Der Ausstieg ist möglich

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Die rechtsextreme Szene lebt und ist so aktiv wie nie zuvor. Hanna ist in einer rechtsextremen Familie aufgewachsen und erzählt von ihren Erfahrungen. Ein Feature von politikorange-Redakteurin Anna Kauf.

Hannas (Anm. der Red.: Name geändert) Vater schimpft beim Abendessen wieder. Er hat gerade die Nachrichten gesehen und jetzt ist er wütend. „Diese blöden Ausländer klauen uns die Jobs! Dass du uns ja keinen von denen nach Hause bringst!“, sagt er. Niemand widerspricht ihm. So erinnert sich Hanna zurück an ihre Kindheit, in der sie schon früh mit Ideologien konfrontiert wurde. Erst Jahre später fängt sie an, zu hinterfragen, woran ihre Familie und Freund*innen fest glauben. Hanna schafft es rechtzeitig, aus diesen Strukturen auszubrechen, aber so wie ihr ergeht es nicht allen.

Rechtsextremismus ist kein neues Phänomen und dennoch konnte man vor allem in den letzten Jahren einen Aufschwung dieser Szene beobachten. Anfang 2020 stufte der Verfassungsschutz rund 33.000 Personen als potenziell rechtsextrem ein, die unter anderem in rechten Parteien wie der NPD, der Rechten oder dem Dritten Weg organisiert sind. Im Jahr 2018 waren es noch 8.000 Personen weniger. Rechtsextrem, das bezeichnet laut der Bundeszentrale für politische Bildung eine extreme politische Einstellung, die vertreten, bezeugt und verfochten wird im Sinne der Ideologie der äußerst Rechten. Während rechte Einstellungen noch mit dem Grundgesetz vereinbar sind, sprechen sich rechtsextreme Positionen ganz klar gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung aus.

Erst kürzlich wurde die gesamte AfD, die in fast allen Landtagen und Parlamenten in Deutschland mittlerweile gut vertreten ist, als Verdachtsfall eingeordnet. Aufgrund einer Klage der AfD wurde diese Entscheidung allerdings nicht rechtskräftig. Dennoch deutet dieser Schritt, wie auch der steigenden Erfolg der AfD bei Wahlen, auf eine Tendenz hin. In Deutschland werden rechte und rechtsextreme Ideologien immer beliebter und verbreiten sich vor allem in Pandemiezeiten wie ein Lauffeuer.

Corona als Einstieg in die rechte Szene

Die Amadeu Antonio Stiftung beschäftigt sich seit Jahren mit solchen Tendenzen. „Durch Corona beobachten wir seit letztem März sehr schnelle Radikalisierungsprozesse, die so vorher nur selten stattfanden“, erklärt Lorenz Blumenthaler, der in der Stiftung als Bildungsarbeiter tätig ist. Insbesondere in schwierigen Zeiten suchen Menschen im Verschwörungsglauben Halt. Das erkläre auch, warum die Initiative „Querdenken“ innerhalb kürzester Zeit einen so hohen Zulauf hatte.

Gleichzeitig werden extreme Positionen in der Gesellschaft immer salonfähiger. Menschen, die mit Reichskriegsflagge und antisemitischen Symbolen durch die Innenstadt laufen, sind nicht mehr so ein ungewohnter Anblick wie vor Corona. Oft laufen hier auch Leute mit, die genau wie Hanna auf den ersten Blick nicht dem Bild einer rechtsextremen Person entsprechen. „Die Hemmschwelle sinkt, ein Zeichen in die falsche Richtung wird gesetzt und die Grenzen von Legitimität werden verschoben“, sagt Frank Greuel, der sich im Jugendinstitut Halle mit Extremismus-Prävention beschäftigt.

Dorfleben und Echokammern

Das Foto zeigt das Ende eines Bahnsteiges in Chemnitz. Bahnschienen laufen vom rechten unteren Bildrand in die Mitte des Bildes und verschwinden in der Ferne. Auf der rechten Bildhälfte ist eine Lagerhalle sowie parkende Autos zu erkennen. Auf der linken Bildhälfte dagegen heruntergekommene kleine Häuser.

