Viel Schein, wenig Sein

Beim Rural Future Lab trafen sich viele beeindruckende, engagierte junge Menschen. Ein Ort der Visionsbildung wurde es aber kaum: Wieso war das so? Ein Kommentar von Rebecca Kelber.

Mitschreiben auf der Farm.                                                                                                                                   Foto: Jonas Walzberg

Das Rural Future Lab sollte eine Möglichkeit für junge Menschen aus dem ländlichen Raum sein, Politik mitzubestimmen. “Wir sprechen bei der Konferenz nicht über, sondern mit den jungen Menschen aus dem ländlichen Raum”, sagte Entwicklungsminister Gerd Müller über das Rural Future Lab zu Entwicklungspolitik Online. Doch die 130 Teilnehmenden kamen kaum dazu, tatsächlich über Probleme auf dem Land zu reden. Das lag auch an dem Programmaufbau. Dabei klingt der aus dem Mund einer der Organisatorinnen logisch aufgebaut: Zuerst im März ein dreitägiger Kick-off Workshop in Meckenheim, dann beim Rural Future Lab in Berlin ein Tag mit Diskussionen und Ausflügen, am zweiten Tag Exkursionen zu musterhaften landwirtschaftlichen Betrieben in Brandenburg. Darauf aufbauend soll es dann am dritten Tag Zeit für Diskussionen geben und die Möglichkeit, Visionen zu entwickeln.

Auch wenn Mohamed Kamal Ali Abdalla die Touren spannend fand, an der beim Rural Future Lab teilnahm, und Denkanstöße daraus mitnahm: Für die Diskussionen am dritten Tag hätten die Exkursionen nichts gebracht, so Abdalla. Die besichtigten Betriebe wurden dafür auch zu wenig eingeordnet, ihre Vor- und Nachteile kaum reflektiert. Immer wieder sagt unser Guide auf der Busfahrt, wir sollten uns eine imaginäre Röntgenbrille aufsetzen und die Strukturen hinter den Betrieben sehen, die wir ansteuern. Nur einmal ermuntert er zur Diskussion mit unserer Sitznachbarin oder unserem Sitznachbarn. Auch danach gibt es keinen offiziellen Programmpunkt, bei dem das Gesehene reflektiert und eingeordnet werden kann. Zwar haben viele der Teilnehmenden einen Hintergrund im Agrarbereich, doch für die Menschen, die keinen anderen deutschen Betrieb gesehen haben, ist es schwer, das Gesehene zu vergleichen. So standen die Exkursionen für sich. Eine Teilnehmerin vergleicht sie mit einem Schulausflug.

Vierzig Mal Visionen in drei Minuten

Am nächsten Tag stellen 40 der Teilnehmenden in je drei Minuten ihre Geschichte und Vision vor. Ihr sei es wichtig gewesen, die Leute selbst sprechen zu lassen, das Potential im Raum aufzuzeigen, erklärt eine der Organisatorinnen. Aufgrund der vielen Teilnehmenden gestalte es sich aber schwierig, über fast drei Stunden die Aufmerksamkeit zu halten.

So bleiben an diesem Tag schlussendlich nur drei Stunden, um die Themen zu diskutieren, um die es auch bei der nachfolgenden G20-Konferenz gehen soll: Infrastrukturlösungen zum Beispiel, Ernährungssicherheit oder Good Governance und Finanzierung sind die Problemfelder. Alle Teilnehmenden werden durchgezählt und so in sechs Gruppen à zwanzig Personen aufgeteilt. Sie diskutieren drei der Themen je eine Stunde lang. Welche Bereiche das sind, können sie nicht selbst entscheiden, ihre Expertise und ihre Interessen bleiben unberücksichtigt. Die Organisatorinnen von der GIZ erklären, dass das Losverfahren für die World-Cafés dazu diene, dass sich die TN auch immer mal wieder mit anderen Themen und in neuen Gruppenformationen auseinandersetzen.

In den Räumen für die Diskussionen stehen an der Tafel drei konkrete Fragen zu den Themen, doch der Moderator drängt bei den Diskussionen in kleineren Gruppen zur Eile, sodass kaum Zeit für offene Diskussionen bleibt. Stattdessen geht es darum, sich möglichst schnell für bestimmte Schlagwörter zu entscheiden. Dadurch fallen viele Ideen fallen unter den Tisch.

