrsputz, der auch unter Nichtjuden und -jüdinnen bekannt ist. Auf Instagram erklärt Zeev mit kurzen Erklärvideos, was Pessach für die Gemeinschaft bedeutet und was am Pessach-Seder benötigt wird.

Zeev ist seit seiner Geburt Teil der jüdischen Gemeinde. Der 25-jährige lebt, wie die meisten jungen Erwachsenen, nicht orthodox. „Es gibt Regeln und Gesetze, an die ich mich halte und andere, an die ich mich nicht halte“, sagt er. Vergangenes Jahr schlug ihm der Gemeindedirektor vor, nach seinem Studium den Job als Kommunikationsreferent anzunehmen. An seiner Arbeit schätzt er, dass er sich kreativ einbringen kann. „Das ist das Gute hier: Du hast eine Idee und setzt sie um.“, erläutert Zeev. Er produziert Kochvideos mit Rabbiner*innen, Posts zu stattfindenden Feiertagen, Gedenktagen und ganze Shows, in denen er über Jüdischkeit spricht. Auch die „Jewlympiade“, die im August stattfindet, hat er ins Leben gerufen. Sie ist nach dem Prinzip der Jugendzentren gestaltet: Mit Spiel und Spaß über Jüdischkeit lernen.

Im Jugendzentrum in Düsseldorf treffen junge Menschen ihre Freund*innen und genießen ihre Freizeit. Zeev betont, wie wichtig dieser offene Raum für junge Menschen ist, um sich mit dem Judentum verbunden zu fühlen. „Der Ort ist meist ausschlaggebend dafür, ob ein Kind sich später jüdisch fühlt oder fühlen möchte.“

Große Gemeinde mit ausgebauter Infrastruktur

Die Gemeinde Düsseldorf ist eine Einheitsgemeinde, die alle Strömungen des Judentums willkommen heißt. Zu ihr gehört der größte Kindergarten der Stadt Düsseldorf mit über 200 Kindern, eine Grundschule, eine Religionsschule, ein Jugendzentrum und seit 2016 auch ein Gymnasium.

Unabhängig davon, auf welche Art und Weise und wie intensiv man den Glauben ausübt – man ist in der Gemeinde anerkannt. Einen klassischen Alltag gibt es nicht, stattdessen erfüllen alle ihre eigene Rolle, von den Köch*innen bis hin zu den Rabbiner*innen und den Mitarbeiter*innen in den einzelnen Institutionen. „Die Arbeit in einer jüdischen Gemeinde unterscheidet sich stark von der Arbeit in einem Unternehmen. Du versuchst, mit deiner Arbeit etwas Gutes für die Gemeindemitglieder zu tun“, sagt Zeev.

Jüdisches Leben von jungen Leuten ist vielfältig. Man kann nicht von ihnen als homogene Gruppe sprechen, denn jede Person bestimmt selbst, wie sie ihren Glauben praktiziert und die Kultur auslebt. Für jede*n ist die jüdische Identität etwas Individuelles. Auch Zeev bestätigt das: „Ich mache mir im Prinzip mein Judentum so, wie es mir persönlich passt.“

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