WAS IST EIGENTLICH DEMOKRATIE?

Junge Menschen fordern ihr Recht ein, gehört zu werden – schließlich ist Deutschland eine demokratische Gesellschaft. Aber was verstehen wir eigentlich unter Demokratie? Unsere Autorin Julia Barthel hat sich auf die Suche nach Antworten begeben.

Mehr oder weniger als nur wählen: Demokratie ist mehr! Foto: Johannes Kolb

Demokratie ist mehr als nur wählen.                                               Foto: Johannes Kolb

Demokratie – komplizierter als gedacht

Für uns junge Deutsche ist es selbstverständlich, dass wir in einer Demokratie leben. Warum das so ist und wie das genau funktioniert, ist eigentlich egal. So dachte auch Inga Glökler (21), Teilnehmerin der #jpt17, lange: „Für mich war Demokratie ganz lange eine Selbstverständlichkeit. Ich fand es schon wichtig, zu den Wahlen zu gehen – das war halt aber einfach so. In der letzten Zeit ist mir aber klar geworden, dass es etwas ist, wofür man auch kämpfen muss. Ich glaube, dass wir schon relativ viele Möglichkeiten haben, uns einzubringen.“

Auf der Suche nach einer Antwort im Internet, was eigentlich Demokratie ist, erscheinen bei Wikipedia mehr als 20 Seiten Text. Demzufolge bezeichnet Demokratie ein politisches System, in dem Macht und Regierung vom Volk ausgehen. Fragt man die 450 jungen Menschen, die sich an diesem Wochenende in der Hauptstadt treffen, dann würde das sicherlich noch mehr Seiten füllen.
Die Jugendlichen bringen viele verschiedene Ansichten mit. Für Sean Siemers (16) ist Demokratie in Deutschland vor allem Parteienpolitik, in der man seine Interessenvertreter und -vertreterinnen wählt. Marina Stumpp (20) meint: „Demokratie ist, dass jeder frei ist, zu tun, was er möchte – also sich selbst zu verwirklichen, seine Meinung frei zu äußern und dazu beitragen zu können, wie das Land sich entwickelt, wie die Politik geführt wird“. Lara Treppner (23) möchte nicht nur selbst mitreden, sondern auch andere Menschen dazu auffordern: „Man darf auch mal penetrant sein, weil viele Menschen eine Scheu davor haben, sich politisch zu beteiligen. Oder sie äußern sich nicht zu irgendwelchen Themen, weil sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Darum geht es aber überhaupt nicht. Jeder muss verstehen, dass seine Stimme genauso wichtig ist wie die eines anderen.“ Und es sei wichtig, dass jeder eine eigenständige Entscheidung treffen darf, ohne beeinflusst zu werden, ergänzt Marie-Sophie Wüppger (17). „Demokratie bedeutet für mich auch, dass die Mehrheit der Menschen entscheidet, dass aber trotzdem auf die Wünsche und Bedürfnisse der Minderheiten eingegangen werden“, erklärt Moritz Heimbächer (25).

Demokratie kann man lernen

Demokratie hat viele verschiedene Facetten und den Jugendlichen fällt es schwer, den abstrakten Begriff einfach oder sogar eindeutig zu definieren. Aber warum ist das so? „Wir denken in der Regel, wir sind ganz  dolle Demokraten – und wenn es dann auf den Punkt kommt, sind wir es eben nicht“, erklärt  Juliette Brungs. Sie ist Demokratietrainerin und kümmert sich um Fortbildungen für Sportvereine oder für Lehrerinnen und Lehrer. In ihren Trainings regt Brungs die Teilnehmenden an nachzudenken und das zu reflektieren, was sie jeden Tag tun: „Ist es grundsätzlich in Ordnung, das alle gleich behandelt werden? Was ist gleich, was ist gerecht? Ist es gerecht, wenn ich ungleiche Voraussetzungen habe und dann gleich behandelt werde?“ Die Antwort liefert sie gleich mit: „Nicht zwingend.“ Demokratie ist eine komplexe Angelegenheit, es gibt viel zu diskutieren. Natürlich gibt es immer wieder auch demokratiefeindliche Gesprächspartner und -partnerinnen. Wie man damit umgeht, ist laut Brungs eine „Herausforderung für jede Demokratin und jeden Demokraten“. Häufig stellt Brungs in ihren Trainings fest, dass die meisten Menschen gar nicht wissen, wie man es regeln soll, dass alle gleichberechtigt mitmachen können.

