Alles im rechten Licht

#sltw19

Chemnitz stand lange Zeit im Schatten von Dresden und Leipzig. Die rechten Proteste im letzten Jahr haben das verändert. Tobias Brendel fragt sich, wie rechts Chemnitz wirklich ist.

11. August 2018 in Chemnitz: Ein junger Somalier wird von vier Deutschen angegriffen. Er wird geschlagen und getreten, erleidet schwere Verletzungen. Dabei wird er als „Scheiß Schwarzer“ beschimpft.

Es ist nur eines von vielen Vergehen, das der sächsische Verfassungsschutz in seinem Bericht über das Jahr 2018 erwähnt. Nach dem gewaltsamen Tod des Deutschkubaners Daniel H. und den damit verbundenen Protesten, kam es im vergangenen Jahr zu einem Anstieg rechter Gewalttaten – Chemnitz scheint nicht zur Ruhe zu kommen.

In der Berichterstattung über die Stadt wirkt rechtes Denken deshalb mehr wie die Regel als eine Ausnahme. Ein seltsames Gefühl für Chemnitzerinnen und Chemnitzer, die sich dem entgegenstellen. Also: Wie rechts ist diese Stadt wirklich?

Viele „Ausländer“, wenige von „uns“

Für gewöhnlich sind Städte mit knapp 250.000 Einwohnern eher nicht so präsent in den Medien. Am 31. August 2018 titelte sogar die New York Times, dass die Proteste in Chemnitz die neue Stärke von Deutschlands Rechtsextremen zeigten. Bundesweit erregten AfD und PRO CHEMNITZ Aufmerksamkeit.

Brennende Bengalos, Hitlergrüße, „Hetzjagden“ auf Geflüchtete – Bilder, die sich in das Gedächtnis vieler Deutscher einbrannten. Viele bezeichneten die Demonstrationen als rechtsextrem, selbst viele Chemnitzer und Chemnitzerinnen. Der Tenor: Die Stadt ist ein brauner Sumpf, ein Problemfall. In Chemnitz kommen nach Schätzungen des Verfassungsschutzes zufolge dreimal so viele Rechtsextreme auf dieselbe Anzahl von Deutschen wie in anderen Teilen der Bundesrepublik.

So einfach kann man Chemnitz aber nicht abstempeln. An der anfangs erwähnten Demonstration beteiligten sich etwa 6.000 Menschen. Darunter laut Verfassungsschutz viele mit „bürgerlicher Meinung“. Sie standen gemeinsam mit gewaltbereiten Rechtsextremisten, die Hitlergrüße zeigten und tolerierten diese offenbar. Man könnte den Eindruck bekommen, sie hätten größere Angst vor Migrantinnen und Migranten als davor, mit Nazis in einen Topf geworfen zu werden.

Ob in der Schule, in der Familie oder auf Arbeit. Gelegentlich kommt zur Sprache, dass man sich nicht mehr in die Innenstadt traue. Man kann das Zentrum von Chemnitz nicht mit denen von Leipzig oder Dresden vergleichen. Es gibt große Einkaufszentren im Umkreis der Stadt, die meist besser besucht sind als die Läden im Inneren. So kommt es, dass die Innenstadt im Vergleich zu anderen Städten leer ist.

Hinzu kommen Gerüchte von unangenehmen Erlebnissen: Mädchen, die von Migranten begafft würden und Prügeleien von jungen Geflüchteten. Meistens werden solche Geschichten durch Mundpropaganda weitergegeben.

Besonders brutale Taten wie der gewaltsame Tod von Daniel H. im August letzten Jahres werden dann als unwiderlegbarer Beweis instrumentalisiert: Deutsche seien in der Stadt nicht mehr sicher. Die Tat passt genau in das Bild, das rechte Parteien schon lange zeichnen. Und man hat den Eindruck, dass sie der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Chemnitzer Verhältnisse

Lange hatten rechtsextreme Bewegungen versucht, ihre Nachricht weit in die Normalbevölkerung zu verbreiten. Durch diese Gelegenheit ist es ihnen gelungen. Um ihren Ärger über die vermeintlich schlechte Sicherheitslage in der Stadt deutlich zu machen, folgten einige Chemnitzer den Aufrufen zur Demonstration von PRO CHEMNITZ und AfD.

