„Ich möchte mitgestalten und nicht nur wohnen“

Noah Wehn (16) aus Leipzig nimmt am 11. Jugendforum Stadtentwicklung teil und spricht im Interview mit politikorange über seine Wahlstadt, die Vision einer jugendgerechten Großstadt und ein Leben auf weniger als 10 Quadratmetern. 

Noah Wehn präsentiert im Plenum einen Zwischenstand aus seiner Workshop-Gruppe zu Bedürfnissen Jugendlicher in Großstädten. Foto: Laura Lubahn

politikorange: Wie bist du denn auf das Jugendforum Stadtentwicklung gekommen?

Noah Wehn: Durch meine Angehörigkeit im Jugendparlament. Das Jugendparlament ist im Prinzip die gesetzlich legitimierte Interessenvertretung von Jugendlichen im Rathaus. Das heißt, dass die Jugend einer Stadt eine Stimme im Rathaus hat. Und wir wurden einfach angeschrieben, dann habe ich mir gedacht, das könnte interessant sein. Großstädte sind sowieso immer interessanter. Wir sollen das besonders vor dem Hintergrund des globalen Kontextes sehen. In Großstädten wird sich die Zukunft abspielen. Großstädte werden immer noch größer werden. Und deshalb habe ich mich schließlich fürs Jugendforum entschieden.

Was interessiert dich an Stadtentwicklung besonders?

An Stadtentwicklung interessiert mich besonders, dass es ganz konkret mit den Menschen zu tun hat. Also wir leben am Ende in der Stadt. Und die Stadt ist im Endeffekt auch der Bereich der Zukunft, denn wir haben es zunehmend mit einer Urbanisierung zu tun. Und deshalb möchte ich natürlich auch mitgestalten, nicht nur wohnen.

Glaubst du, dass durch diese Urbanisierung der Fokus zunehmend auf die Städte gelegt wird und dadurch das Land vernachlässigt wird?

Ich befürchte es. Auch wenn das nicht der Fall sein sollte.

Würdest du lieber in einer noch größeren Stadt als Leipzig leben?

Nein. Weil es noch unpersönlicher werden wird. Ich fühle mich eigentlich relativ wohl in Leipzig. Also ich kann jetzt nur aus meiner Perspektive sprechen. Mir geht es wirklich gut. Es gibt viele Möglichkeiten, wo ich mich engagieren kann. Es gibt Mitbestimmungsmöglichkeiten, wie beispielsweise den Stadtschülerrat oder das Jugendparlament. Es gibt auch Demonstrationen, wo man selbst teilnehmen  und Politik machen kann. Insofern fühle ich mich sehr wohl in Leipzig.

Wie stellst du dir gute und vor allem konstruktive Jugendbeteiligung in einer Großstadt vor?

Also ich stelle mir konstruktive Jugendbeteiligung so vor, dass man selbst als Jugendlicher eine Stimme, die auch gehört wird. Das heißt, dass man eine direkte Stimme beispielsweise im Stadtrat bekommt. Weil die Jugendlichen sind die Zukunft von morgen. Also wir müssen dann mal in der Stadt leben, die jetzt errichtet wird.

Glaubst du, dass so ein Antragsrecht im Stadtrat reicht, oder müsste es noch weiter gehen?

Ich finde, es ist erst mal ein sehr guter Anfang. Wir können zufrieden sein. Vor allem, wenn man sich anschaut, was die anderen Jugendparlamente so für Rechte haben. Aber reichen tut das glaube ich letztendlich nicht. Ich glaube, wir sollten auch mehr direkte Rechte und Verantwortung haben.

Also wenn du ein ideales Jugendparlament und die Rechte des Jugendparlamentes selbst aufstellen könntest. In einer fiktiven Stadt, in vielen, vielen Jahren. Was würdest du dir wünschen?

Zuerst würde ich uns einen wesentlich größeren Etat zusprechen. Weil Wahlkampf ist leider untrennbar mit Geld verbunden. Das heißt, wenn man viel Geld hat, kann man auch einen großen Wahlkampf machen, um so zu einer sehr hohen  Wahlbeteiligung zu kommen. Zumindest ist das der Idealfall oder bestenfalls die Folge. Und dadurch ist man ganz anders legitimiert. Das heißt, man wird von Stadtrat anders wahrgenommen, wenn man jetzt 60 Prozent Wahlbeteiligung hat anstelle von 4,5 oder 5 Prozent. Dass man nicht nur Rechte auf dem Papier hat, sondern dass das auch genau so im Gesetz steht, wie Jugendbeteiligung auch funktionieren muss.

Kommen wir zu einem anderen Thema: Könntest du ohne Auto leben?

Ich könnte in einer Großstadt ohne Auto leben. Auch wenn ich glaube, dass hierfür  noch wesentlich mehr getan werden müsste. Ich komme in Leipzig eigentlich überall hin. Es gibt aber so ein paar Ausnahmen. Also z.B. an den Stadtrand kommt man teilweise sehr schwer, vor allem abends, und wenn dann nur lästig mit viel Umsteigen. Und teilweise fahren die Züge bzw. die Straßenbahnen in keiner hohen Frequenz, was das Ganze zwar nicht behindert, aber  dann zeitlich erschwert. Also ich könnte aktuell überall hinkommen, aber ich würde mir noch wesentlich mehr wünschen. Dann würde ich mich auch besser fühlen, wenn ich gar kein Auto hätte.

Du bist jetzt 16 Jahre alt. Könntest du dir vorstellen, auf einen Führerschein zu verzichten oder wirst du einen Führerschein machen?

Ich werde einen Führerschein machen. Allein um mir diese Flexibilität offen zu halten. Also ich weiß nicht, wo es mich mal später hinziehen wird. Aktuell fühle ich mich in Leipzig sehr wohl. Aber ich weiß nicht, wie es in 30 Jahren aussieht. Vielleicht habe ich dann genug vom Stadtleben, sodass ich einfach mal auf das Land ziehen und meine Ruhe haben möchte. Und dort ist ein Auto, zumindest in der aktuellen Zeit, noch unabdingbar.

Könntest du dir vorstellen, in einem „tiny house“, also auf weniger als zehn Quadratmeter zu leben?

Das kommt natürlich immer auf die Umstände an. Also mit einer Familie auf keinen Fall. So groß ist ungefähr mein Kinderzimmer. Aber wenn man jetzt vielleicht ein Student ist, dann kann man sich das  vielleicht angucken für ein paar Monate. Aber leben, ich weiß nicht so recht. Also ich bin eigentlich schon ziemlich glücklich darüber, dass ich so viel Freiraum habe und dass ich mich auch frei Entfalten kann in gewisser Maßen. Vor allem Freunde in einem „tiny house“ einzuladen, könnte schwierig werden.

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