Generation EU?

Ob die „Fridays for Future“ Bewegung, das Blockieren von Kohlekraftwerken durch „Ende Gelände“ oder die Proteste zu den Uploadfiltern aus „Artikel 13“: Politische Bewegungen, die von Jugendlichen ausgehen, fordern die EU zur Handlung auf und prangern ein grundlegendes Unverständnis an. Gleichzeitig waren es gerade junge Menschen, die sich bei der Europawahl für die EU engagierten. Sind sie also diejenigen, die besonders europäisch empfinden und sich daher um Europas Zukunft sorgen? Und wie kann dieses Europa der Zukunft aussehen? Diesen Fragen gingen die Schülerinnen und Schüler beim Schülerzeitungskongress in der Fishbowl-Diskussion “Wie geht’s weiter mit Europa?“ auf den Grund. Unser Redakteur Carlos Hanke Barajas war dabei.

Foto: Jugendpresse Deutschland/Sascha Kemper

Im Rahmen des Schülerzeitungskongresses kamen am Freitag, den 21. Juni in der Friedrich-Ebert-

 

Stiftung in Berlin die besten Schülerzeitungen Deutschlands zusammen. Organisiert von der Jugendpresse Deutschland entstand so eine Möglichkeit für die Redakteurinnen und Redakteure, sich über ihre Arbeit auszutauschen, in Workshops Erfahrungen zu sammeln und über Europas Zukunft im Rahmen einer Fishbowl-Diskussion zu diskutieren. Bei „Fishbowl“ denkt man wahrscheinlich eher an Findet Nemo als an politische Meinungsbildung. Dabei beschreibt der Begriff eine Art der Podiumsdiskussion, bei der die Grenze zwischen Zusehenden und Diskutierenden verschwimmt: Die Experten und Expertinnen sitzen dabei in der Mitte und haben einen zusätzlichen Stuhl in ihrem Kreis. Auf diesen setzen sich dann besonders engagierte Teilnehmende aus der Versammlung für einige Minuten dazu, um Fragen zu stellen.

Bei der diesjährigen Diskussion um die Zukunft Europas trafen sich Albrecht Meier, Korrespondent im Hauptstadtbüro des Tagesspiegels, die Vorsitzende der Jusos Berlin Annika Klose und Jonathan Weide, Beisitzer im Bundesvorstand der Jungen Europäischen Föderalisten. Albrecht Meier hält Europa in erster Linie für eine Herausforderung. „Es ist wichtig die EU zu koordinieren. Ich merke das in meiner Familie: Mein Sohn will in Deutschland studieren, aber mit seinem französischen Baccalauréate wird er wahrscheinlich den Bewerbungstermin für die Uni in Heidelberg verpassen. Da muss die Vereinbarkeit verbessert werden!“ Allerdings ist die Idee der „Vereinigten Staaten von Europa“ Meier zufolge auch problematisch und keine Zielsetzung, die aktuell noch von der Kommission verfolgt wird. Für Annika Klose bedeutet Europa dagegen in erster Linie Verantwortung. Es gelte, „sich zu fragen, wie wir es gestalten wollen. Marktliberal? Als nachhaltiges Europa? Oder als Sozialunion?“. Jonathan Weide verbindet Europa mit Zukunft und einem Kontinent, auf dem er zuhause ist; die EU dagegen mit dem politischen System, in dem er lebt. Gleichzeitig fordert er ein stärkeres Gefühl von Zusammenhalt ein: „Zu einer europäischen Identität gehört auch eine europäische Politik. Und die Debatte dazu findet im Moment noch nicht auf europäischer Ebene statt.“

