Kein Schutz zum Selbstschutz

In den Vereinten Nationen haben sich 193 Mitgliedsstaaten das Ziel gesetzt „Kräfte zu vereinen, um den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren“. Beim Thema Friedenssicherung spielt auch die Rüstungspolitik stets eine entscheidende Rolle. Unsere Autorin Lilith hat sich ganz nach dem Motto „Gewalt ist keine Lösung“ mit der Frage auseinandergesetzt, ob Streitkräfte heutzutage überhaupt noch sinnvoll sind.

 

Wer keinen Sex hat, braucht auch kein Kondom. Für Lilith ist logisch: Wer sich Frieden wünscht, braucht keine Waffen und Streitkräfte. Foto: Johannes Kolb

Wenn der starke Max den kleinen dünnen Johannes auf dem Schulhof verprügelt, ist meist klar, für wen sich die ankommende Lehrkraft einsetzen wird. Sehen wir einen Filmclip, in dem ein Löwe eine Antilope jagt, so fühlen wir mit dem grazilen Tier mit – während wir kein Mitleid empfinden, wenn der Löwe von der herangaloppierenden Antilopenherde vertrieben wird und nun kein Fressen findet. Im Allgemeinen gilt also: Wir sympathisieren stets mit den Schwächeren, bewerten Situationen, in denen eine oder einer aufgrund eines physischen Vorteils gewinnt, als unfair und verurteilen unserer Moral folgend tendenziell eher die Stärkeren. Zudem gilt der Ausspruch: Gewalt ist keine Lösung. Selbst wenn man also über physische Stärke verfügt, sollte man diese anscheinend nicht immer einsetzen.

Warum aber lässt sich diese Sichtweise nicht auf das Schlachtfeld übertragen? Hier scheint die reine Stärke, der Sieg zu zählen. Zumindest in unserer Wahrnehmung. Wer gewinnt, gilt als die weisere, bessere und überlegene Nation. Rational hingegen werden auch im ius ad bellum (Das Recht zum Krieg) ebenso wie im ius in bello (Das Recht im Krieg) schwächere Parteien besonders geschützt. Ist also die Stärke einer Nation in der kriegerischen Auseinandersetzung vielleicht nicht doch sogar mehr Nach- als Vorteil?

Verantwortung = Die große Schwester der Stärke?

Ähnlich wie ein Kampfsportler oder eine Kampsportlerin niemals auf der Straße seine bzw. ihre vollen Kräfte auspacken sollte, geht auch mit Waffengewalt und militärischer Stärke eine gewisse Verantwortung einher. Wer die Mittel hat, sollte mit ihnen gewissenhaft umgehen. Nicht selten lassen sich zum Beispiel. Schwarzgurtinhabende in einem Straßenkampf lieber vermöbeln, als sich zu wehren – aus Sorge davor, bei einem folgenden Gerichtsprozess mit Vorurteilen behandelt zu werden. Ist die Stärke durch moralische Normen also vielleicht sogar so sehr gebunden, dass sich diese im Ernstfall gar nicht einsetzen lässt?

Gemeinsam gegen Krieg

Die Vereinten Nationen mit ihren 193 Mitgliedsstaaten sehen sich dem Ideal des Weltfriedens verpflichtet und versprechen, ihre „Kräfte zu vereinen, um den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren“. Auch in Europa wird über eine gemeinsame Armee diskutiert. Wenn sich alle zusammenschließen, um gemeinschaftlich gegen Krieg einzustehen: Wozu brauchen wir überhaupt eine Armee? In Deutschland scheint angesichts der Nachwuchsnot der Bundeswehr eine Kriegsmüdigkeit Einzug gefunden zu haben, die offensichtlicher nicht sein könnte. Sind die Streitkräfte inzwischen obsolet? Der Vorschlag zur Abschaffung des Militärs wird dennoch gerade in aktuellen Zeiten belächelt: Donald Trumps Aufforderungen zum Aufstocken der Waffenproduktion und auch in der Bundesrepublik anhaltende Diskussionen über eine Steigerung der Ausgaben lassen diese Forderung noch mehr als Illusion der Pazifisten und Pazifistinnen erscheinen. Tatsächlich aber wurde er bereits in die Praxis umgesetzt: 25 Länder weltweit sind in Friedenszeiten militärfrei.

Glücklich ohne Militär

Im World Happiness Report ergattert Costa Rica regelmäßig einen der Top-Plätze. Seit 1949 erlaubt es die Verfassung dort nicht mehr, ein Militär in Friedenszeiten zu halten. Die dadurch freigesetzten Gelder werden in den Aufbau des Bildungs- und Gesundheitswesens investiert. Auch eine der asiatischen Nationen besitzt offiziell kein Militär: Die japanische Verfassung verbietet den Unterhalt einer Armee sowie die Androhung und Führung von Kriegen.

Verwechselt werden darf zudem der Abschaffungsgedanke nicht mit einem Umlagerungsgedanken. Schon einige Male in der Geschichte wurden Staaten „armeefrei“, was jedoch stets mit dem garantierten Schutz anderer Mächte verbunden war. Die Armee war also nicht dezimiert worden, sondern einfach an einen anderen Ort gewandert und mit Menschen einer anderen Uniform ersetzt worden. Auch muss gerade im digitalen Wandel aufgepasst werden, dass nicht einfach die Menschen damit aufhören, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen und stattdessen die Drohnen und Roboter damit beginnen, sich menschliche Ziele vorzunehmen.

Die Bedeutung von Stärke im 21. Jahrhundert

Was heißt denn im 21. Jahrhundert noch Stärke? War es lange Zeit lang mit Muskelkraft gleichzusetzen, so ging es über in die Stärke der Technologie und Wirtschaft – und heute? Heute blickt man weit zurück und orientiert sich an alten Vorbildern: Schon die Bevölkerung im alten Griechenland wusste, dass die wahren Waffen die Worte und die Rhetorik sind und auch im antiken Rom gewann nicht immer die militärisch stärkste Macht, sondern häufig war Intelligenz der entscheidende Faktor.

Frieden – Ohne Waffen eine Leichtigkeit?

Wozu also brauchen wir in Deutschland, wir in Europa noch eine Armee? Heißt es nicht immer, wir könnten mit einem Vorbildcharakter voranschreiten? Vielleicht würden ein paar Nationen nachziehen? Und dann? Eine Welt ohne Waffen? Vorstellbar? Fest steht in jedem Fall, dass Entscheidungen der Rüstungspolitik auch in Zukunft einen enormen Einfluss auf die Friedensschaffung und -sicherung nehmen werden.

1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

Du bist wunderbar. Schön und für Jeden verständlich geschrieben. Solche Dinge werden viel zu selten publiziert, da man dies auch sehr in seinem Alltag einbeziehen kann, die Verantwortung des Stärkeren/Drüberstehenden gegenüber dem Schwächeren/Untergeordnetem.

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