Auf die Frage, warum denn so wenig Zeit für die Diskussionen geplant worden sei, antwortet der zuständige Referatsleiter vom BMZ, Olaf Deutschbein, dass sie ursprünglich eine fünftägige Konferenz hätten durchführen wollen. Aber für die Teilnehmenden wäre es wahrscheinlich schwierig gewesen, sich eine ganze Woche frei zu nehmen. „Dem Rural Future Lab ging deshalb ein dreitägiger Kick-off-Workshop im März voraus, bei dem die Teilnehmenden intensiv Zeit zur Diskussion hatten”, sagt er. Als zweiten Punkt nennt Deutschbein die Kosten, die durch zwei weitere Konferenztage entstanden wären.

Brüten über dem besten Schlagwort. Foto: Jonas Walzberg

Brüten über dem besten Schlagwort.                                                                                                                   Foto: Jonas Walzberg

Sechs Schlagwörter nach drei Stunden Diskussion

Abends werden dann die finalen Ideen aus jeder Gruppe den anderen Teilnehmenden präsentiert. Die Präsentatorinnen und Präsentatoren versuchen, die drei schlussendlich ausgewählten Stichwörter für die verschiedenen Themen mit Leben zu füllen, über die dann die Teilnehmenden via Klatschen abstimmen. Die Moderatorin drängt zur Eile. Das Ergebnis sind allgemeine Forderungen: Bildung zum Beispiel oder Partizipation. In der Feedbackrunde danach klingen viele Stimmen unzufrieden: Er hätte gerne schon vorher in Gruppen zu dem Thema gearbeitet, die Zeit sei zu kurz gewesen, sagt ein junger Deutscher und erntet viel Applaus. Olaf Deutschbein von BMZ versteht diese Kritik nicht. Sie hätten vorher den Entwurf der Charta von Berlin rumgeschickt und zu Anmerkungen aufgerufen, erklärt er. 
Bei der Schlusspräsentation und der Feedbackrunde war er nicht dabei, genauso viele der Organisatorinnen und Organisatoren. Während es am zweiten Abend des Rural Future Labs einen Empfang mit dem Entwicklungsminister Gerd Müller gab, war bei der Ergebnispräsentation niemand Hochrangiges vom Ministerium zugegen. Deutschbein ist überrascht von der Kritik der Teilnehmenden, von der er zum Zeitpunkt unseres Gesprächs noch nichts gehört hatte.

Undurchsichtige Auswahl der Präsentierenden

Wer am nächsten Tag auf der G20-Konferenz die eigenen Vorschläge präsentieren darf, wird vom Ministerium entschieden. Drei der fünf Menschen standen vorher schon fest, erklärt Deutschbein. Sie seien bei bei dem im Vorfeld organisierten dreitägigen Kick-off Workshop mit 30 jungen Menschen aus Afrika im Vorfeld der Konferenz ausgewählt worden. Kritik an dieser Praxis weist Deutschbein zurück. Von den unterschiedlichen Organisatoren seien Teilnehmer angesprochen worden, die sich in den Workshops durch ihre Sprecherposition als Führungspersönlichkeiten hervorgetan hätten.

Als drei Tage voller Diskussionen und Visionen wird dann das Rural Future Lab bei der G20-Konferenz vorgestellt. Vier der fünf Redner und Rednerinnen erzählen ihre eigene Geschichte, statt über die Vorschläge zu reden. Es sind gute Erzählungen, beeindruckende, starke Persönlichkeiten auf der Bühne. Danach übergibt der fünfte Redner dem Minister ein Schild, auf dem die sechs finalen Worte zwischen passenden Zeichnungen nett anzusehen sind.

Alle klatschen.

Sie fühle sich vom BMZ zur Selbstdarstellung benutzt, erklärt eine Teilnehmende danach bei einem Glas Saft in der Lobby. Sie hätte gedacht, dass sie die Leute aussuchen könnten, die ihre Ideen präsentieren. Und sie fände es komisch, dass einer der Präsentierenden in seinem vorgestellten Projekt selbst von Mitteln des BMZ profitiert hätte.

Präsentation Gründerinnen bzw. Gründer, Müller mit auf der Bühne.

Übergabe der Forderungen an den Entwicklungsminister Gerd Müller.      Foto: Jugendpresse Deutschland/Julian Kugoth

Fazit

Das Rural Future Lab hat viele besondere Menschen zusammengebracht – auch das an sich ist eine Leistung des Entwicklungsministeriums. Vielleicht wird aus diesen Begegnungen etwas entstehen. Dem Selbstanspruch, eine Partizipationsmöglichkeit für junge Menschen zu bieten, ist es aber nur eingeschränkt gerecht geworden.

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