Jüdische Kultur in Krakau – ein Prozess der Integration

Das Viertel Kazimierz  ist in Krakau als jüdisches Viertel bekannt. Doch wie viel ist bekannt über die Kultur und der Lebensweise der jüdischen Bevölkerung früher und heute in diesem Viertel?

Beim jüdischen Kulturfestival in Krakau ging es bunt zu – Polnische Bürger und Menschen jüdischen Glaubens feiern Seite an Seite.    Foto: Nils Brunschede

 

Vor dem aktuellen Kontext stellen sich folgende Fragen:

  • Wie ist die Integration der Juden hier in der Stadt?
  • Wie hat sich ihre Kultur seit dem 2. Weltkrieg verändert?
  • Haben viele Polen Kontakt zu Juden?
  • Teilen beide Völker auch gemeinsam ihre Feiertage?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, sprach ich in Kazimierz im Gebäude „Judaica Centrum Kultury Zydowskiej“ mit Joachim Russek, dem Leiter des Zentrums…

                                                                                                                                                     Vor dem zweiten Weltkrieg lebten in Polen etwa 3,3 Millionen Menschen jüdischen Glaubens. Während des Krieges wurden nicht nur 3 Millionen polnische Juden in den Konzentrationslagern umgebracht, auch die gesamte jüdische Kultur wurde dabei fast vollständig ausgelöscht.

Nach dem Krieg verließen noch immer viele Jüdinnen und Juden Polen. Ihre Wege führten nach Übersee oder Israel. Grund dafür waren die Repressalien des damaligen kommunistischen Regimes. Aus diesen Gründen leben heute nur noch etwa 6000 Juden in Polen. Allerdings beläuft sich die Zahl nur auf alle registrierten Personen. Die Dunkelziffer bewege sich hingegen deutlich höher, so Joachim Russek. Nach dem zweiten Weltkrieg ist das Judentum also noch immer ein Bestandteil des Lebens in Polen. Dabei erfuhr die Religion ab 1990 eine Wiederbelebung, nachdem zuvor nur Splittergruppen existierten.

Das jüdische Leben findet in Polen bereits seit fast 1000 Jahren statt, wodurch Menschen jüdischen Glaubens insgesamt gut innerhalb der Gesellschaft integriert sind. Mit den Gepflogenheiten, der Sprache und dem kulturellen Leben sind alle Jüdinnen und Juden vertraut. Außerdem gingen nach dem zweiten Weltkrieg jüdische Kinder nicht mehr auf rein jüdische Schulen, sondern haben gemeinsam mit polnischen Schülerinnen und Schülern eines anderen Glaubens die Schulbank geteilt. Sie haben zusammen die gleiche Ausbildung erhalten, Erwachsenen stehen die gleichen beruflichen Perspektiven offen, wie ihren polnischen Arbeitskollegen.

Viele junge Menschen entdecken heutzutage ihre jüdischen Wurzeln. Auch die Feste werden oft gemeinsam gefeiert. Dies ergab sich aus der Tatsache, dass Menschen oftmals gemeinsam Feste feiern. So gibt es Erzählungen von Personen, die ihre Arbeitskolleginnen und -Kollegen fragten, ob sie nicht gemeinsam das Chanukka Fest feiern wollen. Auf der anderen Seite wird dann zu Weihnachten eingeladen und so wachsen Kultur und Religion etwas näher zusammen. Vorurteile können so abgebaut werden und in Personen anderen Glaubens sieht man nicht mehr nur das Fremde, sondern Freundschaft und Verbundenheit.

Die Geschichte Polens spielt bei dem Verhältnis zwischen dem Judentum und dem Land eine entscheidende Rolle. Seit der Existenz des ersten Staates war Polen ein Vielvölkerstaat – im Gegensatz zu Deutschland. Bereits unter dem ersten polnischen König Bolesław I Chrobry wurde die heutige Westukraine an Polen angegliedert, unter den Piastenfürsten und -Königen wurden viele deutsche Handwerker in Schlesien angesiedelt, unter Władysław II Jagiełło kam es zur polnisch-litauischen Union, unter Jan III Sobieski wurden die Tataren in Polen ansässig. So könnte man noch viele andere polnische Könige und Wahlkönige aufführen, wie z.B. Stefan Batory unter dessen Herrschaft Ungarn und Teile Rumäniens an Polen angegliedert wurden.

Dadurch hat Polen eine sehr reiche, bunte Kultur und in den letzten tausend Jahren polnischer Geschichte gab es nie Religionskriege, wie in Deutschland, Frankreich und vielen anderen Ländern Europas. Geprägt durch dieses interkulturelle Staatsgefüge und die enorme Religionsfreiheit kam es auch zu der größten jüdischen Diaspora in Europa auf polnischen Boden. 

Viele Juden, die im 13. und 14. Jahrhundert in Mittel- und Westeuropa verfolgt wurden, fanden Zuflucht in Polen, aber auch schon nach den Kreuzzügen im 11. und 12. Jahrhundert. Die Juden erhielten in Polen viele Privilegien durch die polnischen Fürsten und Könige. So hatten Juden in Polen eine eigene Gerichtsbarkeit, Handelsfreiheit, es stand ihnen der Schutz von Leben, Eigentum, Synagogen, Friedhöfen zu, sie hatten eigene hebräische Druckereien in Krakau und Lublin. 

Im Gegenzug kämpften sie immer an der Seite Polens, beteiligten sich an den Aufständen zur Wiedererlangung der Freiheit Polens. Auch gab es ein jüdisches Reiterregiment im ersten Weltkrieg als viele jüdische Freiwillige in den von Marschall Józef Piłsudski geführten Legionen für die Freiheit Polens kämpften.                                                                                                           

Doch Pogrome wie die während des Kosakenaufstandes unter Bogdan Chmielnicki und während der Regierung von Roman Dmowski nach dem ersten Weltkrieg markierten auch schwierige Zeiten in der Geschichte der polnischen Juden.

Nach dem Besuch im jüdischen Viertel in Krakau glaube ich, dass das Wort Integration nicht ein leeres Wort bleiben muss. Integration kann gelebt werden, doch ihr Weg verlangt, dass man das Andere als das annimmt was es ist. Das kann nur durch gegenseitiges kennenlernen und verstehen erfolgen. Erst dann ist das Fremde nicht mehr fremd. Gründe für Krieg, Zerstörung und Leid sollte es nicht mehr geben. Deshalb ist Integration für uns alle wichtig! Und wir alle brauchen Frieden zum Leben.
Krakau ist heute eine wunderschöne Stadt, doch auch hier hat es über 70 Jahre gedauert bis die Wunden, die der zweite Weltkrieg hinterließ, sich schließen konnten und die Narben abgeheilt sind.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              

1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

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Stege, Hella
18. Juli 2018 08:58

Liebe Amira,
Das ist ein sehr guter Artikel!
Vergiss bitte auch nicht, dass im Wawel der Körper von August dem Starken begraben ist. (Damals hat Sachsen auch einiges für Polen getan…)
Bleib dran – weiterhin gutes Gelingen wünschen
Hella und Hans Stege

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