Wie weit darf man gehen? – Klimaaktivismus an den Grenzen der Legalität

Die Klimabewegung ist breit gefächert: so unterschiedlich wie die einzelnen Organisationen sind auch die Protestformen und nicht alle liegen im Rahmen der geltenden Gesetze. politikorange-Redakteurin Larissa D. Wollmann hat sich gefragt, was Menschen dazu bewegt, für den Klimaschutz sogar rechtliche Konsequenzen in Kauf zu nehmen.

 Ende Gelände in Jänschwalde 2020, Quelle: Flickr

Ende Gelände in Jänschwalde 2020, Quelle: Flickr

Sina Reisch war von 2018 bis 2019 Pressesprecherin bei Ende Gelände und ist bis heute eines der Gesichter der Bewegung. Ende Gelände selbst bezeichnet sich als Bündnis für Aktionen des zivilen Ungehorsams und organisiert jedes Jahr eine Massenblockade in deutschen Braunkohlerevieren. Einzelne Ortsgruppen gelten als „linksextremistisch“ und werden vom Verfassungsschutz beobachtet, wodurch die wenigsten Aktivist*innen dort mit Klarnamen auftreten. Sina Reisch hingegen tritt ohne Pseudonym auf. Ich habe mit ihr über ihren Aktivismus, Radikalität im Klimaschutz und die Frage, was sie bereit ist, für eine vermeintlich bessere Welt zu tun, gesprochen.

Wie bist du zum Klimaschutz gekommen?

Ich war erst links, dann kam das Klimathema. Schon in der Schulzeit habe ich mich politisiert und bin dann bei meinem Studium in Passau in einem linken Zentrum aktiv gewesen. Da fing ich an, mich mit Menschenrechten auseinanderzusetzen und habe auch meinen ersten zivilen Ungehorsam begangen, als wir Geflüchtete auf der Straße getroffen und in WGs vermittelt haben, um ihnen Zuflucht zu gewähren.

Warum bist du bei Ende Gelände? Was glaubst du, was die Bewegung für den Klimaschutz schaffen kann?

Ich möchte dort, wo die Ungerechtigkeit entsteht, versuchen, sie zu verhindern und an die Orte der Zerstörung gehen. Was wir bei Ende Gelände, glaube ich, ganz gut klar gemacht haben, ist, dass es nicht allein um den Klimaschutz geht, sondern um Klimagerechtigkeit. Nur auf physikalischer Ebene über Klimaveränderungen zu reden, ist schön und gut, aber das alles findet ja nicht im luftleeren Raum statt, sondern in einer Gesellschaft. Und in dieser betrifft der Klimawandel die Menschen unterschiedlich stark. Eine Klimaschutzbewegung, die sich nicht auch gegen Rassismus und gegen das Patriarchat positioniert, wird scheitern. Mit Aktionen des zivilen Ungehorsams leisten wir bei Ende Gelände einen Beitrag dazu, den Diskurs über die Ungerechtigkeiten dieser Welt anzufachen.

Wird ziviler Ungehorsam denn dadurch legitimiert? Warum hast du dich für diese Protestform entschieden?

Ich würde heute sagen, ich habe meinen ersten zivilen Ungehorsam begangen als ich den Begriff noch überhaupt nicht kannte. Ich glaube, man braucht keine große politische Theorie, um sich dafür zu entscheiden. Wenn man sieht, dass irgendwo eine Ungerechtigkeit passiert, dann handelt man einfach nach dem eigenen Gewissen. Der Kampf gegen die Klimakrise ist ein Kampf um Leben und Tod und wir [in Deutschland] haben es im globalen Vergleich noch recht angenehm. Schon jetzt sterben weltweit tausende Menschen aufgrund des menschengemachten Klimawandels. Angesichts dessen finde ich unsere Blockaden noch recht harmlos.

Als politisch linker Mensch möchte man doch für die Demokratie eintreten, oder? Ist es somit nicht deine Aufgabe, den Staat zu beschützen, anstatt sich gegen ihn zu stellen?

Für mich wird die Demokratie nicht durch den Staat verkörpert, ich würde das ganz weit auseinanderhalten. Ich als linker Mensch schütze die Demokratie vor dem Staat. Es ist absolut undemokratisch, dass einzelne Konzerne das Eigentum an fossilen Ressourcen haben und allein darüber entscheiden dürfen, diese zu verbrennen. Ein Staat, der das begünstigt hebelt die Demokratie aus.

Trotzdem hat der Staat festgelegt, dass jeder Mensch Privateigentum besitzen darf. Viele Felder und Gebiete, die Ende Gelände blockiert, sind jedoch Privateigentum. Handelt ihr dann nicht undemokratisch, wenn ihr den Rechtsstaat missachtet und besetzt?

