Der Kampf ums Ganze

Gerade einmal drei Abgeordnete der neu gewählten SPD-Fraktion im baden-württembergischen Landtag sind nicht männlich – und das bei einer Partei, die sich prominent für eine paritätische Besetzung der Kandidat*innenlisten aller Parteien bei Wahlen einsetzt. Die Freiburger Abgeordnete Gabi Rolland sucht Antworten.

Gabi Rolland ist SPD-Abgeordnete im Landtag in Baden-Württemberg. Foto: Britt Schilling.
Hinweis: In folgendem Text wird über die Unterrepräsentation von FINTA-Personen und nicht nur von cis-Frauen berichtet, da Frauen nicht die Einzigen sind, die durch das Patriarchat diskriminiert werden. FINTA soll für die im Patriarchat diskriminierten Geschlechtsidentitäten stehen und bedeutet konkret: cis-Frauen*, Inter, Nicht-Binäre, Trans und A-gender Menschen. Im Interview mit Gabi Rolland wurde, genauso wie in den SPD-Beschlüssen zur Gleichstellung, der Begriff Frau verwendet. Deswegen wird dieser Begriff an den entsprechenden Stellen im Text verwendet.

*cis-Frauen sind Frauen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde und die sich damit auch identifizieren können.

 

Deutsche Parlamente sind von Männern dominiert. Dass sich daran auch bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg nichts geändert hat, liegt auch an einer Partei, die seit 1998 Wert darauf legt, Geschlechter in internen Gremien zu mindestens 40 Prozent zu repräsentieren. Ein Wert, von dem FINTA-Abgeordnete in der neu gewählten SPD-Landtagsfraktion nur träumen können. Gerade einmal 15,8 Prozent der SPD-Abgeordneten sind nicht männlich – in Zahlen: drei Personen.

Eine von ihnen ist die Freiburgerin Gabi Rolland. Seit 2011 ist sie Landtagsabgeordnete, politisch aktiv ist sie schon deutlich länger. Bereits in ihrer Jugend setzte sie sich für ein autonomes Jugendzentrum ein, bevor sie schließlich 14 Jahre lang Abgeordnete im Freiburger Gemeinderat war. In dieser Legislaturperiode ist sie eine von 45 nicht-männlich gelesenen Personen im baden-württembergischen Landtag, das sind mit 29,2 Prozent nicht einmal ein Drittel der Abgeordneten. In der Gesamtbevölkerung beträgt der Anteil über 50 Prozent.

Auch im deutschlandweiten Vergleich sind im baden-württembergischen Landtag wenige FINTA-Personen. Das liegt unter anderem an dem speziellen Wahlsystem in Baden-Württemberg: In fast allen anderen Bundesländern gibt es wie bei der Bundestagswahl eine Erst- und Zweitstimme, die Zweitmandate werden über eine Landesliste vergeben. In Baden-Württemberg werden die Zweitmandate hingegen, genau wie die Direktmandate, über die Stimmenanteile der Kandidat*innen in den Wahlkreisen vergeben. Die Direktkandidat*innen werden von den örtlichen Parteiverbänden gewählt und die Orts- und Kreisverbände sind nach wie vor sehr männerdominiert. Daher führt dieses Wahlsystem zu schlechteren Chancen von FINTA-Personen, als wenn Landeslisten aufgestellt würden.

Geringer Frauenanteil durch spezielles Wahlsystem in BW

Insbesondere in aussichtsreichen Wahlkreisen würden sich Männer beim Kampf um das Direktmandat häufig durchsetzen, sagt Gabi Rolland. Ihre Partei habe allerdings versucht, in diesem Wahlkampf dagegen zu wirken. Die SPD habe den Wahlkreisen, in denen Frauen als Erstkandidatinnen nominiert wurden, mehr finanzielle Mittel für den Wahlkampf zur Verfügung gestellt. Zudem seien die jeweils zuständigen regionalen Parteiverbände dazu aufgefordert worden, mindestens die Zweitkandidatur an eine Frau zu vergeben. Dass dadurch mehr FINTA-Abgeordnete in der neuen Landtagsfraktion sitzen, hat allerdings nicht geklappt. Mit gerade einmal 15,8 Prozent liegt der FINTA-Anteil in der SPD-Fraktion deutlich unter dem Parlamentsdurchschnitt und unter dem der Grünen- und der CDU-Fraktion. Den politischen Forderungen der SPD wird das nicht gerecht: Die SPD setzt sich für Gleichstellung, speziell auch für Frauenquoten und in ihrem Landtagswahlprogramm sogar explizit für einen paritätisch besetzten Landtag ein. Diese Diskrepanz zwischen politischen Forderungen und tatsächlicher Repräsentation in der Fraktion sieht Gabi Rolland im Willen der Wähler*innen begründet. Kritik übt sie aber auch an der eigenen Partei: Sie stehe für eine harte Quote ein, bei der 50 Prozent der Kandidat*innenplätze an Frauen vergeben würden.

