Warum unsere Perspektive auf Sucht veraltet ist

Wer von Drogen abhängig wird, ist selbst schuld – eine Sichtweise, die in Deutschland viele teilen. politikorange-Reporterin Jeannette Benstein sieht dies als unzeitgemäß und gefährlich an. Ein Kommentar.

Foto: Christopher Folz

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Am Wochenende mit Freund*innen grillen und anstelle des Biers fällt die Entscheidung ausnahmsweise auf eine Limo. Die Reaktion: direkt versuchen alle, diejenige Person* zum Trinken zu animieren. Greift diese aber täglich zur Flasche, heißt es: „Wie konnte es nur soweit kommen?“ Wer in unserer Gesellschaft von etwas abhängig ist, wird dafür häufig missbilligt und mit einem herablassenden Blick betrachtet – egal, ob es sich um Alkohol, Cannabis oder eine „härtere‟ Droge handelt.

Sucht ist ein Symptom einer anderen Erkrankung

Die Annahme, dass eine Sucht oder Abhängigkeit auf einem „schwachen Charakter“ und fehlender Willensstärke beruht, ist nicht nur falsch, sondern ignorant und veraltet. Ein Bild, das aus einer ehemaligen Perspektive der Kirche stammt und unser heutiges Verständnis von Sucht bis heute prägt. Dabei ist eine Substanzabhängigkeit deutlich komplexer. Sucht darf nicht als Krankheit verstanden werden, sondern als Symptom einer bestehenden Erkrankung. Hier liegen häufig Angststörungen, Depressionen und Persönlichkeitsstörungen vor, die dann versucht werden, in Alkohol zu ertrinken oder mit anderen Drogen zu betäuben. Wenn man dieses Zusammenspiel aus genetischen, biologischen und persönlichen Faktoren außer Acht lässt und die Schuld in der Person* sieht, ist man genau eines: ignorant. Mit dieser Form von Schuldzuweisung lässt man Betroffene mit dem Problem allein. Was folgt, ist die Scham der Abhängigen*. Das Eingeständnis einer Abhängigkeit ist dabei bereits eine ausreichende Bürde und eine Verteufelung durch die Gesellschaft verschlimmert diese nur weiter. Sucht bedeutet eben nicht nur das reine Verlangen nach der Substanz, sondern wird meist von psychischen Erkrankungen begleitet. Und wenn sich Betroffene immer weiter aus dem gesellschaftlichen Alltag zurückziehen, dann verschwinden sie nicht. Wir sehen sie nur nicht mehr.

Eine unverhältnismäßige Sanktionierung

Dass der derzeitige Umgang mit Suchterkrankten* falsch ist, hat mittlerweile auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung verstanden. In einer öffentlichen Ansprache zum Drogen- und Suchtbericht 2019 merkte Daniela Ludwig an, dass anstelle einer ideologiebasierten Debatte ein offener Dialog notwendig wäre, um mit dem Thema umzugehen. Wie dringlich dieses Umdenken ist, verdeutlicht ein Blick nach Bayern. Dort setzt die Landesregierung auf repressive Drogenpolitik und unangemessen harte Maßnahmen, der den Drogenkonsum einschränkt – zumindest bei einer oberflächlichen Betrachtung. Während viele Bundesländer einen Eigenbedarf von 6 Milligramm als straffrei zulassen und Berlin sogar bis zu 15 Milligramm erlaubt, sind in Bayern nur bei Ersttätern bis zu 6 Milligramm zugelassen. Heroin und Kokain werden zudem schon bei geringen Mengen mit Gefängnisstrafen sanktioniert. Der Versuch auf legale Mittel zu wechseln hat dabei verheerende Folgen: Abhängige* vermischen hier verschiedene legal verschriebene Substanzen und subtrahieren beispielweise durch Aufkochen aus Fentanyl-Pflastern hochkonzentriertes Heroin. Hilfsmöglichkeiten wie Drogenkonsumräume, die eine sichere Einnahme ermöglichen, gibt es in Bayern nicht. Stattdessen kommt es häufig zu einem gestreckten Konsum in Katakomben. Einem offenen Umgang wie ihn die Drogenbeauftragte fordert, entspricht das nicht. Eine Überdosis durch nichtkontrollierbare Mengen wird dementsprechend wahrscheinlicher. Dass die bayerische Politik dabei einen falschen Kurs gewählt hat, zeigen die hohen Zahlen von Drogentoten* in München seit Jahren. An der Politik ändert sich dennoch nichts.

Zwischen Verharmlosung und Ankreiden

Trotz Ludwigs schöner Worte für einen offenen Diskurs, findet ein grundsätzlich falscher Umgang mit Drogen statt. Erst im April dieses Jahres wurde Alkohol als offizielles Kulturgut der Deutschen erklärt – von der Kultusministerin persönlich. Andere Drogen werden dagegen stark verteufelt. Das zeigt: In Deutschland herrscht eine auffällig gestörte Trinkkultur. Dafür muss man sich nur das Oktoberfest anschauen. Das Tagesgeschäft profitiert von Blutalkoholwerten über zwei Promille und riskiert jedes Jahr zahlreiche Alkoholvergiftungen. Wenn eine Droge zu sehr verharmlost wird, fehlt das Gefühl für einen gesunden Konsum. Ebenso ist bei „harten“ Drogen eine offenere und ehrlichere Prävention notwendig, um einen exzessiven Konsum zu unterbinden und um Abhängigen verhältnismäßige Hilfen zu bieten. „Kenn dein Limit“ heißt es in Aufklärungskampagnen zu Partys mit Alkohol. Doch wie sollen junge Menschen* ihr Limit und einen kontrollierten Konsum kennen, wenn über die Droge nicht gesprochen wird? Ein Umgang mit Sucht erfordert Empathie und Verständnis.

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