Insgesamt rechnet die Versammlungsbehörde von Chemnitz mit 6000 Demonstrierenden. Ihr Anliegen, mehr Sicherheit, konnten viele sogar verstehen. Doch schon vorher war bekannt, wer diese Demos organisierte.

Obwohl der Verfassungsschutz lange der Meinung war, es gäbe keine verfassungsfeindlichen Bestrebungen, wird die Bürgerbewegung seit Ende 2018 beobachtet und Teile des Führungspersonals als rechtsextrem eingestuft. Robert Andres, Schatzmeister der Fraktion, ist langjähriger Neonazi, der Fraktionsvorsitzende Martin Kohlmann unterstützt Holocaust-Leugner. Selbst die AfD hat PRO CHEMNITZ auf eine “Unvereinbarkeitsliste” gesetzt.

Chemnitz nicht gleich aufgeben

Trotzdem ist Chemnitz kein brauner Sumpf.  Die stärkste Partei ist die CDU, dicht gefolgt von AfD und der Linken. Die politischen Strömungen sind in viele kleine und mittelgroße Parteien zersplittert. Insgesamt halten sich die politischen Lager im Gleichgewicht. Gegen-Demonstrationen finden neben den großen rechten Protest-Märschen jedoch häufig zu wenig Aufmerksamkeit in der Berichterstattung vieler Medien.

Außerdem wird kaum darüber berichtet, dass die Versuche von PRO CHEMNITZ, eine dauerhaft Protest-Welle zu etablieren, fehlschlugen. Lediglich 250 Teilnehmende erschienen noch im Dezember 2018. Ein Zeichen, dass aus besorgten Bürgern nicht gleich stramme Rechtsextremisten werden müssen?

Blick auf den Chemnitzer Schlossteich. Er ist nur eine von vielen schönen Ecken in Chemnitz, die in den vergangenen Monaten wenig Aufmerksamkeit fanden. Foto: Tobias Brendel

 

Ihr Gegenpol: Die Grünen. Der Sprecher des Chemnitzer Grünen-Vorstands, vermutet, dass die „Spaltung der Gesellschaft und das Erstarken der AfD“ dazu geführt hätte, dass mehr Menschen als vorher die die Grünen wählen. Er gibt zu: „Wir haben in der Stadt rechte und rechtsextreme Strukturen und Wählerschichten, davor verschließen wir nicht die Augen“. Wie viele in der Stadt sagt auch er: „Chemnitz ist mehr. Chemnitz hat viele weltoffene, solidarische, für das Gemeinwohl engagierte Menschen.“

Man muss sich jedoch Zeit nehmen, die Stadt kennen zu lernen. Chemnitz, das sind nicht nur graue Plattenbauten, sondern auch die Heimat einer großen alternativen Kunst- und Musikszene und grüne Freiflächen zur Erholung sowie die Oper und das Schauspielhaus.

Es braucht viel Charme und Freundlichkeit, bis die Menschen hier auftauen. Bis sie lächeln und sich öffnen, dauert es vielleicht etwas länger. Doch die Mühe lohnt sich. Ein fränkischer Unternehmer sagte mal, er möge die Chemnitzer. Sie seien ehrliche Menschen, die über sich selbst lachen können.

Das ist die andere Seite von Chemnitz. Sicherlich, die Stadt hat ihre Probleme. Und sie mag mehr Rechte haben als andere. Doch der überwiegende Teil der Einwohner wählt weder AfD noch PRO CHEMNITZ.

 


 

Wer mehr über die Stadt von politikorange-Autor Tobias Brendel erfahren möchte,dem kann Tobias folgende Texte empfehlen: Sie brachten ihn zum Lachen und erinnerten ihn daran, dass Chemnitz schöner ist als mancher Chemnitzer denkt:

Chemnitz – Schön geht anders

Sachsen: Gestrandet in Chemnitz

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