Die Macht von einzelnen Unternehmen nimmt immer mehr zu und die Staaten wehren sich nicht dagegen. Ich denke, es ist undemokratisch, wenn das Eigentum an Produktionsmitteln an einer Stelle angehäuft und nicht demokratisch verwaltet wird. Ein Staat, der das nicht zulässt und das begünstigt ist antidemokratisch. Für eine klimagerechte Zukunft brauchen wir Strukturen, die einen verantwortungsvolleren Umgang mit unserem Planeten begünstigen. Aber derzeit hat eher der industrielle Großbauer Erfolg als der mit solidarischer Landwirtschaft.

Wie weit darf man denn für den Klimaschutz gehen?

Wie weit darf man gegen den Klimaschutz gehen? Was erlauben wir Konzernen weltweit zu tun, um uns unsere Lebensgrundlage zu nehmen?

Sina Reisch, Pressesprecherin von Ende Gelände 2019, Foto: Georg Kurz

Sina Reisch, Pressesprecherin von Ende Gelände 2019, Foto: Georg Kurz

Hast du denn eine persönliche Grenze? Wie weit würdest du gehen?

Ich denke in verschiedenen Situationen auf der Welt würde ich verschiedene Dinge tun. Wenn eine Person z.B. nicht gerade in Deutschland geboren wäre, sondern in Kurdistan und der IS vor ihr stünde, wäre es völlig legitim, dass sie zur Waffe greift und sich verteidigt. Finde ich, hier in Deutschland ist das gerade ein angebrachtes Aktionsmittel? Naja, ich würde sagen hier macht Kohletagebau besetzen mehr Sinn. Das ist sehr situativ zu bewerten.

Warum leistest du zivilen Ungehorsam? Brauchen wir diese Radikalität beim Klimaschutz?

Das sind alles Privilegien, die sich die Generationen vor uns, hart erkämpft haben. Das Mitbestimmungsrecht haben wir nicht einfach so. Ohne Radikalität kommt man nirgendwohin. Radikalität kommt ja von dem lateinischen Wort „radix“ (Wurzel) wie Radieschen. Ich sage immer gerne, ich bin so radikal wie ein Radieschen, weil ich nach der Ursache der Probleme frage. Wir müssen immer fragen, wo die Ursache ist und dann für systemische strukutrelle Veränderungen kämpfen. Das ist „radikal-sein“ für mich und ohne die, geht Klimaschutz meiner Meinung nach nicht.

Du trittst als eine der wenigen Menschen bei Ende Gelände öffentlich unter Klarnamen auf. Hast du keine Angst, dass dir das im späteren Berufsalltag zur Last fallen kann?

Wie gesagt, ich widme dem Kampf für mehr Klimagerechtigkeit mein Leben. Ich möchte, dass meine kleine Nichte und mein kleiner Neffe in einer lebenswerten Welt aufwachsen und dass kann ich mir angesichts der Klimakrise gerade kaum vorstelle. Jeder Beruf, den ich habe, muss damit kompatibel sein, dass ich mich für die Zukunft des Planeten einsetze. Damit will ich nicht sagen, dass alle mit Klarnamen sprechen sollen. Andere möchten lieber mit Pseudonym sprechen und haben dafür auch gute Gründe. In manchen politischen Bereichen ist Anonymität wichtiger, z.B. in der antifaschistischen Recherchearbeit. Manche wollen auch aus familiären, beruflichen, oder anderen persönlichen Gründen ihre Politik nicht mit ihrem echten Namen verbinden. Es ist wichtig, die persönliche Entscheidung zu unterstützen. Mir geht es besser mit dem Klarnamen, weil ich sonst das Gefühl hätte, mich zu verstecken. Ich will mit allem was ich bin für meine politische Haltung einstehen.

Und zum Abschluss: Was war ein prägendes Ereignis in deiner Zeit als Klimaaktvistin?

Ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass es die Klimakrise gibt und dass es große Ungerechtigkeiten auf der Welt gibt, aber dass ich nichts daran ändern kann. Mir wurde also auch immer diese Alternativlosigkeit mitvermittelt. Und dann kommst du in eine Bewegung, in der Kollektivität großgeschrieben wird und bei der dir Menschen sagen, nein es ist nicht alternativlos und wir können was bewegen, wenn wir uns nur gemeinsam organisieren. Und das zu erleben fand ich mega krass. Bevor ich 2017 zum ersten Mal bei einer Blockade von Ende Gelände dabei war, wurde mir immer von diesem krassen Gefühl erzählt, dass man hat, wenn man auf den Kohlebahnen sitzt und ich habe das anfangs noch abgetan und nur gedacht, dass das bestimmt ganz cool wird, aber nichts Großartiges an sich hat.Und dann saß ich auf dieser Schiene und dachte, ja, krass wir bewirken gerade wirklich etwas. Da vorne steht der Kohletransporter und der kommt nicht vorbei. Wir sind alle miteinander hier, wir sind so viele Leute, die daran glauben, die Veränderung dieser Welt noch in eine positive Richtung zu lenken.

 

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Projekts ‚#greenjournalism – Klimaschutz und Journalismus‘, welches gefördert wurde durch den Jugend-Demokratiefonds Berlin.

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