„Frauen müssen immer besser sein“

Trotz Frauenquoten in einigen Parteien, ist die Politik nach wie vor männerdominiert. Das wirke sich auch auf ihre Arbeit als Politikerin im Landtag aus, meint Gabi Rolland. Sexismus sei, wie an jedem anderen Arbeitsplatz, ein Problem. Das äußere sich beispielsweise in subtilen Ungleichbehandlungen. So würden Frauen in ihrer fachlichen Eignung in Frage gestellt und ihr Äußeres spiele für ihre Arbeit eine größere Rolle, obwohl es für die Ausübung ihrer politischen Arbeit irrelevant sei. Bisweilen gebe es auch sexistische Witze und körperliche Grenzüberschreitungen unter Abgeordneten.

1968 saß zeitweise nur eine Frau im baden-württembergischen Landtag, seither steigt der Anteil beinahe kontinuierlich an. Bis der Landtag paritätisch besetzt ist, wie die SPD es fordert, ist es aber noch ein langer Weg.

Daten: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg
Grafik: Frida Mühlhoff
*1952 wurde nicht der Landtag, sondern die verfassungsgebende Versammlung gewählt.
** Der Frauenanteil von 25,9 Prozent im 16. Landtag ist der Wert am 1.12.2020, da der Anteil auf Grund von personellen Wechseln unter den Abgeordneten schwankte.

Selbst im Plenum sei Sexismus sichtbar. Insbesondere die AfD-Fraktion falle im baden-württembergischen Landtag durch Anfeindungen gegenüber weiblichen und migrantischen Menschen, insbesondere gegenüber der Landtagspräsidentin Muhterem Aras, auf. Aufgrund der Fraktionsgröße in der vergangenen Legislatur musste die SPD immer nach der AfD sprechen – für Gabi Rolland ein Thema mit Variation: „Die AfD hat in jeder Haushaltsdiskussion beantragt, dass die Genderförderung abgeschafft werden soll. Ich habe dann immer das Grundgesetz zitiert – Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Immerhin: Die Solidaritätsbekundungen der anderen Fraktionen mit Betroffenen bei Anfeindungen durch die AfD empfindet Rolland als positiv.

In Zukunft mehr Frauen im Landtag durch Wahlrechtsreform?

Die Gestaltungsmöglichkeiten zur Umsetzung der eigenen politischen Forderungen scheinen aus Sicht der SPD auch in der kommenden Legislatur beschränkt zu sein, denn die SPD bleibt in der Opposition. Allerdings fordern auch die Grünen eine Wahlrechtsreform hin zu der Vergabe der Zweitmandate über Landeslisten, die mutmaßlich zu mehr FINTA-Menschen und insgesamt mehr Diversität im Landtag führen würde. Ursprünglich war diese Reform sogar im Koalitionsvertrag von 2016 festgeschrieben: „Damit der Landtag die baden-württembergische Gesellschaft künftig in ihrer ganzen Breite besser abbildet, werden wir ein personalisiertes Verhältniswahlrecht mit einer geschlossenen Landesliste einführen. Darüber wollen wir mit den im Landtag vertretenden Parteien in Gespräche eintreten.“

Nachdem die Grünen 2018 einen entsprechenden Vorschlag eingebracht hatten, lehnte die CDU diesen allerdings entgegen des Koalitionsvertrags ab.

Parité-Gesetzte bisher als verfassungswidrig abgelehnt

Auch wenn die Chancen für die Wahlrechtsreform aktuell wieder steigen könnten – das allein wird vermutlich nicht zu einem paritätisch besetzten Landtag führen. Die SPD fordert deswegen ein Parité-Gesetz. Dadurch würden alle Parteien, die an der Landtagswahl teilnehmen, dazu verpflichtet, ihre Listen paritätisch zu besetzen. In Brandenburg und Thüringen wurden solche Gesetze vom Verfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt. Gabi Rolland ist aber optimistisch, eine verfassungskonforme Möglichkeit für ein solches Gesetz zu finden: „Ich lass mich da auch nicht von irgendeinem Verfassungsgericht beeindrucken.“

Für Gabi Rolland ist klar, wohin es mit der Gleichstellung im Landtag gehen muss – aufs Ganze. Ihr Ziel ist: Die Hälfte der Macht!

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