In ländlichen Regionen bleibt Rassismus im Alltag oft unwidersprochen / Foto: gravitat-OFF / flickr.com

Generell findet man rechte Strukturen und Gedankengut an fast allen Orten in Deutschland. Dennoch seien tendenziell eher ländliche Regionen betroffen, häufiger im Osten als im Westen Deutschlands, so Greuel.

Hanna wächst in einem kleinen Dorf in Sachsen in der Nähe von Chemnitz auf. „Das sagt eigentlich schon alles“, meint sie im Interview mit politikorange-Redakteurin Anna Kauf. Hanna hat eigentlich eine ganz normale Kindheit. Sie ist Einzelkind, hat eine gute Beziehung zu ihren Eltern, die ihr viel Freiheit lassen. Am Wochenende geht die Familie campen und unter der Woche verbringt Hanna viel Zeit mit Freund*innen. Trotzdem blickt Hanna eher mit negativen Gefühlen auf diese Zeit zurück. In Hannas Dorf machen rechtsextreme Ideologien die Grundeinstellung aus. Sie berichtet von den Treffen mit Gleichaltrigen in einer Garage. Die Jugendlichen hören rechtsextreme Musik und lachen über rechte Videos. „Papi lacht darüber und Mami findet es witzig. Wenn alle das feiern, dann muss es wohl richtig sein“, dachte sich Hanna damals.

Auf Hannas Gymnasium hingegen sind Neo-Nazis eher Außenseiter*innen und die Ausnahme. „Die Haupt-und Mittelschule war hingegen voll mit strammen Faschos“, sagt Hanna, „Alpha-Jacken und Springerstiefel waren praktisch der Dresscode.“ In ihrer Jugend hat es für Hanna kaum Alternativen gegeben. In einem Dorf wie ihrem gibt es selten Gegenstimmen und die Jugendlichen kommen aus diesen Filterblasen nur schwer heraus. Es entstehen sogenannte Echokammern, in denen sich rassistische Ansichten immer weiter hochschaukeln. Das Problem sei so komplex wie offensichtlich: Jugendliche wollen soziales Zusammenleben und Kontakt zu Gleichaltrigen. Der ist mitunter in diesen Gegenden nur mit Leuten möglich, die solchen Ideologien anhängen, erklärt Frank Greuel. Wo gibt es alternative Jugendkulturen, an die Menschen wie Hanna sich wenden können?

Social Media als Radikalisierungsweg

Durch das Internet wird Jugendlichen die Möglichkeit gegeben, sich über die Dorfgrenze hinaus zu vernetzen. Der typische Neo-Nazi, der auf dem Schulhof CDs verteilt, um Anhänger*innen zu gewinnen, stirbt langsam aus. Stattdessen finde sowohl der Rekrutierungs- als auch der Radikalisierungsprozess häufig auf sozialen Plattformen statt. „Rechtsextreme waren schon immer sehr gut darin, sich Jugendkulturen schnell anzueignen und für ihre Zwecke zu instrumentalisieren“, sagt Blumenthaler. Beispielhaft dafür sei die rechte „Meme-Culture“, die sowohl auf Reddit, als auch auf Instagram aktiv vertreten ist. Menschenverachtende und rassistische Inhalte werden in einen „witzigen“ Spruch verpackt, mit einem Foto versehen und von rechten Accounts oder Influencer*innen verbreitet.

Die Gefahren, die von rechten und rechtsextremistischen Inhalten im Internet ausgehen, sind ziemlich offensichtlich. Während der Verfassungsschutz rechte Strukturen wie in Hannas Dorf laut Blumenthaler zumeist ganz genau beobachtet, radikalisierten sich Menschen online im Verborgenen und könnten von Behörden nur schwer kontrolliert werden. Auch die Attentäter in Halle und Hanau haben sich zu Hause, vernetzt über das Internet, radikalisiert.

„Ich wollte nur dazu gehören“

Während sich rechte Gruppierungen in Idealen und Zielen unterscheiden, ist die Motivation von Einsteiger*innen in die rechte Szene oft gleich. Hanna hat bei Dingen mitgemacht, an die sie nicht glaubte. Sie sagt, sie habe es gar nicht hinterfragt, über menschenverachtende Kommentare zu lachen oder Leute auszugrenzen, sondern einfach die Meinung der Anderen übernommen. Heute schämt sie sich dafür und sagt im Interview immer wieder, wie dumm sie war. Aber damals brauchte sie die Anerkennung und das Zugehörigkeitsgefühl.

