Hanau vergeht nicht

Verschwörungsdenken, Rassismus und Frauenhass wirkten als Tatmotive des Anschlags in Hanau zusammen. Sie sind auch Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse. Ein Text von Pia Schirrmeister.

Kerzen und Blumen befinden sich auf einer kleinen Mauer. Darunter stehen zwei Schilder an die Mauer gelehnt, auf denen: "Hanau ist Überall. 19.02.20. Niemals vergessen" und "Rassismus tötet" steht.

Gedenken an die Ermordeten des Anschlags von Hanau zum ersten Jahrestag / Foto: David Reineke

Anlässlich des ersten Jahrestags des rechtsterroristischen Anschlags von Hanau gingen am 19. Februar 2021 vielerorts Menschen auf die Straße. Sie schlossen sich der Forderung „Erinnerung – Gerechtigkeit – Aufklären – Konsequenzen“ der Initiative 19. Februar Hanau an und gedachten den aus rassistischen Motiven ermordeten Menschen: Mercedes Kierpacz, Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu und Vili Viorel Păun.

In einem Statement zum Jahrestag betonen die in der Initiative organisierten Angehörigen und Überlebenden erneut, dass es sich bei dem Anschlag nicht um einen historischen Einzelfall handelte. Vielmehr schließe er an eine Reihe rechter Gewalttaten in Deutschland an, die durch gesellschaftliche Strukturen gestützt werden – so etwa an die Anschläge von Duisburg 1984, Mölln 1992, Wächtersbach 2019 und Halle 2019. Wie die Wissenschaftlerin Megan Kelly vom Institute for Research on Male Supremacism darlegt, spitzten sich beim Anschlag von Hanau rassistische und sexistische Gesellschaftsverhältnisse zu und wirkten mit Verschwörungsideologien zusammen.

Ideologische Verstrickungen

Gemeinsam mit zwei Kolleginnen untersuchte Megan Kelly die medialen Reaktionen auf den Anschlag sowie das Manifest des Täters, welches er vor der Tat auf seiner Internetseite veröffentlicht hatte. In dem 24-seitigen Schreiben verbreite er sowohl rassistische und frauenfeindliche Äußerungen als auch Verschwörungserzählungen, halten die drei Wissenschaftlerinnen in ihrem Artikel auf belltower.news fest. Diese Verknüpfung lasse sich in der extremen Rechten häufig beobachten.

Verschwörungserzählungen, die auf antisemitischen Weltbildern beruhen, wirkten hier als Bindeglied zwischen rassistischen und frauenfeindlichen Ideologien. Megan Kelly erklärt: „Bestimmte Personengruppen werden als hinterhältig und manipulativ beschrieben, als Supermächte, die die Welt kontrollieren und gleichzeitig als minderwertig dargestellt“. Menschen wie der Täter von Hanau, die diesen Erzählungen anhängen, inszenierten sich als „geheime Wissende“, aber auch als Opfer vermeintlicher Verschwörungen.

Dennoch warnt Megan Kelly davor, jene Weltbilder nur auf „den rechten Rand“ der Gesellschaft zu projizieren oder als Spinnereien abzutun. „Menschen sind immer gesellschaftlich geprägt und es gibt keine Individuen, die nur aus sich selbst heraus handeln. Wir leben in rassistischen und sexistischen Strukturen, die ebenso von Menschen aufrechterhalten werden, welche nicht als extremistisch gelten“, erläutert sie. Eine mediale Erzählung von sogenannten Einzeltäter*innen im Kontext rechtsterroristischer Anschläge müsse daher vehement in Frage gestellt werden, nimmt sie doch nur individuelles Handeln anstelle gesellschaftlicher Verhältnisse in den Blick.

Macht der Darstellung

„Wenn der Täter ein weißer Mann ist, wird oft sofort eine psychische Erkrankung als Hauptursache für die Gewalttat herbeigezogen“, legt Megan Kelly da. In jener Berichterstattung fänden rechtsextreme Motive, wenn überhaupt, erst an zweiter Stelle Erwähnung. So widmete sich beispielsweise die FAZ einer posthumen psychologischen Diagnose des Täters von Hanau ohne dessen rassistische und frauenfeindliche Haltungen in den Blick zu nehmen.

Laut der Wissenschaftlerin birgt dies neben problematischen Schlussfolgerungen von psychischer Gesundheit auf potenzielle Gewaltbereitschaft zudem die Gefahr, menschenverachtende Haltungen als psychische Krankheiten zu werten. Weiterhin könne eine solche Berichterstattung die Selbstdarstellung der Täter*innen als Opfer vermeintlicher Verschwörungen stützen und damit die Perspektiven der tatsächlich Betroffenen in den Hintergrund stellen.

Kein Vergessen, kein Vergeben

Die Initiative 19. Februar leistet seit mehr als einem Jahr Aufklärungs- und Recherchearbeit im Kontext des Anschlags, klagt behördliches Versagen an und organisiert Gedenkveranstaltungen. In einem Aufruf der Initiative heißt es: „Wir haben uns ein Versprechen gegeben: Nie zu vergessen und nie zu vergeben. Solange nicht lückenlos aufgeklärt wird, solange nicht endlich Konsequenzen gezogen werden und es Gerechtigkeit gibt, solange werden wir nicht aufhören zu kämpfen“. Nur ein entschiedenes Vorgehen gegen alltäglichen Rassismus und Antisemitismus könne weitere rechtsterroristische Anschläge verhindern. Hierbei unterstütze neben der Teilnahme an Kundgebungen und Demonstrationen unter anderem auch das Unterzeichnen einer Petition für das Einrichten eines Opferhilfsfonds, sowie Spenden zur Finanzierung eines Raums in Hanau.

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