An der unpolitischen Jugend könne es dabei nicht liegen, meint Annika Klose nach der Diskussion „Dass die Jugendlichen unpolitisch sind, das haben auch schon vorher die ganzen Studien widerlegt. Das stimmt einfach nicht. Die Jugend ist nicht politikverdrossen, sie ist parteienverdrossen.“, meint sie. Warum Jugendliche dann ausgerechnet jetzt auf die Straße gehen, liegt laut ihr daran, dass es gesellschaftliche Widersprüche gibt, wo die Position junger Menschen, wenn überhaupt, kaum repräsentiert wird. „Und das stellen die jungen Leute natürlich auch fest. Nur weil sie sich nicht in Parteien engagieren, heißt es ja nicht, dass sie keine Forderungen haben.“ Auf die Frage, wie sich junge Menschen für die EU engagieren können, meint Theresa Arnoldt (18) von der Schülerzeitung Moron aus Berlin, dass der erste Schritt wäre, sich generell mit ihr auseinanderzusetzen. „In der letzten Zeit hatte ich auch das Gefühl, dass Themen, die Europa angehen, mich und andere junge Leute in unserem Alltagsleben erreichen.“ Dass dieses Jahr die Europawahl sehr präsent war, meint auch Juliette Lentze (16) vom akomag aus Bonn. „Wenn man sich so umgesehen hat, dann ist es einem einfach viel mehr aufgefallen als beim letzten Mal. Also ich finde, da hat sich schon unglaublich viel getan.“ Victor Abs (16) von derselben Schülerzeitung, sieht dabei aber auch die Medien in der Pflicht. „Wir haben heute im Workshop erfahren, dass sie über eine Europawahl deutlich weniger und in kürzeren Zeiträumen berichten als über eine Bundestagswahl.“ Natürlich liege es aber auch an den Europapolitikern, ein Programm aufzustellen, durch das die Menschen merken, wie wichtig die EU für sie sei.

Mila Kratochwil (14), ebenfalls vom Moron aus Berlin, meint, in ihrer Klasse seien alle sehr pro-europäisch. „Aber ich habe auch das Gefühl, dass so eine Simulation des Europäischen Parlaments gar nicht so schlecht wäre. Ich war auch gerade bei dem Workshop in der Vertretung der Europäischen Kommission und ich fand die verschiedenen Instanzen in Europa schon immer etwas schwierig. Jetzt weiß ich aber auch genauer, was sie jeweils machen.“ Für die Zukunft Europas wünscht sich Victor dass „Europa sich seiner Stellung bewusst wird und außenpolitisch auch so handelt. Dass die EU eine gewisse Stellung in der Weltpolitik gewinnt und dass sie innenpolitisch geschlossener auftreten und schneller und adäquater handeln kann.“ Theresa wünscht sich ebenfalls mehr Einheit und dass wir reflektierter mit der Spannung von zunehmendem Nationalismus umgehen. „Ich schätze den zunehmenden Nationalismus nicht nur als problematisch, sondern als Gefahr ein. Aber Angst ist insoweit auch eine Blockade. Wenn bestimmte Dinge nicht getan werden, aus Sorge davor, dass sie nicht klappen, dann beschränken wir uns selber.“

Annika Klose meint dazu, man müsse sich fragen, warum Themen, die Jugendliche beschäftigen, noch nicht ausreichend in der Debatte der EU angekommen sind „Und gleichzeitig darf man sich nicht nur als Korrektiv zu begreifen, sondern als diejenigen, von denen Politik ganz grundsätzlich ausgeht.“ Daher ruft sie am Ende der Diskussion Schülerzeitungen dazu auf, die jungen, frisch gewählten EU-Abgeordneten der Grünen, Linken und SPD zu interviewen. Theresa, vom Moron in Berlin, macht zumindest etwas ähnliches: Letzte Woche war sie in Ungarn bei einem Vortrag der Friedrich-Ebert-Stiftung zur politischen Lage im Kontext der EU und ist gerade dabei darüber einen Artikel zu schreiben. „Und die Schülerzeitung ist natürlich ein Medium, bei dem mich äußern und tiefer in ein Thema eintauchen kann!“

Dass noch viel Handlungsbedarf besteht, ist den meisten Teilnehmenden des Schülerzeitungskongresses klar. Es scheint für sie selbstverständlich, dass das Projekt EU durch das Engagement junger Menschen weitergehend gedacht werden muss als bisher. Sei es in Parteien, politischen Bewegungen oder in Medien: Am Ende steht fest: Auch SchülerInnen können einen Beitrag zur Meinungsbildung in der EU leisten. Und wo geht das einfacher als in einer Schülerzeitung?

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