Wie aufgeklärt ist Deutschland?

Immer mehr Abschluss-Schüler*innen aus meinem Freundeskreis beklagen, dass im Biologieunterricht Themen wie Geschlechtsverkehr, sexuelle Vielfalt und LGBTIQ* gar nicht oder nur sehr kurz und schwammig angetastet werden. Wie ist das in den einzelnen Bundesländern und was sind Gründe für diese gering ausgeprägte sexuelle Aufklärung, fragt sich politikorange-Redakteur Lukas Hinz.

Ist Deutschland wirklich so aufgeklärt, wie es scheint? Quelle: Jose-Paplo Garcia und Feliphe Schiarolli, unplash.com

Wo gibt es denn umfassende Aufklärung?

Einer der Vorreiter in Sachen sexueller Aufklärung im Grundschulalter, in Bezug auf LGBTQI* Themen ist Berlin, hier wird ab der dritten Klasse Homosexualität und die Entstehung von Kindern thematisiert. Die Plattform NetMoms berichtet, dass dies in Form eines Medienkoffers passiert, der in vielen Kirchen und Verbänden kritisiert wurde. Eine Studie der Plattform Fernarzt kritisiert, dass die Aufklärung an Berliner Schulen trotzdem ein Thema sei, das zu wenig behandelt wird. Auch in Hessen steht laut dem Hessischen Kultusministerium das Thema Sexualerziehung auf dem Lehrplan für Schüler*innen der dritten und vierten Klassen. Dazu gehört auch die „Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans-und intersexuellen Menschen (LSBTI), Sexuelle Vielfalt und Coming Out“. Schlusslicht bilden laut der Dokumentation „Sexuelle Vielfalt und Sexualerziehung in den Lehrplänen der Bundesländer“ der wissenschaftlichen Dienste des Bundestages, die Länder Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen (NRW). In NRW werden Schulen aktuell keine gesetzlichen Vorgaben gemacht, sondern lediglich eine Richtlinie.

Ich fragte deshalb bei Yvonne Gebauer, Ministerin für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen nach, weshalb es keinerlei gesetzliche Vorgaben gibt und ob sich dies in naher Zukunft ändern wird. Die Antwort ihrer Pressevertretung:

„Bereits im Jahre 1994 hat eine Änderung des Schulordnungsgesetzes mit breiter politischer Mehrheit verfügt, dass Schule die Aufgabe hat, Schülerinnen und Schüler altersgemäß nicht nur mit den biologischen, sondern auch mit den ethischen, sozialen und kulturellen Fragen der Sexualität vertraut zu machen. Das Thema Sexualerziehung ist in Nordrhein-Westfalen unter § 33 des Schulgesetzes geregelt. Darüber hinaus sind Vorgaben des Ministeriums für Schule und Bildung zur Sexualerziehung im Unterricht in Form von Richtlinien für die Sexualerziehung festgehalten.

Das Thema „Hetero- und Homosexualität“ ist im Kapitel 5.4 (Sexuelle Orientierung und Identität) dieser Richtlinien fest verankert. In dem Kapitel heißt es unter anderem: „In der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen sexuellen Lebensweisen besteht die Chance, die eigene Sexualität zu reflektieren, die eigene sexuelle Identität zu finden und bewusst dazu zu stehen. In der Sexualwissenschaft besteht Konsens darüber, dass sich menschliche Sexualität auf vielfältige Weise ausdrücken kann. Demnach sind Hetero-, Bi-, Homo- und Transsexualität Ausdrucksformen von Sexualität, die, ohne Unterschiede im Wert, zur Persönlichkeit des betreffenden Menschen gehören […].“

Mir wurde versichert, dass das gesamte Kapitel 5 der Richtlinien zur Sexualerziehung für alle Schulen verbindlich sei.

„Die schulische Sexualerziehung in Nordrhein-Westfalen ist fächerübergreifend angelegt und hat das Ziel, junge Menschen darin zu unterstützen, in Fragen der Sexualität eigene Wertvorstellungen zu entwickeln und sie zu einem selbstbestimmten und selbstbewussten Umgang mit der eigenen Sexualität zu befähigen. Darüber hinaus sollen Schülerinnen und Schüler für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Partnerin oder dem Partner sensibilisiert und auf ihre gleichberechtigte Rolle in Ehe, Familie und anderen Partnerschaften vorbereitet werden.“, so hieß es weitergehend aus dem Schulministerium Nordrhein-Westfalen.

