„Wissenschaft ist auch Unsicherheit“

#jmt18

Die Wissenschaftsjournalistin Eva Schindele spricht im Interview über kontroverse Themen im Wissenschaftsjournalismus und gibt unseren Redakteurinnen Zoe Bunje und Alaa Almounjd Tipps für Journalisten und Journalistinnen, um sich unabhängig zu machen.

Die Teilnehmenden der Jugendmedientage erkundigen sich bei erfahrenen Journalisten und Journalistinnen, wie der Alltag in den Redaktionen und Medienbüros aussieht. Foto: Jugendpresse Deutschland/Erik-Holm Langhof

 

Sie arbeiten schon länger als Wissenschaftsjournalistin. Was sind denn Ihre aktuellen Themen?

Eva Schindele: Ich habe mich in letzter Zeit viel mit Ernährung beschäftigt. Und natürlich auch mit Medizin. Vor allem auch im Zusammenhang mit Frauengesundheit, mit dem radiologischen Screening als angebliche Brustkrebs-Vorsorge. Das sind so meine Schwerpunktthemen. Aber auch mit Geburtshilfe, Reproduktionsmedizin und Präimplantationsdiagnostik. Dabei beschäftige ich mich vor allem mit ethischen Auswirkungen von Wissenschaft und Technik.

Also gibt es im Wissenschaftsjournalismus sehr kritische Themen, die kontrovers diskutiert werden?

Auf jeden Fall. Im Wissenschaftsjournalismus versuchen wir, möglichst fundiert zu recherchieren und die Informationen mit Belegen nachzuweisen, um diese dem Leser, der Leserin oder den Hörerinnen zu vermitteln. Zum Beispiel hat im Bereich Ernährung eine Wissenschaftlerin das Kokosöl, was ja als „Superfood“ propagiert worden ist, als „Gift“ bezeichnet. Social media, aber auch Journalisten haben das unreflektiert übernommen. Die Aufgabe des Wissenschaftsjournalismus besteht darin, genauer zu überprüfen, was die Forscherin damit gemeint hat. Es hat sich herausgestellt, dass es die Dosis macht. Sprich, wenn man sich nur noch mit Kokosöl ernährt, dann ist es natürlich ungesund. Aber wenn man in Maßen Kokosöl zum Kochen verwendet, dann ist es überhaupt nicht schädlich. Das zeigt, dass in der heutigen Gesellschaft sowohl Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen als auch diejenigen übertreiben, die Nahrungsmittel als „Superfood“ verkaufen wollen. Inzwischen hat sich die betreffende Forscherin auch entschuldigt.

Ein weiteres Thema, mit dem Sie sich sicherlich beschäftigen, ist die Vereinnahmung durch die Industrie. Wie sorgen Sie dafür, dass Unternehmen Sie nicht für ihre Öffentlichkeitsarbeit benutzen?

Das ist ein schwieriges Kapitel, nicht auf interessengeleitete Informationen hereinzufallen. Dazu kommt, dass eine gründliche Recherche heutzutage relativ wenig honoriert wird, obwohl wir gerade im Zeitalter der „Fake News“ gute und fundierte Informationen brauchen. Aber durch die schlechte Bezahlung arbeiten auch manche Kollegen gezwungenermaßen zum Beispiel für Pharmahersteller, deren Therapien sie aber auch objektiv bewerten sollen.

Haben Sie Tipps für Journalisten und Journalistinnen, um sich unabhängig zu machen?

Das kann ich so pauschal gar nicht sagen. Aber weil ich in einem Medienbüro arbeite, weiß ich, wie schwierig es für freie Journalisten ist, ein Auskommen zu haben. Deswegen haben viele von ihnen unterschiedliche Standbeine. Das kann sie unabhängiger machen. Man muss nicht unbedingt PR für ein Unternehmen machen. Mein Ratschlag ist, sich nicht nur auf eine Sache zu spezialisieren, sondern noch weitere Betätigungsfelder zu suchen – zumindest so lange, bis man sich etabliert hat.