„Für betroffene Personen ergibt diese Ideologie subjektiv Sinn“, erklärt Frank Greuel, der sich seit Jahren mit Jugendlichen in der Extremismus-Prävention beschäftigt. Laut Greuel ist die Zuflucht in rechte Strukturen erklärbar, denn sie speise sich aus menschlichen Bedürfnissen wie Anerkennung und Selbstwertsteigerung.

Hanna erzählt davon, dass es bei ihr im Dorf kaum nicht-weiße Menschen gab. Alles; was sie als Jugendliche wusste und woran sie geglaubt hat, basierte auf den Negativbeispielen, die ihr Vater aufführte. Wenn er sich beim Essen über Ausländer*innen beschwerte und ihr auftrug, „denen ja aus dem Weg zu gehen“, bildeten sich auch bei Hanna solche Ansichten.

Alltagsrassismen bleiben unwidersprochen

Eine Erinnerung: Hanna ist im Dorf mit Freundinnen unterwegs. Sie ist 13 Jahre alt. An der Bushaltestelle treffen die Freundinnen auf eine andere Mädchengruppe. Eine von ihnen ist Schwarz. Ohne darüber nachzudenken, beleidigen Hanna und ihre Freundinnen das Mädchen mit rassistischen Schimpfwörtern. Heute tut Hanna ihr Verhalten leid und es fällt ihr schwer, diese Aktion nachzuvollziehen. Was hat das Mädchen getan, um so behandelt zu werden?

Es ist ein Jahr später. Hanna ist fast 15 Jahre alt. Über den Sommer hat sie neue Freund*innen gefunden. Einer von ihnen ist nicht Weiß. Eines Tages klingelt er an ihrer Haustür. Panisch schickt Hanna ihn sofort weg, denn sie weiß, wenn Papa ihn sehen würde, gäbe es Stress.

Raus aus den rechten Strukturen

Das Foto zeigt den Rand eines NPD Banners, auf dem "räumen auf", "NPD Die Nationalen" und "NPD-hessen.de" zu erkennen sind. Vor dem Banner ist eine Person in Polizeiuniform zu erkennen, an dessen Brust ein Polizeihelm hängt und Kabelbinder am Arm. Die Person hat ihre Arme hinter dem Rücken verschränkt. Zwei Männer sind außerdem hinter dem Banner der NPD zu erkennen

„Wir dürfen rechte Aufmärsche nicht unkommentiert lassen!“ / Foto: tetedelacourse / flickr.com

Wenn Alltagsrassismus unwidersprochen bleibt, nehmen Jugendliche leicht Vorurteile mit. Die wenigsten schaffen es, so wie Hanna, diese im Laufe ihres Lebens komplett abzulegen.

„Der Ausstieg aus der Szene ist ein mühsamer, langer Prozess“, sagt Fabian Kaufmann vom Nordverbund Ausstiegshilfe. Es passiert nicht von heute auf morgen, dass Menschen sich komplett von ihrer Ideologie ablösen. Deshalb spricht Kaufmann lieber von einem Deradikalisierungsprozess. Sein Projekt „Prisma“ arbeitet mit sogenannten „Neu-Rechten“ mit Ausstiegswunsch.

Hanna ist aus der Szene raus, bevor sie wirklich tief integriert war. Sie hat den richtigen Moment noch gefunden. „Leider habe ich viel zu spät gelernt, meinen eigenen Kopf zu benutzen und die richtigen Freunde zu finden“, sagt sie im Interview. Sie beschreibt eine Situation, die ihr bis heute sehr lebhaft in Erinnerung geblieben ist:

Es ist 2015, das Jahr in dem hunderttausende Geflüchtete über das Mittelmeer nach Deutschland kommen. Hanna braucht einen neuen Ausweis und steht in der Schlange vor dem Bürgeramt in der nächstgrößeren Stadt. Vor ihr steht eine Familie, die vermutlich vor kurzem nach Deutschland gekommen ist. Hanna ist geschockt. „Das war eine Familie mit sehr vielen Kindern und alle hatten nur eine Tüte dabei, mit allem drin, was sie besaßen“, erinnert sie sich. Hanna hört genau zu, was die Dame von der Behörde sagt. Die Familie soll in einer Notunterkunft leben. Nach einer kurzen Google-Recherche weiß Hanna, dass es sich dabei um eine Turnhalle handelt. „Die können doch nicht den Winter in einer Turnhalle verbringen“, denkt sich Hanna, „das sind doch Kinder.“ Sie möchte helfen und bietet der Mutter der Familie Geld an.