Um richtig verstehen zu können, was genau Demokratie ist, vermittelt sie theoretisches Hintergrundwissen über Geschichte und Formen der Demokratie. Brungs ist davon überzeugt, dass es ein wichtiger Anfang ist zu lernen, wie Demokratie überhaupt funktioniert. Das kann man auch für sich alleine tun: „Bücher lesen en masse finde ich eine gute Sache, aber auch Diskussionen sind wichtig – sich aneinander reiben und miteinander ins Gespräch kommen, vielleicht auch in einen konstruktiven Streit geraten.“ Zum Beispiel auch über den täglichen Konflikt zwischen Hierarchie und demokratischer Partizipation, also wie Teilhabe in einem demokratischen System verstärkt erreicht werden kann. Wie verhandelt man das? Seine persönliche Grenze muss dabei jeder selbst ziehen und für sich selbst entscheiden: „Wie viel kann ich aushalten und womit möchte ich nicht umgehen?“. Dann müsse auch jeder die Möglichkeit haben, zurückzutreten und zu sagen: „Stopp, das geht mir zu weit.“ Wie überall in der Demokratie muss auch hier jeder selbst herausfinden, was er oder sie selbst braucht und dafür den Mund aufmachen.

Gesichter statt Gesetze

Demokratie lebt von Menschen, die mitmachen – oft sind politische Forderungen aber zu abstrakt und komplex, meint Sebastian Schütz. Er arbeitet bei change.org, einer Online-Plattform für politische Beteiligungsprozesse, die aus Problemen Petitionen machen und daraus dann Kampagnen. „Die stehen ganz am Anfang, wo es darum geht, Menschen erstmal für eine ganz grundsätzliche Aussage oder Forderung zu begeistern“, erklärt Schütz, „die Beteiligung folgt dann in den nächsten Schritten.“

Schütz warnt vor sperrigen Begriffen wie „Bundesteilhabegesetz“ oder „Integration“, weil sie mögliche Unterstützer und Unterstützerinnen kaum überzeugen könnten. Vielmehr wirken persönliche Geschichten, die abstrakten Problemen ein Gesicht geben und sie so greifbar machen. Laut Schütz braucht es klare Ziele und Forderungen, um Menschen zu begeistern und zu bewegen. Forderungen, mit denen sich Menschen identifizieren können – oder eben auch nicht. Für ihn steht die Petition am Anfang einer Kampagne, eine Unterschrift ist der erste Schritt ins Engagement. Viele Unterschriften können so viel Aufmerksamkeit erzeugen, dass das Anliegen mit wichtigen Politikern und Politikerinnen besprochen werden kann.

Das kann ein langer Weg sein, was den Jugendlichen aber klar ist: „Die ganze Welt wird sich nicht verändern, nur weil du einen Finger hebst“, meint Diya (19). Schütz rät jedem, der seine Forderungen umsetzen will, sich ein engagiertes Team aufzubauen. Das müsse eine ordentliche Portion Kreativität und Durchsetzungsvermögen mitbringen, um möglichst viele Menschen für das eigene Projekt zu gewinnen. Schütz betont: „Es braucht diesen Prozess, damit Leute verstehen: Okay, hier muss ich was tun!“ Das heißt gar nicht unbedingt, dass alle Menschen dem zustimmen müssen. Stattdessen geht es Schütz immer darum, einen Dialog zu beginnen und Menschen für Themen zu mobilisieren. Denn daraus entsteht dann gesellschaftliches Engagement: Demokratie!

Denn Demokratie heißt mitmachen, diskutieren und auch offen für andere sein. Iman-Nour Habbouchi (16) meint: „Man muss jeden Leben lassen, aber auch selbst so leben wie man es dem anderen wünscht. Demokratie ist für mich, wenn jeder seine Meinung äußert. Man muss aber auch andere Meinungen akzeptieren können.“ Auch was Demokratie an sich ist, steht nirgends in Stein gemeißelt – das ist auch unmöglich. Wichtig ist, sich über eines im Klaren zu sein: Demokratie bedeutet in jedem unserer Köpfe etwas anderes. Was genau das ist, darüber müssen wir miteinander sprechen.

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