Denn sie wissen nicht, was noch kommt

#HHWahl2020

War an den drastischen Verlusten der FDP in Hamburg wirklich Thüringen schuld? politikorange-Redakteurin Tonka Radisch hat die Wahlparty am Sonntagabend besucht. Da ahnte noch niemand, dass es die Partei den Einzug in die Bürgerschaft kosten wird. Vorerst herrschte Erleichterung.

Anna von Treuenfels nach dem Verkünden des vorläufigen Wahlergebnisses / Foto: Jonas Gebauer

Die FDP weiß nach der ersten Hochrechnung so viel wie vor der ersten Hochrechnung. Entsprechend verhalten fallen die Reaktionen auf die 5% um 18 Uhr aus. Der Applaus auf der Wahlparty der Hamburger FDP verklingt schnell. Die Pappschilder, die verkünden, die Mitte lebt, werden nur einmal kurz für die ZDF Liveschalte hochgehalten. Begeisterung sieht anders aus. Auch ihr Livestream versagt der FDP im entscheidenden Moment den Dienst. Die Ergebnisse müssen ins Publikum gerufen werden. Ein wenig Anspannung fällt ab, als es so aussieht, als hätten die Freien Demokraten es wieder einmal knapp in die Hamburger Bürgerschaft geschafft. Noch weiß hier niemand, dass im Wahlkreis Langenhorn die FDP-Stimmen mit denen der Grünen vertauscht wurden und die Partei den Einzug in die Bürgerschaft doch noch verpassen wird. Am Wahlabend ist man erst einmal erleichtert, denn es liegt ein unangenehmer Wahlkampf hinter der Hamburger FDP.

„Die Allee der zerstörten Plakate“

Die Wahl des FDP-Kandidaten Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten von Thüringen mit Hilfe von Stimmen der AfD hat die Hamburger FDP am Ende des Wahlkampfes kalt erwischt. Der Vorwurf an die Liberalen, der Steigbügelhalter der Rechten zu sein, wog schwer. Obwohl die Spitzenkandidatin Anna von Treuenfels schnell reagierte und Kemmerichs Wahl als Katastrophe bezeichnete, dominierte das Thema an allen Wahlständen der Liberalen. Viele FDP-Wahlplakate im Stadtgebiet wurden zerstört. Gegen das Desaster von Erfurt kam man an der Elbe nur schwer an. Es kam zu Parteiaustritten und Anfeindungen.

Carl Coste, der Vorsitzende der Jungen Liberalen in Hamburg, verfasste in den letzten Wahlkampfwochen einen stark emotionalen Post, der fleißig geteilt wurde: „Die Ohnmacht, die du spürst, wenn Du durch die Allee Deiner zerstörten Plakate schreiten musst. Mit nur einer Gewissheit: In den nächsten Tagen wird es gegen Dich und Deine Parteifreunde wieder Morddrohungen geben.“ Ganz so pathetisch ist er am Sonntagabend nicht mehr. Er sieht die Dinge so, wie eigentlich alle auf der FDP-Wahlparty in der Hamburger Sternschanze: Die Thüringer Ereignisse haben der Hamburger FDP in den letzten Wahlkampfwochen massive Verluste beschert. Im Januar lagen ihre Umfragewerte noch bei 7%, danach pendelten sie sich bei 5% ein. „Wir mussten uns unheimlich stark von unserer eigenen Partei abgrenzen“, sagt Ria Schröder, die Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen, die selbst kandidierte. „Wir haben immer gesagt: Thüringen ist nicht Hamburg.“ Durchgedrungen sind die Hamburger Liberalen mit dieser Botschaft aber in der kurzen Zeit bis zur Bürgerschaftswahl nicht mehr.

Krisenmanagement auf der Wahlkampfzielgeraden

Die FDP auf dem Boden der Tatsachen / Foto: Tonka Radisch

Die Hamburger FDP konterte die Anfeindungen mit einer Doppelstrategie. Einerseits frontal, indem sie das Thema immer wieder direkt ansprach. Andererseits defensiv, indem sie sich als Opfer eines unfair geführten Wahlkampfes inszenierte und die anderen Parteien beschuldigte, ihrerseits auf die Machenschaften der AfD reinzufallen. Anna von Treuenfels warnte davor, dass das gegenseitige Zerfleischen der demokratischen Parteien nur die AfD stärke und beklagte den angeblich unfairen Wahlkampf der Grünen, die daran erinnert hatten, dass die FDP in der vergangenen Legislaturperiode mehr als vierzig Mal den Anträgen der AfD in der Bürgerschaft zugestimmt hatte.

 

Feiern wollte am Wahlabend keiner so richtig – sich niedergeschlagen zeigen aber ebenso wenig. Obwohl viele erleichtert sind, nicht schlimmer abgestraft worden zu sein, ist es ein bitteres Ergebnis für eine Partei, die mit dem Anspruch in den Wahlkampf zog, in der Freien Hansestadt Hamburg zweistellig zu werden. Ein größenwahnsinniges Ziel: In Hamburg ist das den Liberalen seit Bestehen der Bundesrepublik erst ein einziges Mal gelungen. Und das ist 46 Jahre her.

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