In Baden-Württemberg dagegen versucht man die Schüler*innen schon im Grundschulalter aktiv bei der Entwicklung in Bezug auf die Entwicklung der sexuellen Identität und -Orientierung zu unterstützen.

Bremen, Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern schneiden das Thema in ihren Grundschulklassen. In Hamburg, Rheinland-Pfalz, Sachsen und im Saarland wird Sexuelle Vielfalt und Homosexualität kaum thematisiert. In Thüringen versuchten die Grünen, den Umgang mit Homosexualität in den Lehrplänen zu verankern. Dies lehnten jedoch CDU, SPD und FDP ab, so die Dokumentation des Bundestages. Trotzdem ist es weiterhin Ziel in Schulen über LGBTIQ*-Themen zu sprechen, so sieht es das Thüringer Landesprogramm für Akzeptanz und Vielfalt vor. Die Bundesländer Niedersachsen und Schleswig-Holstein nehmen im Dokument des Bundestages keinen Bezug zu diesem Thema.

Ich komme selbst aus Niedersachsen und habe das Gefühl – zumindest an den Schulen, die ich besucht habe – unzureichend aufgeklärt worden zu sein. Über LGBTIQ* Themen wurde, wie ich finde, zu wenig gesprochen und prangere deshalb an, dass zu wenig Zeit investiert wird, die Schüler*innen ausreichend aufzuklären und mit ihnen sexuelle Vielfalt zu beleuchten.

Auch im Bezug auf sexuell-übertragbare Krankheiten ist man, laut einer Studie des Portals Fernarzt besser dran, wenn man im Saarland, in Hessen oder in Sachsen wohnt oder dort zur Schule geht.

Die Studie befasst sich damit, in welchem Umfang auf den Lehrplänen der allgemeinbildenden Schulen über sexuell-übertragbare Krankheiten aufgeklärt wird. Am schlechtesten schneiden laut Studie die Bundesländer Niedersachsen, Hamburg und Bremen ab.

Sexualbildung an deutschen Schulen nach Bundesländern. Quelle: Fernarzt STI-Report

Nordrhein-Westfalen und Thüringen liegen im Mittelfeld. Die Studie bezeichnet den Umfang der Inhalte als „häufig mangelhaft“ und stellt klar, dass nur in sieben von 16 Bundesländern – neben HIV/Aids – noch über weitere Krankheiten, die im Geschlechtsverkehr übertragen werden können, gesprochen wird.

Warum wird an Schulen so wenig aufgeklärt?

Es gibt viele Gründe, warum an Schulen zu wenig aufgeklärt wird.
Einer davon sei zum Beispiel, dass viele Lehrer*innen ungenügend vorbereitet sind, um Schüler*innen aufzuklären, so Professor Uwe Sielert (CAU Kiel) in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur.

Doch wie sieht es mit Inhalten der sexuellen Aufklärung an Unis und Hochschulen aus? Quelle: Gaëtan Werp, unsplash.com

Herr Prof. Sielert sagt dazu: „Meine letzte Information war von NRW zum Beispiel, dass bei den elf Lehrer-ausbildenden Hochschulen insgesamt in einem Semester nur 15 Veranstaltungen angeboten werden, die tatsächlich Sexualerziehung in der Schule in didaktischem Sinne hilfreich für die Lehrkräfte anbieten.“ Sielert beton weiter, dass dies angesichts der Masse an auszubildenden Lehrkräften, nur ein Tropfen auf den heißen Stein sei: „Also beim Thema Inklusion haben die Landesparlamente mehrheitlich beschlossen, dass das ein Pflichtthema für die Lehrerausbildung werden muss. Aber zur Sexualerziehung ist das noch nicht passiert.“

Im Interview gab Sielert aber ebenfalls zu verstehen, dass 75% von befragten Lehrkräften an Grundschulen in Schleswig-Holstein sagten, dass Kinder bereits im Grundschulalter durch Medien und Eltern informiert seien.

Deutschland hat in Sachen „sexuelle Aufklärung“ an Schulen noch großen Nachholbedarf . Doch ich bin mir sicher: In einer Zeit, in der wir immer mehr auf Diskriminierung, Gender equality und Diversität achten, wird das sicherlich zeitnah verbessert.

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