Diamorphinstationen – Fluch oder Segen?

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In zehn deutschen Städten wird Drogenabhängigen* kontrollierte und hygienische Heroinanwendung angeboten. politikorange-Redakteurin Zita Hille analysiert, welche Vor- und Nachteile diese Maßnahme mit sich bringt.

Fast reines Heroin, das Süchtigen als „Medizin“ verabreicht wird. Wo sind die Vor-, wo die Nachteile? I Foto: Mykenzie Johnson, Unsplash

Ein kleines Glasfläschchen mit goldenem, durchstechbarem Verschluss – darin ein weißes, feines und beinahe unscheinbares Pulver. Auf der Flasche steht: „Diaphin, 10.000 mg zur Herstellung einer Injektionslösung“. Benötigt werden: steriles Wasser, Spritzen und Nadeln. Mit Hilfe der Spritze werden 93 Milliliter des Wassers in die Flasche gegeben. Zwei Minuten lang wird das Gemisch geschüttelt, dann ist es fertig: Reines Heroin, bereit, um in die Venen gespritzt zu werden.

Die etwas andere „Medizin“

Seit fast elf Jahren ist in Deutschland die Diamorphinbehandlung möglich. In eigens dafür bestehenden Praxen unterstützen Sozialarbeiter*innen, medizinische Fachangestellte* und Ärzte*innen die Heroinabhängigen*. Doch schnell wird klar: Der Ansatz der Diamorphinambulanz ist ein anderer als der gängiger Entzugskliniken. In sogenannten Konsumräumen können die Abhängigen kontrolliert sowie mit sauberen Spritzen und Nadeln konsumieren. Denn das Problem ist: Auf der Straße ist oft nicht bekannt, woher der Stoff kommt und ob dieser oder das Besteck sauber sind. Bei der sogenannten „Medizin“ handelt es sich um 98,5-prozentig reines Heroin, das – von der Krankenkasse bezahlt – meist intravenös, also mit Spritzen in die Venen geleitet wird. Dadurch gelangt es direkt ins Gehirn und kann laut den Sozialarbeiterinnen Frederike Nienhaus und Daniela Schulz der Diamorphinpraxis Patrida in Berlin unterschiedliche Wirkungen erzielen: Ruhe, Entspannung, Schmerzlinderung, Verminderung von Traumata, aber auch psychedelische Zustände des Glücksrausches oder Entzugserscheinungen nach Abflachen der Wirkung.

Um Teil des Programms werden zu können, muss man* laut Betäubungsmittel-Gesetz (BtMG) mindestens 23 Jahre alt sein und zwei erfolglose Behandlungen nachweisen können. Auch soll die Abhängigkeit bereits seit mindestens fünf Jahren bestehen.

Heroin ist eine der härtesten Drogen der Welt, sie ist illegal und macht schnell abhängig. Allein in Deutschland leiden circa zwischen 100.000 und 150.000 Menschen bei rund 80 Millionen Einwohner*innen an einer Heroinsucht, die Dunkelziffer liegt um einiges höher. Bekannte Fälle, wie Christiane F. aus „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, haben ein bestimmtes Bild von Heroinabhängigkeit in den Köpfen der Deutschen erschaffen: Leute, die die Kontrolle über ihr Leben verloren haben, sich auf der Straße oder im Bahnhofsklo einen Hit setzen und nach und nach an der Sucht verenden. Und nun sollen diese Menschen auch noch professionell Heroin eingeflößt bekommen? Birgt das nicht eine Menge Risiken und kreiert ein falsches Bild von „Medizin“?

Diamorphin, der Weg ins ewige Unglück?

Einige Leute würden sagen: ja. Das ist auch verständlich. Immerhin gibt man Süchtigen* das Mittel, das sie süchtig gemacht hat. Das, was ihren Körper auf Dauer zerstört, ihre Hirnzellen löscht, ihren Lebensfokus ändert, wie jede andere Sucht auch, bekommen die Abhängigen* dort medizinisch verabreicht.

Auf der Straße herrschen für Heroinkonsum meist nicht die hygienischsten Voraussetzungen. I Quelle: Jonathan Gonzales, Unsplash

Auch durch Diamorphin gab es im Jahr 2018 zwei Drogentote. Recht wenig, wenn man von der Gesamtanzahl von 1276 ausgeht. Andererseits ist auch nicht bekannt, wo und wie das Diamorphin angewendet wurde. Vielleicht fand der Konsum außerhalb einer Praxis statt. Trotzdem ist es möglich, bei der Anwendung zu sterben.

