Sprache ist Macht

Als Moderatorin bei den JugendPolitikTagen 2021 setzte sich Abena Appiah für eine offene, diskriminierungsfreie Diskussionskultur ein. Im Interview erklärte sie, warum man sich mit der Wertigkeit von Sprache auseinandersetzen sollte.

Abena Appiah ist 28 Jahre alt und studiert Germanistik und Philosophie. In ihrem Studium beschäftigt sie sich mit sensibler Sprache und moderierte im Rahmen der JugendPolitikTage 2021 das Themenforum „Digitalisierung in Recht und Gesellschaft“ am 6. Mai 2021.

Eine junge Frau schaut in die Kamera.

Abena Appiah studiert Germanistik und Philosophie und beschäftigt sich daher viel mit sensibler Sprache. Foto: Inga Schauerte

politikorange: Während des Themenforums solidarisierten sich Teilnehmer*innen im Chat mit dir und gegen diskriminierende Sprache. Was genau ist passiert und wie hast du die Stimmung wahrgenommen?

Abena Appiah: Grundsätzlich war das Panel wenig divers aufgestellt und unsere Gäste haben nicht immer auf diskriminierungsfreie und gendergerechte Sprache geachtet. Im Laufe des Gesprächs fielen einige Worte, die nicht in Ordnung waren. Als Moderator*innen bekommen wir gefiltertes Feedback. Ich sehe nicht direkt, was im Chat abgeht, das habe ich erst danach gelesen. Irgendwann hieß es aus der Regie: ‚Das geht jetzt gerade gar nicht, wir müssen einschreiten!‘ Dann habe ich unsere Gäste darauf hingewiesen, dass ich hier unterbrechen muss, denn wir benutzen nicht-inklusivierende Sprache.

Besonders bei älteren Menschen stößt diskriminierungsfreie und gendergerechte Sprache scheinbar oft auf Unwissen und Unverständnis. Sind diejenigen, die für sensible Sprache eintreten, in der Verantwortung, diese zu erklären und zu verteidigen?

Das ist ein schwieriger Grad. Man kann belehren, aber wenn eine Person blockiert, dann verfestigt sich dieser ablehnende Standpunkt nur. Viele gehen auf Abwehr, anstatt die Möglichkeit zu nutzen, zuzuhören und dazuzulernen. ‚Man darf ja gar nichts mehr sagen!‘, ist oft das Gegenargument. Vielleicht liegt es daran, dass ich Sprachwissenschaftlerin bin, aber ich habe ein Problem damit, dass wir uns nicht mehr mit dem Ursprung von Worten auseinandersetzen. Wir hören ein Wort und sagen es einfach.

Wie reagierst du auf Aussagen wie ‚Man darf ja gar nichts mehr sagen‘? Was wäre eine gute Antwort darauf?

Sprache ist eine Form, dem anderen zu zeigen, dass man die Oberhand hat. Im Endeffekt ist es eine Trotzreaktion. Man sollte sich fragen: Bringt es etwas, mit der Person zu diskutieren? Man kann nicht alle überzeugen. Da spreche ich lieber mit denjenigen, die offener sind. Manchmal nehme ich mir auch die Zeit, zu sagen, dass mich die Worte meines Gegenübers verletzen. Das funktioniert aber nur bei empathischen Menschen.

Würdest du akzeptieren, wenn Menschen in deinem engsten Kreis keine diskriminierungsfreie Sprache verwenden?

Meine Mutter ist in Bezug auf neuere Sozialphänomene wie Catcalling oder Mansplaining nicht so sprachlich reflektiert. Sie fragt dann aber nach und bittet mich, es ihr zu erklären.

Wenn ein Freund, der weiß ist, etwas sagt, das für dich rassistisch war, dann mache deutlich: Deine Aussage hat mich gerade verletzt. Wenn man sich die Zeit nimmt zu erklären – und die nehmen wir uns oft nicht – dann versteht der andere, wie man vielleicht unbewusst jemanden mit diesen Worten verletzt hat.

Und wenn eine Person, die man eigentlich mag, partout seine Sprache nicht ändern will?

