Antifeminismus und Verschwörung

#nofake

Warum diese beiden Phänomene kein Zufall sind, findet politikorange-Redakteurin Nicole Kauer heraus.

Die Suche fängt dort an, wo alles beginnt: dem Telegram-Kanal von Eva Herman. Die bekannte Antifeministin ist eine ehemalige Tagesschau-Sprecherin und Buchautorin. Sie ist im verschwörungsideologischen Milieu unterwegs und interviewte unter anderem Xavier Naidoo. Öffnet man heute ihren Telegram-Kanal, stößt man dort auf überteuerte Wasserfilter für 359,95 Euro, das Prepper-Milieu und den rechtsextremen Kopp-Verlag. Herman bewirbt unter anderem ein verschwörungsideologisches Buch zur Corona-Pandemie mit dem Titel „Plandemie“. Hinter dem Buchtitel steckt die Verschwörungsideologie, dass eine vermeintliche Elite die Gesundheitsbehörden täusche und hinter der Pandemie eine profitgierige Agenda einer geheimen Elite stecke. Dabei markiere die Pandemie erst den Beginn einer globalen Krise.

Das Heraufbeschwören einer globalen Krise, eine versteckte Agenda sowie eine geheime Elite sind klassische Narrative einer Verschwörungserzählung. Lisa Geffken, die für die Amadeu-Antonio-Stiftung Bildungsarbeit zu Verschwörungsideologien und Fake News macht, definiert Verschwörungsideologien als Ideen, Vorstellungen und Ausdruck eines Weltbilds, das abgeschlossen sei gegen die Realität und Rationalität und keine Gegenargumente akzeptiere. „Verschwörungsideologien wollen die Gesellschaft kritisieren, formulieren aber stattdessen eine rückschrittliche Kritik, die antimodern und menschenverachtend ist“, sagt Geffken.

Gegen Feminismus und die LGBTIQ*-Bewegung

Ein Betonklotz ist in der Mitte des Bildes platziert und darauf befindet sich ein Graffito mit dem Zeichen für Feminismus in lila Farbe. In der oberen rechten Ecke des Klotzes ist ein Sticker mit der Aufschrift: "TRU.LUV" zu erkennen. Im Hintergrund befindet sich ein Baustellenzaun und rote Wände.

Ein Graffito mit dem feministischen Zeichen / Foto: Annika Seiferlein

Rebekka Blum arbeitet als politische Bildnerin und Publizistin, promoviert zu Antifeminismus an der Universität Freiburg und ist beim Informationszentrum „Dritte Welt“ in Freiburg tätig. Sie fasst Antifeminismus unter einen breiten Begriff und versteht darunter eine organisierte Bewegung, die sich mit politischem Ziel gegen Feminismus und die LGBTIQ*-Bewegung (die Abkürzung LGBTIQ* steht auf Deutsch übersetzt für lesbisch, schwul, bisexuell, trans, qeer und intersexuell) richte. „Von Antifeminismus geht eine Gefahr aus, da er als Bindeglied zwischen Konservativen, Maskulinisten, christlichen Fundamentalisten sowie der extremen Rechten funktioniert. Die Ideologie an sich ist diskriminierend und ihr liegt ein enges Geschlechterbild zu Grunde.“ Dazu fehle es an einer gesellschaftlichen Tabuisierung und Sensibilisierung des Phänomens und das, obwohl Antifeminismus weit verbreitet sei.

Die starke Verbreitung von Antifeminismus in der Mitte der Gesellschaft bestätigen auch die Leipziger Autoritarismus Studien. Bereits seit 2002 veröffentlichen Wissenschaftler*innen im zweijährlichen Rhythmus repräsentative Erhebungen zu rechtsextremen Einstellungen in Deutschland. Im vergangenen Jahr lag der Schwerpunkt zum ersten Mal auf Antifeminismus. Über ein Drittel der bundesdeutschen Bevölkerung stimmte zumindest einer antifeministischen Aussage zu, wie beispielsweise: „Frauen übertreiben ihre Schilderungen über sexualisierte Gewalt häufig, um Vorteile aus der Situation zu schlagen“.

Antifeminismus und Verschwörungsideologie

Die Studie bestätigt auch, dass ein starker Zusammenhang zwischen Rechtsextremismus und antifeministischen Einstellungen vorliegt, wobei besonders Antifeminismus mit Antisemitismus zusammenhängt. Sie verschränken sich, weil Verschwörungserzählungen in vielfacher Weise antisemitische Elemente enthalten. Antifeminist*innen vermuten beispielsweise hinter Gleichstellungspolitik eine „hidden agenda“, hinter der eine Elite stecke. Das lässt sich als eine Referenz an eine imaginierte jüdische Elite lesen, was antisemitisch ist. Blum sagt, dass sich Antifeminismus teilweise in einer ‚antisemitischen Umwegskommunikation‘ äußere. Offen antisemitische Narrative sind tabuisiert und erfordern eine Artikulation über Umwege. Daher findet Antisemitismus über Antifeminismus seinen Weg in die Öffentlichkeit.

Doch nicht nur auf Ebene der Akteur*innen finden sich Anknüpfungspunkte: „Verschwörung ist ein zentrales Thema von Antifeminismus“, sagt die Wissenschaftlerin. Zahlreiche antifeministische Motive stecken in Verschwörungserzählungen. Beispielsweise werden zurückgehende Geburtenraten in Deutschland mit Feminismus in Verbindung gebracht. Zusätzlich kursiert die Verschwörungserzählung vom ‘Großen Austausch’, laut der Menschen nach Europa migrieren, um die weiße Mehrheitsgesellschaft gegen eine muslimische/nicht-weiße Bevölkerung auszutauschen.

Laut sein zeigt Wirkung

Eine Frau* mit einer rosa Pudelmütze und einer Winterjacke an, hält ein Plakat mit der Aufschrift: "Smash the patriarchy" in die Höhe. Um sie herum stehen Menschen, weshalb es anzunehmen ist, dass es sich um eine Demonstration handelt.

Eine Frau*, die ein Plakat mit der Aufschrift: „Smash the patriarchy“ in die Höhe hält / Foto: Chloe / Unsplash

Wie kann man Antifeminismus, einem Phänomen, das laut der Leipziger Autoritarismus-Studie in der Mitte der Gesellschaft verankert ist (auch Eva Hermans Telegramkanal hat über 175.000 Abonnent*innen) nun begegnen? Blum sagt, dass Antifeminismus als abwehrende Reaktion auch immer dann erstarkt, wenn sich etwas bewege. „Antifeminismus kann als Indikator gesehen werden, dass sich was verändert. Das war in den 90er Jahren beim Gesetz zur sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz der Fall und auch als Reaktion auf #metoo und auf #Aufschrei war eine starke antifeministische Mobilisierung zu beobachten.“ Deshalb formuliert Rebekka Blum als Antwort auf Antifeminismus: „Als feministische und LGTBQI*-Bewegung sollte man immer an den eigenen Themen dranbleiben und gute Arbeit machen.“

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