Diese Situation ändert für Hanna vieles. Erstmals lernt sie Menschen mit Migrationshintergrund wirklich kennen und hinterfragt die Ansichten ihres Vaters. Zusammen mit einer Freundin beginnt Hanna ehrenamtlich in einer Notunterkunft für geflüchtete Menschen zu arbeiten. Sie betreut Kinder und unterstützt Mütter. „Die waren wie Familie für mich“, sagt sie. Ihrem Vater erzählt Hanna vorerst nichts. Als er es doch herausfindet, eskaliert er. Er erwartet, dass Hanna auf der Arbeit etwas angetan wird. Aber Hanna ist sich sicher, dass sie das Richtige tut und macht tagtäglich die Erfahrung, dass die Menschen, die sie ihr Leben lang abgelehnt hat, ihr gar nicht so unähnlich und vor allem ganz normale Menschen sind.

„Man muss sich Neo-Nazis entgegenstellen!“

Hanna ist jetzt 31 Jahre alt und hat ihr Leben komplett umgedreht. Sie wirkt reflektiert und freundlich und erzählt mit Scham von ihren Erfahrungen. Heute ist Hanna überzeugte Gegendemonstrantin bei rechten Aufmärschen in Chemnitz. „Es ist wichtig, dass man da ist. Die Zahl ist wichtig. Man muss Präsenz zeigen“, sagt Hanna. Sie möchte, dass rechtsextreme Menschen wissen, dass sie nicht die Mehrheit sind. Hanna lässt Neo-Nazis nicht mehr unkommentiert ihr Zuhause einnehmen. Auch Hannas Mutter hat diesen Sinneswandel durchgemacht und ist heute in fast allem Hannas Meinung. Nur ihr Vater postet weiterhin rechte und verschwörungsideologische Inhalte auf Social Media. Er glaubt an Chemtrails – angebliche Chemikalien in den Kondensstreifen von Flugzeugen, die der Bevölkerungsreduzierung dienen sollen – und Corona-Mythen.

Auf die Frage, wie sie damit umgeht, lacht Hanna. Bei ihrem Vater sei jegliche Hoffnung leider verloren. Hanna vermeidet, wenn möglich, über das Thema zu sprechen. Nur Familienfeiern bleiben anstrengend.

Die Frage, wie man mit solchen Situationen umgeht, beschäftigt auch Bildungsarbeiter Lorenz Blumenthaler. Er fordert dazu auf, digitale Zivilcourage zu leisten, um Hass und Hetze im Netz zu begegnen, damit bedenkliche Inhalte nicht unkommentiert blieben. Generell wird in der Präventionsarbeit momentan ein Schwerpunkt auf digitale Angebote gesetzt. Die Amadeu Antonio Stiftung hat dazu das Programm „Good Gaming – Well played Democray“ ins Leben gerufen, um rechtsextremem Hass auf Gaming Plattformen zu begegnen und hoffentlich zukünftig Taten wie in Hanau zu verhindern. Auch der Nordverbund Ausstieg passt sich dem Wandel an und bietet zukünftig Ausstiegsberatung über Chats oder anonyme E-Mails an. „Es besteht immer ein Unterschied, ob man mit Leuten persönlich oder digital spricht“, sagt Fabian Kaufmann, „digital und anonym sinkt die Hemmschwelle, sich an uns zu wenden“.

Projekte wie diese geben Hoffnung, dass auch in Zukunft für demokratischen Werte gekämpft wird. Denn selbst in einer pandemischen Notlage zeigen viele Menschen Zivilcourage und stellen sich mutig und selbstbewusst gegen rechte Strukturen und Gruppierungen. Häufig sind auf Gegendemonstrationen gegen Rechts mehr Teilnehmer*innen, als auf den eigentlichen rechten Veranstaltungen. Wie Hanna sagt: Die Rechten sind nicht die Mehrheit.

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