Bei fortlaufenden Sprachprozessen wie dem Gendern, akzeptiere ich, dass wir noch im Prozess des Annehmens sind. Lange wurde diskutiert, wie wir gendern sollen – ob mit Gendersternchen, Unterstrich oder Doppelpunkt. Ich habe eine Freundin, die blind ist und mir erklärte, dass ihr der Doppelpunkt gar nichts bringt, weil ihr Voiceover den Doppelpunkt vorliest. Dabei sollte der Doppelpunkt, nicht-sehenden Menschen eine Hilfe sein, damit sie die Pause im Wort hören.

Bei Dingen, die jedoch seit Jahren nicht sagbar sind, wie das N-Wort oder das Z-Wort, bin ich weniger tolerant. Eine Freundschaft musste ich deswegen jedoch nicht canceln. Aber eigentlich ist Sprache nur Ausdruck davon, dass man sich gedanklich in der Freundschaft entfernt hat.

Im Netz wird oft ungefilterter diskutiert, als im persönlichen Gespräch. Wie kann man Online- und Offline-Debatten besser vereinen?    

Chats sind auf jeden Fall hemmungsloser. Das Problem mit geschriebener Sprache ist, dass sie oft missinterpretiert wird, weil wir die Nachricht in unserer eigenen Emotion lesen und nicht in der des Absenders. Wenn du mit deinem Freund schreibst und er beendet das Gespräch mit ‚Hab einen schönen Tag‘, interpretierst du das möglicherweise anders. Dein Freund meinte das nett, du denkst dir: ‚Hä? Schönen Tag noch? Was soll das denn?!?‘

Deswegen bin ich Fan von Sprachnachrichten, wenn es komplexer wird. Auch habe ich eingeführt, am Ende der Nachricht anzufügen: ‚ohne negative Emotion geschrieben‘.

Was war der Moment, in dem du das gemerkt hast, dass Sprache verletzend sein kann?

An einen Moment erinnere ich mich besonders häufig. In der Schule haben wir das Arbeitsamt besucht und als ich der Frau beim Amt erklärte, dass ich Journalistin werden will, erwiderte sie: ‚Hast du schon einmal jemanden wie dich im Fernsehen gesehen? Menschen wie du, die machen nur Musik oder Moderation.‘ So wie sie das formulierte, hat sie mir abgesprochen, dass es überhaupt die Möglichkeit gibt, eine schwarze Journalistin zu sein. An diesen Moment erinnere ich mich immer, wenn ich Bewerbungen schreibe.

Wie kann man eine respektvollere Diskussionskultur stärken, gerade auch online?

Geschriebene Nachrichten haben die Wertigkeit der Sprache verändert: ‚Wie geht’s dir?‘ ist nichts mehr wert. Die Debatten auf Twitter zeigen, dass wir nicht gelernt haben, richtig zu diskutieren. Aber wie will man auch in 280 Zeichen ein Argument vollständig darstellen? Da bleibt vieles unausgesprochen.

Man wählt seine Worte mit mehr Bedacht, wenn man sie jemandem direkt ins Gesicht sagt. Online ist das anders, aber eine respektvollere Diskussionskultur im Netz ist nicht unmöglich. Man muss aber bereits in den Schulen und Kindergärten anfangen, etwas zu verändern. Bilderbücher sollten beispielsweise auch Menschen mit Behinderungen oder einem Körper, der nicht der Normfigur entspricht, zeigen.

Wo liegt die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Diskriminierung?

Man sollte sich zunächst fragen, wer diese Grenze definiert. Meistens sind das nicht-marginalisierte Menschen, die Diskriminierungen nicht sehen oder nachvollziehen können. Das resultiert in einem Die-sollen-sich-mal-nicht-so-haben-Narrativ, in verbaler Manipulation, die Opfern von Diskriminierung ihre Wahrnehmung und Urteile abspricht.

Hast du eine abschließende Message an Leser*innen, die sich mehr mit diskriminierungsfreier Sprache auseinandersetzen möchten?

Lesen, Podcasts hören und reflektieren. Besonders empfehlen kann ich das Buch „Die 101 wichtigsten Fragen – Rassismus“ von Susann Arendt. Sie bietet den perfekten Einstieg.

 

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