Journalist im Untergrund

#jmt18

Midas Azizi hat in Syrien als Journalist im Untergrund gearbeitet und eine geheime politische Zeitschrift herausgegeben. Heute lebt er in Hannover und berichtet unserem Redakteur Kutaiba Bakier über Journalismus in seinem Heimatland.

“Dicle” hieß die politische Zeitschrift, die der syrische Journalist Midas Azizi ab 2005 herausgab. Foto: Jugendpresse Deutschland

 

Viele Menschen in Syrien träumen davon, Grenzen ohne Hindernisse zu überqueren. Sie sehnen sich danach, aus ihrem Käfig auszubrechen – zu sagen, was sie möchten und auszusprechen, was sie denken. Doch sie leben in einem Land, das sich im Krieg befindet. Ihr Leben ist voller Gefahren und Verbote. Dies gilt insbesondere für Menschen, die eigentlich über die Wahrheit und ohne Vorschriften berichten sollen: Journalisten. Doch das syrische Regime lässt es nicht zu, dass sie offen berichten, was in Syrien passiert. Um in dem Land journalistisch arbeiten zu können, müssen Reporter der Linie des Regimes folgen und zeigen, dass sie loyal sind. So wird diese Berufsgruppe zu einem Machtinstrument. Für Kreativität und Pressefreiheit ist unter diesen Umständen kein Platz.

Gesetzlich gesehen ist es in Syrien nicht möglich, eine Zeitung herauszugeben, ohne vorher eine Lizenz durch den Staatssicherheitsdienst zu erhalten. In der Realität erhält jedoch niemand eine solche Lizenz. Alle Medien gehören zu staatlichen Organen. Die dort beschäftigten Journalisten arbeiten wie Beamte, die Regeln treu befolgen. Trotz dieser Umstände und Gefahren haben es einige gewagt, im Untergrund journalistisch zu arbeiten.

Einer von ihnen ist Midas Azizi. Der 1973 in Al-Darbasiyah geborene Journalist gründete trotz all dieser Hürden eine geheime politische Zeitung in Damaskus. „Ich glaubte daran, Brücken zwischen den Bürgern bauen zu können. Denn ich bin überzeugt davon, dass man seine Meinung äußern, seinem Zorn Ausdruck verleihen und darüber sprechen muss, was die Menschen beschäftigt“, sagt Azizi.

Kontrolle durch Sicherheitsdienste

Weil dies jedoch in keinem staatlich kontrollierten Medium geschah, machte er dies selbst ab 2005 möglich – in seiner eigenen Zeitung. Anfangs wurde „Didschla“ auf Arabisch und unter der Schreibweise „Dicle“ auf Kurdisch gedruckt, später dann auch auf Assyrisch. Damit war sie eine der ersten Zeitschriften, die die verschiedenen kulturellen Gemeinschaften Syriens ansprach und es ihren Lesern ermöglichte, mehr über die anderen Gemeinschaften zu erfahren.

Viele Autoren unterstützten die Idee und veröffentlichten ihre Artikel in der Zeitschrift. Unter ihnen waren auch die Autoren und Journalisten Akram Al-Bunni und Jad Al-Karim Al-Jibai. Gemeinsam übten sie in ihren Artikeln scharfe Kritik am politischen System Syriens und der Herrschaftspolitik des Präsidenten Baschar Al-Assad. Sie analysierten, warum sich immer mehr Syrer von der Politik distanzierten.

Einfach war das jedoch nicht. Azizi lebte damals in der syrischen Hauptstadt Damaskus, die von den verschiedenen Sicherheitsdiensten kontrolliert wurde. Zusammen mit vier Freunden produzierte er die Zeitschrift unter erschwerten Bedingungen. Sie arbeiteten zu Hause an „Dischla“, druckten die Zeitschrift per Hand und verteilten sie anschließend nur über ein Netzwerk an Freunde, denen sie vertrauen konnten. Einzelne Menschen bekamen von ihnen eine geringe Menge an Zeitschriften, die diese dann in Städte in ganz Syrien brachten und dort weiter verteilten.

Alle Mitarbeiter des Blatts fürchteten sich davor, dass der Staatsicherheitsdienst etwas von ihren Aktivitäten mitbekommen könnte, erzählt Midas Azizi. So arbeiteten alle äußerst vorsichtig. Nach der Verteilung jeder einzelnen Ausgabe erwarteten sie, verhaftet zu werden. „Es war so, als würden wir Handgranaten verteilen“, beschreibt der Journalist die Verteilung der Zeitschrift. Trotz all dieser Schwierigkeiten überlebte „Didschla“ drei Jahre lang.

2008 war Midas Azizi schließlich in das Büro des Staatssicherheitsdienstes in Damaskus vorgeladen und angeklagt worden. Geheime Informanten hatten dem Regime regelmäßig Informationen über die Arbeit der Redaktion und ihrer Mitarbeiter zugespielt. Kurz darauf veröffentlichte der Journalist eine Ausgabe von „Didschla“ unter dem Titel „Herausforderung“. Enthalten war unter anderem ein Interview mit dem Regimekritiker Ali Abdullah. Dies sollte für einige Jahre die letzte Ausgabe der Zeitschrift sein.

Angst um die Familie

Azizi sorgte sich zu sehr um seine Familie. Er sah keine andere Möglichkeit mehr und entschloss sich schließlich dazu, die Arbeit an „Didschla“ einzustellen. Als die Revolution in Syrien im Jahr 2011 begann, kehrte die Zeitschrift kurzfristig als Stimme des Widerstands zurück und kämpfte mit ihren Artikeln erneut gegen die Unterdrückung der Pressefreiheit. Als 2012 jedoch der Stadtteil Harasta vom syrischen Militär blockiert wurde, sah sich Midas Azizi gezwungen, das Land zu verlassen und nach Deutschland zu flüchten.

Heute lebt der ehemalige Herausgeber und Chefredakteur von „Didschla“ in Hannover. Jungen Journalisten rät er ausdrücklich, diesen Beruf dennoch auszuüben. Sie sollten sich stets mit Entschlossenheit wappnen, immer zu ihren Überzeugungen stehen und denen eine Stimme geben, die keine haben, betont Azizi. „Sie dürfen sich niemals von einer Regierung instrumentalisieren lassen und zu einem Sprachrohr von Machthabern werden.“ Junge Menschen, die sich für Medien interessieren, sollten auch in Zukunft den Sinn des Journalismus bewahren. Denn ohne wahren Journalismus gebe es keine Freiheit, sagt der Journalist.

 

Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Yalla Media Akademie, eine Kooperation zwischen der Jugendpresse Deutschland und dem Verein Eed be Eed (“Hand in Hand”) aus Berlin. Der Text erschien zuerst in der Printausgabe des Weser-Kuriers.

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