Die Toten tanzen immer noch

Aggressiv wie nie zuvor geht die EU gegen zivile Seenotrettung und Nichtregierungsorgansationen vor. Pia Klemp’s Buch „Lass uns mit den Toten tanzen“ gibt spannende Einblicke in den Alltag der Seawatch-Kapitänin während der Mission. Gabriele Kibus, ebenfalls Aktivistin bei SeaWatch e.V., liest ausgewählte Stellen des Buches im Rahmen der diesjährigen „Eine Welt Landeskonferenz“ vor. Hannan El Mikdam-Lasslop berichtet.

„Sie waren mir noch sympathischer, wenn ihre Folterwunden noch nässten. Wenn ihre Augen gebrochen waren von dem Grauen und ihre Gesichter erschlafft von der Tortur.“

Bilder die im Kopf bleiben. Eindringlich erzählt Pia Klemp’s Buch „Lass uns mit den Toten tanzen“ von den Erfahrungen der Sea-Watch Kapitänin auf See. Bis 2018 rettete die Aktivistin in Seenot geratene Flüchtende auf dem Mittelmeer: „In manchen Momenten zerreißt einen der Hohn der Wirklichkeit wie ein ausgehungerter Wolf.“

Gabriele Kribus – Aktivistin bei Sea Watch e.V.

Wunderbar persönlich schildert „Lass uns mit den Toten tanzen,“ die bizarre Realität derer, die nicht wegschauen wollen. Die Lesenden erhalten Einblick in den Alltag der Crew an Bord der „Iuventa.“ Pia Klemp schildert die Verantwortung und die Überforderung, das Gefühl, vom Staat alleine gelassen zu werden mit tausenden Menschen in Seenot. Routiniert und abgebrüht beschreibt Klemp die tägliche Arbeit mit einer Crew aus Freiwilligen, die nicht wirklich Erfahrung darin haben, Menschen zu retten. Eine Herausforderung, die für sie längst Normalität ist.

„Die Empfindung von Verrat breitet sich bitter triefend in uns aus. An die Lager in die sie jetzt müssen will ich nicht denken.“

„Lass uns mit den Toten tanzen“ erzählt auch von der eigenen Ohnmacht gegenüber einem System, das uns alle, ob wir wollen oder nicht, zu Mittäter*innen macht. Denn es sind nicht nur die Regierungen, welche die Festung Europa halten. Die Absurditäten und Widersprüche in dem Moralkodex eines Kontinents, der sich damit rühmt, die Menschenrechte zu verteidigen, zeigen sich besonders prägnant in der Schilderung einer der Rettungsaktionen. Mehrere Schlauchboote voller Flüchtender treiben vor der Libyschen Küste. Ein Boot droht zu kentern und Pia Klemp funkt ein ebenfalls anwesendes, deutsches Kriegsschiff um Hilfe an. Als Antwort erhält sie eine Absage mit der Begründung, die Crew nähme gerade ihren Nachmittagssnack zu sich. Genau solche Passagen hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack und machen „Lass uns mit den Toten tanzen“ so wichtig. Das Buch zielt auf den Teil in uns Menschen, der noch nicht durch rationale Berichterstattung voller rassistischer Framings abgestumpft wurde. Pia Klemp spricht nicht über Flüchtlinge, sondern über Menschen. Es sind Schutzsuchende, für die die EU oft die einzige Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben ist.

„Wir stärken unsere EU-Außengrenzen mit Ignoranz und der ewig wachsenden Selbstüberschätzung. Migrationspolitik ist das vortreffliche Deckmäntelchen der faschistoiden Auslese derer, die leben dürfen.“

Kritisch verurteilt Klemp die „faschistoide Auslese“ Europas. Mit dem Buch positioniert sie sich gegen eine Migrationspolitik, die die Privilegien der Festung Europa verteidigt und versucht diese mit allen Mitteln durchzusetzen. Die letzte Szene der Lesung verdeutlicht in welchem Ausmaß gegen die Lebensretter*innen vorgegangen wird. Die „Iuventa“ wird von den italienischen Behörden beschlagnahmt. Die Anklage lautet „Beihilfe zur illegalen Einwanderung.“ Pia Klemp drohen bis zu 20 Jahre Haft.

So endet die Lesung. Gabriele Kribus wirft noch einen bedeutungsschweren Blick in die Kamera und bedankt sich. Das Video ist zu Ende, doch das Massengrab im Mittelmeer bleibt. Weiterhin ertrinken dort täglich Menschen: ungesehen und ignoriert.

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