„Ich hatte prägende Erlebnisse“ – wie geht Improtheater über Politik?

Hardrock, Mietwahnsinn und Bollywood bestimmen die Abendveranstaltung am Freitag der Jugendpolitiktage. Eine Rezension von Isabel Knippel.

Tanzende Jugendliche beim Improtheater Foto: Annkathrin Weis

Drei schwarz gekleidete Menschen springen in abstrusen Bewegungen auf der Bühne herum. Zusammenhängende Handlungen sind auf dem ersten Blick nicht erkennbar. Politische Bemerkungen fallen, gar Ironie und Spontanität. Auf einmal hüpft das gesamte Publikum für eine La-Ola-Welle auf. Improtheater– zuerst hat man keine Ahnung was passiert, erst bei näherem Hinschauen ergibt alles einen Sinn. Manch ein trockener Politiksachverhalt entlockt auf spielerische Art und Weise sogar ein Schmunzeln.

An diesem Freitagabend geben die Schauspielenden des Teams von „ImproBerlin“ die Formate der Darstellung vor, viel mehr aber auch nicht. So singen sie zum Beispiel ein Lied, aber das Genre darf das Publikum aussuchen. Der Titel des Songs steht auf kleinen Zettelchen, die in der Mitte der Bühne quer verstreut sind. Die Teilnehmenden haben vorher spontane Gedanken auf die Zettel geschrieben, die dann anschließend eingesammelt werden. So kommt es unter anderem dazu, dass einer der Schauspieler sich bei der Hardrockvariante von „Ich liebe das Chaos“ verausgabt. Der Saal bebt. Ein Rockkonzert gab es auf den Jugendpolitiktagen wohl auch noch nie. Ein anderes Mal werden sanftere, allerdings nicht weniger mitreißende Klänge angestimmt: Der Schlager „Ich hatte prägende Erlebnisse“ verleitet die Teilnehmenden zuerst zum Mitwippen, dann zum Mitsingen und schließlich zu einer Polonaise.

Auch bei anderen Formaten wird das Publikum immer wieder eingebunden und auf die Bühne gebeten: Ein Jugendlicher, der zum Autor deklariert wird, kommt zu einer Lesung über ein spontan überlegtes Thema. Politisch hochbrisant und aktuell wird über den „Häuserkampf“ geredet, doch jeder der drei nebeneinanderstehenden Spieler darf nur ein Wort sagen. So geht also das Thema Mietwahnsinn auf Improtheater-Sprech.

Am Ende gibt es noch eine kurze, einfache Geschichte einer Teilnehmerin über ihre ersten Eindrücke in Berlin, die daraus bestehen, dass sie am Bahnhof wartet und von ihrem Betreuer abgeholt wird. In verschiedenen Genres wird diese jedoch dann zu Bollywooddrama, Western-Action, Horrormovie und laszivem Erotikfilm. Bei jedem Mal wird’s ausschweifender, bei jedem Mal haben die Schauspieler einen Lacher mehr auf ihrer Seite, bis schließlich das ganze Publikum aufspringt und energiegeladen seiner Begeisterung Ausdruck verleiht. Auslaugende Diskussionen und Erschöpfung des Tages scheinen fern und längst vergessen.

 

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