„Das Plakat ist völlig nichts sagend!“    

#poBTW17

Politiker und Politikerinnen reden viel, gerade zur Wahlkampfzeit. Doch was sagen sie genau, welche Worte wählen sie und was bedeuten sie? Politolinguistinen beschäftigen sich auf wissenschaftlicher Ebene genau damit. Mit der Linguistin Prof. Dr. Dagmar Hüpper von der Westfälischen Wilhelms Universität-Münster hat sich Laura Bartels über die aktuelle Wahlkampfsprache unterhalten.  

Martin Schulz, Angela Merkel, Cem Özdemir und Sarah Wagenknecht lächeln mich an, als ich mich auf dem Weg zum Germanistischen Institut der Uni Münster mache. Sie alle hängen momentan nicht nur in Münster an fast jedem Pfahl oder Laterne – oft sogar übereinander, sodass man im Vorbeifahren kaum lesen kann, was sie eigentlich zu sagen haben. Was die Poster und die Kandidatinnen aussagen (möchten), ist manchmal gar nicht so einfach zu klären. Hilfreich ist hierbei die Erfahrung von Frau Prof. Dr. Dagmar Hüpper, emeritierte Sprachwissenschaftlerin der Uni Münster. Mit ihr bin ich zum Interview verabredet. Eine Stunde sprechen wir über Plakate, Wortwahl, Aussagen und neue Medien. Vor allem zum Thema Wahlkampfsprache kann sie einiges erzählen. Sie hat im Jahr der letzten Bundestagswahl, 2013, als auch im letzten Herbst ein Seminar zur Wahlkampfsprache an der Uni angeboten. „Sprachliche Strategien und nicht Sprachliches“, so Frau Hüpper, „machen das Thema interessant, ebenso wie die verschiedenen Kommunikationsformate wie Social Media zum Beispiel.“ Besonders spannend sind hier die Wahlkampfphasen, für die Linguistin „Phasen verdichteter Politik“, aus denen sich einiges ablesen lässt: Wie äußert sich ein Politiker oder eine Politikerin zu einem Thema, welche Worte benutzt sie, welche nicht. Das ist ein Bereich der Politolinguistik, den Hüpper untersucht.  

 

Vorwahlkampf und Social Media 

 Im Herbst 2016 analysierte Hüpper mit einigen Studierenden die Vorwahlkampfzeit der Parteien. Besonders im Social Media Bereich war der Vorwahlkampf schon zu spüren. Twitter und Facebook sowie Instagram wurden von allen Parteien mehr oder weniger bespielt. Auffällig ist, dass kein Slogan aus der Zeit übernommen wurde. Die FDP warb beispielsweise im Herbst mit den Aussagen „German Angst und German Mut“; im Bundestagswahlkampf ist von diesen Begriffen nichts mehr zu lesen oder zu hören.  – im aktuellen Wahlkampf ist von diesen Begriffen nichts mehr zu lesen oder zu hören. Da arbeitet die Parteien mit dem Portrait von Linder und Aussagen zur Wirtschaftspolitik und zum Bereich Digitales. Die Parteien benutzen also für die verschiedenen Phasen unterschiedliche Begriffe und Slogans. Auch wenn dieser Eindruck noch nicht wissenschaftlich bewiesen ist, lassen sich Unterschiede in der Sprache in den verschiedenen Wahlkampfphasen ausmachen, sagt die Linguistin.  

 

Schlag-, Fahnen- und Hochwertwörter 

Slogans oder Begriffe haben in der Germanistik bestimmte Bezeichnungen. Parteien benutzen Schlagwörter, die in Fahnenwörter oder Unwert- oder Hochwörter unterteilt sind. Teilweise sind einzelne Wörter eng mit den Parteien verbunden, sie lassen sich als Fahnenwörter bezeichnen. Es sind Wörter, die die Parteien für sich sozusagen reklamieren. Man kann sich das so vorstellen, „als würde sich die Partei versammelt hinter ein Wort stellen und sagen, dieses Wort ist jetzt unsere Fahne“, erklärt die Linguistin. Die FDP nutzt freie Marktwirtschaft als Fahnenwort, für die CDU ist christlich als eines zu betrachten. DIE LINKE hat als ein Fahnenwort antikapitalistisch, für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ist es ökologisch und die SPD nutzt Solidarität. Fahnenwörter sind also Worte, die eine Ausrichtung der Partei mit einem Wort ausdrucken und die laut, Hüpper, „bei einer Partei überall wieder im Programm auftauchen.“   

Im Gegensatz zu den Fahnenwörten, sind Hoch- oder Unwertwörter zwar auch an eine Partei gebunden, allerdings ist ihre Verbindung mit einer Partei nicht ganz so eng und kann wechseln; sie sind eher Ausdruck einer gesellschaftlichen und politischen Entwicklung. Hochwertwörter werden von den Parteien für sich selbst benutzt, beispielsweise Bedingungloses Grundeinkommen für DIE LINKE. „Unwertwörter sollten dagegen gemieden werden“, rät die Linguistin. Sie sind negativ konnotiert und können abwertend gedeutet werden. Oft werden sie einer Partei für eine andere genutzt. Bspw. wurden die Grünen im letzten Bundestagswahlkampf als Verbotspartei diskreditiert, weil sie einen vegetarischen Tag in der Woche in öffentlichen Kantinen forderten.  