Wie kann dann gute journalistische Arbeit unterstützt werden? Gerät durch finanzielle Abhängigkeiten die Pressefreiheit in Gefahr?

Über die Jahre hinweg hat sich der Wissenschaftsjournalismus gut weiterentwickelt. Heute wird vielfach deutlich differenzierter und gründlicher berichtet. Es gibt mehr Kriterien für eine gute Berichterstattung. Der eigentliche Einschnitt in die Pressefreiheit ist der, dass diese nicht mehr als ein hohes Gut angesehen wird, das unhinterfragt geglaubt wird, was im Netz steht – und zwar von manchen Journalisten ebenso wie von Nutzern. Beispiel Kokosöl.

Also ist es auch für den Wissenschaftsjournalismus ein Problem, dass so viele Falschinformationen im Internet veröffentlicht werden, denen teilweise eher geglaubt wird als einem wissenschaftlichen Artikel?

Genau. Die wissenschaftlich fundierten Artikel werden gar nicht wahrgenommen. Gerade, wenn wir über das Thema Ernährung sprechen. Man glaubt gar nicht, was so an Influencern herumläuft. Nichts gegen deren Präsenz in den sozialen Medien, aber dadurch, dass sie Werbung für Produkte machen, sind sie überhaupt nicht unabhängig. Trotzdem wird ihnen geglaubt, weil sie einen Lebensstil mitverkaufen.

Wenn wir über Falschinformationen sprechen: Wie gehen Sie damit um, wenn sich Informationen im Nachhinein als falsch herausstellen – zum Beispiel, wenn neue Studien bekanntwerden?

Das ist ein großes Problem, weil Wissenschaft ja immer auch Unsicherheit ist. Sagen wir einmal so: Es ist gerade in dem Moment richtig, aber vielleicht gibt es in den nächsten fünf Jahren neue wissenschaftliche Erkenntnisse und dann sieht es wieder anders aus. Und dem Leser diese Unsicherheit zu vermitteln, ist auch ein Problem. Ein weiteres riesiges Problem ist, dass in der Medizinforschung Studien nicht veröffentlicht werden, wenn das Ergebnis negativ ist. Das führt natürlich zu einer Verzerrung der Studienergebnisse. Zum Beispiel hat die US-amerikanische Zuckerlobby jahrelang verhindert, dass wissenschaftliche Erkenntnisse veröffentlicht wurden. Diese haben gezeigt, dass Zucker schädlicher ist als Fett.

Also fängt das Problem schon früher an? Guter Journalismus ist nicht mehr möglich, weil er vorher durch intensive Lobbyarbeit der Unternehmen verhindert wird?

Genau. Das ist, glaube ich, sehr wichtig zu verstehen. Es sind ja oft Nahrungsmittelhersteller oder Pharmakonzerne, die die Studien in Auftrag geben. Und die entscheiden, was veröffentlicht wird und was nicht. Und das ist eigentlich der Skandal.

Welche Bestrebungen gibt es, dagegen vorzugehen? Welche Regulierungen gibt es in Deutschland, die versuchen, das zu unterbinden?

Es gibt in Deutschland und auch weltweit eine Bewegung im Arzneimittelbereich. Es soll dafür gesorgt werden, dass Studien, die Negatives berichten, auch veröffentlicht werden müssen. Es müssen zum Beispiel auch Studien über nicht wirksame Medikamente veröffentlich werden. Erst dann ergibt sich ein vollständiges Bild, und das ist auch absolut notwendig. Es gibt inzwischen eine Registrierung von allen klinischen Studien, die durchgeführt werden, um die Forschungen transparenter zu machen. Das ist sehr wichtig. Aber eine Pflicht zur Veröffentlichung der Ergebnisse wie es das EbM-Netzwerk fordert, das sich für gute medizinische Studien und gute Praxis einsetzt, gibt es bislang nicht.

 

Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Yalla Media Akademie, eine Kooperation zwischen der Jugendpresse Deutschland und dem Verein Eed be Eed (“Hand in Hand”) aus Berlin. Der Text erschien zuerst in der Printausgabe des Weser-Kuriers.

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