Der Bundeskongress Heimat 2020 – eine digitale Versammlung alter weißer Männer?!

#heimatkongress

Der Online-Kongress dauert keine acht Minuten, hat 34 Zuschauende, schon gibt es das erste technische Problem: Die Verbindung zu einem der Vortragenden bricht ab, man hört ihn nicht mehr, er redet weiter und denkt, man verstünde ihn einwandfrei. politikorange-Autorin Dijana hat sich die Veranstaltung näher angeschaut.

Bundeskongress digital – aus dem Home-Office. Foto: Dijana Kolak

 

Der Bund Heimat und Umwelt in Deutschland (BHU) organisiert den jährlichen Heimatkongress. Dieses Jahr findet er digital per YouTube-Livestream statt. Der BHU kümmert sich um den Erhalt unserer Heimat, worunter die Instandhaltung der geografischen Umgebung, wie aber auch das Pflegen des kulturellen Erbes, zu verstehen sind. Gefördert wird der BHU vom Bundesministerium des Inneren (BMI).

Thema des Kongresses ist „Heimat in Europa“. Damit trifft der BHU zweifelsfrei den Puls der Zeit. Doch beim genaueren Betrachten des Programms fällt einiges auf: Als Speaker*innen sind eindeutig mehr männlich gelesene Personen geladen als weibliche – meistens haben sie einen akademischen Hintergrund. Außerdem sind kaum PoC oder Menschen, die jünger als 50 Jahre alt sind, zu finden.

Volkmar Vogel (CDU) ist parlamentarischer Staatssekretär im BMI und spricht zu Beginn. Seine Aufgabe: passende Grußworte bei der Begrüßungsveranstaltung finden und somit zum ersten Panel hinleiten. Er richtet den Zuschauenden schöne Grüße von Minister Horst Seehofer (CSU) aus, der auch der Schirmherr der Veranstaltung ist. Er zitiert aus einem mündlichen Gespräch zwischen Seehofer und ihm selbst: „Was ist Heimat, wenn es nicht Menschen gibt, die sich darum kümmern?“ Weiter heißt es im schriftlichen Grußwort des Bundesinnenministers: „Wir pflegen offene Grenzen und gute Nachbarschaft.“ Ein bisschen unpassend, wenn man bedenkt, in welchem katastrophalen Zustand sich das Flüchtlingslager Moria befindet und wie zögerlich er als Bundesinnenminister der Aufnahme von 150 minderjährigen Geflüchteten zustimmte.

Fachpublikum statt niedrigschwellige Beteiligungsmöglichkeit

Die Diskussion an sich: wenig problemorientiert, die Speaker*innen erzählen sich vielmehr von ihren Tätigkeiten in ihren Positionen. Das ist sicherlich für die Vernetzung der Verbände und Organisationen untereinander von Bedeutung, doch für neutrale – auch junge – Zuschauende eher weniger relevant. Auch ein Geschichts-Vortrag von Dr. Birgit Kastner über die Migrationsbewegung von Klosterstätten im Mittelalter knüpft nicht an aktuelle Problemsituationen an.

Was man unter den Begriff „Heimat“ versteht, wird nicht primär diskutiert, vielmehr die Frage, wie wir mit der Landschaft umgehen, die uns umgibt und auch, wie wir kulturelles Erbe schützen können. Ob dieses überhaupt benötigt wird oder wie sinnvoll dieser Schutz ist, wird nicht hinterfragt.

Besonders aufgewertet wird der Kongress durch die persönlichen Impressionen, die die Sprechenden mit dem Wort „Heimat“ verbinden. So erzählt zum Beispiel Dr. Cornelia Nenz über den Heimatverlust ihrer Familie während der Nazi-Zeit. Auch Frau Dr. Tagrid Yousef, welche Integrationsbeauftragte der Stadt Krefeld ist, sprach über die Migrationsgeschichte ihrer Familie und bereicherte den Austausch mit persönlichen Eindrücken und Anekdoten. Sie näherte sich auf philosophische Weise der Frage, was Heimat überhaupt ist.

Dass der Kongress nicht für junge Menschen gedacht, sondern vielmehr ein Fachaustausch ist, merkt man nicht nur an der Auswahl der Sprechenden und der Themen, sondern auch an der Terminsetzung: Der Livestream fand an einem Montag und Dienstag werktags statt, jeweils sechs Stunden lang wird getagt.

Mehr Angebote für junge Menschen auf der Agenda

Welche Ziele verfolgt ein solcher Kongress? Dr. Marianne Tabaczek war als wissenschaftliche Referentin Kulturlandschaft, Natur und Umwelt beim Bund Heimat und Umwelt maßgeblich an der Planung des Online-Kongresses beteiligt. Sie war mit für die Organisation und Durchführung des Kongresses zuständig. „Ziel des Kongresses ist es, aktuelle Themen, Prozesse und Situationen, die den BHU und seine Mitgliedsverbände beschäftigen, mit Akteuren aus Partnerverbänden, Politik und Verwaltung zu diskutieren, und die Akteure miteinander ins Gespräch zu bringen“, berichtet sie und fährt fort: „Wir haben den Anspruch, Expertinnen und Experten aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammenzubringen.“ Dabei solle der Zugang möglichst niedrigschwellig erfolgen, betont Tabaczek und bewertet den ersten digitalen Fachkongress durchweg als positiv: „Der Kongress hat schon jetzt zu neuen Kooperationen geführt, das ist wichtig für unsere Arbeit und zählt unter Erfolg des Kongresses. Unterm Strich bewerten wir den Kongress als Erfolg, sind aber sicher noch steigerungsfähig.“

Dass die Veranstaltung insgesamt sehr weiß und eher von älteren Männern dominiert wurde, konnte die Referentin nicht abstreiten: „Das Thema Verjüngung von Vereinen und die verstärkte Entwicklung von Angeboten für Kinder und Jugendlichen haben wir auf unserer Agenda, sie sind explizites Ziel unserer Verbandsstrategie.“

Im Hinblick auf eine vielfältige und kontroverse Veranstaltung ist zu hoffen, dass der BHU diesem Ziel bald näher kommt und dadurch weitaus diversere Perspektiven einnimmt.

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