 

Politischerer Wahlkampf als 2013 oder nicht 

 „2013“, erzählt Hüpper, „warb die CDU auf ihren Plakaten nur mit dem Portrait der Kanzlerin. 2017 variieren die Plakatgestaltungen. Mit kurzen Slogans wie für Sicherheit und Ordnung möchte die CDU nun Wählerinnen überzeugen.“ Ihr Eindruck ist generell, dass die Parteien dieses Jahr einen politischeren und inhaltsvolleren Wahlkampf betreiben als vor vier Jahren. Sichtbar wird dies auch an einem Plakat der SPD, was wir gemeinsam ansehen. Auf ihm stehen fünf große Hochwert- und Fahnenwörter, die die Partei ausmachen. Zu lesen sind auf dem Plakat fünf Schlagworte: Solidarität, Zusammenhalt, Bürgerversicherung, Soziales Europa und Willkommenskultur. Viel Inhalt für ein Plakat. Die Begriffe werden allerdings nicht nur von einer Partei genutzt, viele dieser Begriffe  finden sich auch im Wahlprogramm oder auf Plakaten anderer Parteien.  

 

Überschneidungen bei der Wortwahl 

 Fast jede Partei verwendet Begriffe wie Europa, Wirtschaft, Sicherheit oder Deutschland. Für die Linguisten sind solche parteiübergreifenden Begriffe sogenannte Schlüsselbegriffe. Auch sie sind allerdings Kontext- und vor allem Zeitgebunden. Dies wird zum Beispiel an dem Begriff Willkommenskultur deutlich. 2013 war das Thema Migration oder Einwanderung kein Thema im Wahlkampf, dieses Mal positioniert sich jede Partei dazu. Zwar lässt sich daraus auch etwas gesellschaftliches deuten, für die Politolinguistin ist aber die Wortwahl, die Syntax und die Frage wie und wann das Wort verwendet wird, entscheidend. Natürlich sind Worte dennoch eng mit Emotionen und Einstellungen verbunden. Insbesondere in der heutigen Zeit ist das ein viel diskutiertes Thema, an dem wir in unserem Gespräch nicht vorbei kommen.  

 

Emotionen im Wahlkampf 

 Vor allem im Wahlwerbespots sind Emotionen viel zu finden, verstärkt durch Musik und Bilder. Auch im Hörfunk oder eben auf Plakaten wird versucht ein Bild zu erzeugen, oft verknüpft mit einer Emotion. In Münster hat die Spitzenkandidatin einer Partei mit einem Hund auf großflächigen Plakaten allen Bürgern schöne Ferien gewünscht. Fraglich ist, ob das bei den potentiellen Wählern und Wählerinnen irgendwelche Emotionen hervorruft. Zumindest kann angenommen werden, dass es Emotionen ansprechen soll. 

Wir reden auch darüber, wie die AfD und andere rechte Parteien für sich und ihre Themen werben, denn insbesondere rechte Parteien versuchen, ihre Wahlwerbung mit Emotionen zu verknüpfen.  Die AfD versucht dies zum Beispiel durch Plakate, auf denen eine schwanger Frau zu sehen ist und dazu der Slogan “Neue Deutsche? Machen wir selbst!” steht. 

Hüpper macht deutlich, dass bei diesen Parteien vor allem mit der Emotion Angst geworben wird. Begriffe wie Flüchtlingswelle oder Migrationsflut appellieren nicht an das rationale Verständnis der Wählerinnen, sondern bedienen Emotionen. Insbesondere, „da diese Begriffe etwas Unkalkulierbares im Sinne einer Naturkatastrophe beinhalten“, so Hüpper. „Welche Emotionen und vor allem  Folgen diese Worte bei den Wählerinnen haben, lässt sich als Linguistin nicht nachprüfen.“ 

 Am Ende des Gesprächs wird deutlich, dass es im wissenschaftlichen Bereich noch einige Lücken zu füllen gibt, was Wahlkampfsprache angeht. Hüpper hat hier insbesondere die sozialen Netzwerke im Blick, sie äußert sogar die Vermutung, dass diese in absehbarer Zeit als Fünfte Gewalt in Deutschland einzuschätzen seien. Schon jetzt passiere in den Netzwerken soviel, dass man es kaum überschauen könne. Außerdem hat sich im Gespräch über Wahlkampfsprache und -Plakate herausgestellt, dass es die Parteien in ihrem Verhalten zum Teil sehr ähnlich agieren, ähnliche Themen ansprechen und sich auch im Social Media Bereich ähnlich verhalten. Ob das die Entscheidung, wo man das Kreuz setzt, einfacher macht, ist abzuwarten.  

 

 

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