Weiterhin kann auch die Ethik der Diamorphinpraxen als fragwürdig angesehen werden. So steht zum Beispiel die Berliner Praxis Patrida klar hinter ihrer Philosophie, auch nach dem offiziellen „Verlassen“ der Praxis immer für die Patient*innen da zu sein und sie aufzunehmen, falls sie rückfällig werden.

An sich ist das wichtig und nett – wenn die Tür für Schwerstabhängige* jedoch „immer offen steht“, können sie ihren Willen, die Krankheit zu heilen, ja gar nicht stärken – die Versuchung, einfach zurückzukommen, ist zu groß, die psychische Stärke, zu widerstehen, zu schwach. Man braucht normalerweise lange, vielleicht ein Leben lang, um von einer solch ausgeprägten Sucht loszukommen – kann das der richtige Weg sein?

Das Denken ändern

Tatsächlich muss man jedoch das Ziel der Diamorphinambulanzen bedenken: Sie werben nicht damit, dass Menschen, die als Süchtige* in die Praxen kommen, als „Geheilte*“ wieder hinausgehen. Ihr Ziel ist es nicht, Kranke von ihrer Sucht zu befreien oder sie zu therapieren. Vielmehr muss der pädagogische Gedanke dahinter verstanden werden: Die meisten Menschen mit einer Heroinsucht kommen statistisch gesehen nicht mehr von dieser weg. Sie probieren es, scheitern, werden rückfällig, probieren es wieder, scheitern erneut – ein ewiger Kreislauf der Frustration. Auf der Straße braucht man für die Beschaffung von Heroin pro Tag circa 100 Euro. Dieses Geld legal zu beschaffen, stellt für viele Betroffene eine Herausforderung dar. Wo hier die Risiken liegen, ist offensichtlich: Die Fixierung auf den Stoff wächst. Ein normales, geregeltes Leben ist da gar nicht möglich. Diamorphinpraxen sollen genau hier helfen: Menschen ohne wirkliche Perspektive bekommen die reine „Medizin“, um ihre Sucht zu stillen, kurzum: Sie haben die Möglichkeit zu arbeiten, ihren Tag zu regeln und neben den maximal drei Tagesterminen in der Praxis Job, Privatleben und Hobbies zu organisieren – mit dem selbst verdienten Geld, das nicht für die Drogen draufgehen muss.

Diamorphin wird unter Anderem aus tasmanischem Schlafmohn gewonnen – ist es die neue Bio-Droge? I Quelle: National Cancer Institute, Unsplash

Die scheinbar beste Lösung

Die Behandlung soll also „die beste“ der Lösungen sein und das Problem nicht wegschaffen. Das Überwachen der Anwendung und die Anwesenheit kompetenter Helfer*innen vor Ort, die eingreifen können, falls etwas passiert, fördert die Sicherheit im ganzen Prozess. Das bedeutet auch: Weniger Kriminalität und weniger Drogentote. Städte ohne Diamorphinstationen oder ähnliche Konsumeinrichtungen haben im Vergleich eine höhere Anzahl an Drogentoten – allen voran Städte in Bayern. In ganz Deutschland waren es 2018 175 Herointote von 1276 Drogentoten.

Laut den Sozialarbeiterinnen Daniela Schulz und Frederike Nienhaus können sie als Mitarbeiter*innen der Diamorphinpraxis, auch eine persönliche Beziehung zu den Patient*innen aufbauen. Oft erzählen diese von privaten Problemen und haben so jemanden zum Reden. Auch von weiteren Drogen, die sie neben Heroin konsumieren, können sie dem Fachpersonal berichten, sodass Nebenwirkungen ausgeschlossen werden können und die genaue Dosis des Diamorphins individuell angepasst werden kann.

Menschen, die wirklich keinen Weg mehr aus ihrer Sucht heraus finden, können nicht geheilt werden. Aber, man kann ihnen trotz trotz der Sucht eine Perspektive bieten. Die Wenigsten kommen von der Sucht weg, aber ein paar Erfolgsgeschichten von Menschen, die es durch die Diamorphinbehandlung neben ihrer Sucht schaffen, eine Familie und eine Karriere aufzubauen, gibt es. Und das spendet Hoffnung.

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