Einmal Bauernhof und zurück

Brandenburg: Die Visionen in der Landwirtschaft liegen direkt vor den Toren Berlins. politikorange ist mit den Teilnehmenden des Rural Future Labs unterwegs – hier treffen junge Erwachsene aus aller Welt zusammen und diskutieren über die Zukunft der Landwirtschaft. Ein Erfahrungsbericht von Marek Walde.

Der Zeiger steht auf der Acht. Die Türen des Busses öffnen sich, Jugendliche drängeln sich ins Innere. Zu hören: Gemurmel in den unterschiedlichsten Sprachen. Der Bus rollt los, die erste Station des Tages ist die „Agro Farm Nauen”. Der Betrieb ist einer der größten im Umkreis von Berlin und versucht, die Umwelt zu schützen und ein “kleines Ausrufezeichen gegen die Klimaerwärmung” zu setzen, wie Farmarbeiter Tunisch der Gruppe erklärt.

Innovationen vom Bauernhof

Tunisch ist einer von über 20 Angestellten, die sich um die zirka 2400 Hektar große Farm kümmern. Das Ziel unserer Exkursion im Kontext des “Rural Future Labs” ist es, die Biogasanlagen näher kennenzulernen. Was nicht selbstverständlich ist: Der Betrieb hat gleich mehrere Anlagen, mit denen sämtliche Bioabfälle ganz einfach in Strom und Wärme umgewandelt werden können. So kann zum Beispiel Gülle, die sonst wegen Überdüngung die Umwelt stark belasten würde, ganz einfach zur Stromerzeugung verwendet werden. Der Bauernhof selber speist so jedes Jahr genug Strom allein über die Biogasanlagen ein, dass über 4000 Haushalte über das Jahr versorgt werden können. Zusätzlich dazu finden sich auf dem Gelände noch 85 Windräder und ein Solarpark, der das ganze Jahr über “grüne Energie” produziert. Strom, made by Bauernhof.

Mais aus der Maschine…

Nächstes Thema: Die junge Gruppe macht sich wieder auf den Weg. Nur wenige Meter weiter lässt sich ein „Global Player” in Sachen Landwirtschaftsmaschinen finden. Bei „CLAAS” im Havelland liegt zwar nicht die Produktion der großen Maschinen, dafür werden sie von dort aus aber für alle Bauern im Umland verkauft und auch gewartet. So betreut die Firma zirka 50 Traktoren, die alle regelmäßig gewartet werden müssen. „Das dauert so ungefähr 30 bis 40 Stunden pro Maschine“, berichtet Marvin Malzahn von „CLAAS”. Das Unternehmen hat jedes Jahr im Winter sehr gut zu tun, da die meisten Bauern ihren Traktor, Mähdrescher, oder Häcksler in der dunklen Jahreszeit zur Inspektion bringen. „Wenn sie ihre Maschine im Winter abgeben“, so Malzahn, „dann ist die Umsatzeinbuße für sie deutlich geringer, als wenn ihre Fahrzeuge während der Haupterntezeit im Sommer kaputtgehen.“

'CLAAS' Mitarbeiter Malzahn erklärt der internationalen Gruppe einen Mähdrescher

CLAAS-Mitarbeiter Malzahn erklärt der internationalen Gruppe einen Mähdrescher                                                                            Foto: Marek Walde

Warum der Besuch der Firma zum Programm der Exkursion passt? Für die Zukunft setzt die Firma voll und ganz auf digitale Technik. „Seit einigen Jahren schreitet die Digitalisierung extrem voran. So gab es jetzt schon Testfahrten mit Fahrzeugen, die ganz ohne Fahrer bzw. Fahrerin auskommen und nur noch von der Terrasse mit dem Tablett gesteuert werden.

Das sind bislang aber nur Testläufe.“ Was bereits jetzt Realität für viele Bauern ist, sind Fahrzeuge, die sie komplett überwachen können. So haben sie mit ihrem Computer zum Beispiel im Blick, wie viel Diesel das Fahrzeug verbraucht, wo Schwachstellen sind, oder wo sich das Fahrzeug gerade befindet. „Das”, so Malzahn, „ist zukunftsweisend”.

Herr von Ribbeck, auf Ribbeck im Havelland…

Weg von den technisch orientierten Schwerpunkten hin zu den kulturellen Highlights in Havelland: Neben schönen Wäldern und atemberaubenden Seen findet sich auch noch das weltweit berühmte Schloss Ribbeck in der Region bei Berlin. Für die Gruppe eine Möglichkeit, einen Einblick in die Verbindung zwischen Kultur und Landleben zu gewinnen – dafür ist das historische Gebäude natürlich wie geschaffen. Auf der ganzen Welt berühmt gemacht hat es definitiv Theodor Fontanes Ballade „Herr von Ribbeck, auf Ribbeck im Havelland“. Aus diesem Grund besuchen jährlich 30.000 bis 40.000 Menschen die frisch renovierte Villa, in deren Garten nicht nur ein einziger Birnenbaum steht…

Die internationale Gruppe auf Schloss Ribbeck Foto: Marek Walde

Die internationale Gruppe auf Schloss Ribbeck                                                                         Foto: Marek Walde

„Jedes Bundesland hat hier einen eigenen Birnenbaum gepflanzt“, so der Geschäftsführer des Hauses Frank Wasser. „Die Bäume symbolisieren nach der Deutschen Einheit ein Stück Zusammenhalt aller Bundesländer hier in Brandenburg.“

Unser Besuch endete, wie sollte es auch anders sein, mit der Ballade, die im Garten des alten Hauses spielt. Und das sogar mit einer Weltpremiere: Dank der internationalen Gruppe konnte der Text der Ballade erstmals gleichzeitig auf Deutsch, Französisch und Englisch aufgesagt werden. Ein schönes Zeichen für die Gemeinschaft, die durch die gemeinsamen Visionen der jungen Teilnehmenden besteht.

Ein Stück „heile Welt”…

'CLAAS' Mitarbeiter Malzahn erklärt der internationalen Gruppe einen Mähdrescher

Hühner auf dem Hof von Familie Kruse werden im Freiland gehalten.                          Foto: Marek Walde

Der Bus rollt weiter, die letzte Station des Tages ist der Bauernhof der Familie Kruse, ein waschechter Familienbetrieb. Regionaler Anbau im Kleinen? Das geht bei Familie Krause und dabei noch nachhaltig. Seit über 20 Jahren bewirtschaftet die Familie 20 Hektar Land im Havelland, und das ausschließlich zur Direktvermarktung. Das bedeutet, dass die Familie ihre Produkte, also Eier, Erdbeeren, oder Gemüse ausschließlich direkt im eigenen Hofladen verkauft. Das kleine Unternehmen produziert so jährlich zum Beispiel rund eine Million Eier und über 30 Tonnen Erdbeeren. Transportwege? Gibt es keine. Dadurch werden auch weniger fossile Rohstoffe in der Produktion verbraucht – ein Grund, warum der Betrieb auf der Exkursion nicht fehlen durfte.

Und jetzt?

Für mich bleibt von dieser gemeinsamen Exkursion eines hängen: Die Ansätze, die wir kennengelernt haben, könnten die Menschheit sehr viel weiterbringen, wenn sie denn konsequent verfolgt würden. Aber diese Motivation fehlt größtenteils wohl und so bleibt alles vorerst alles beim Alten. Zumindest solange, bis die nächste Generation etwas Entscheidendes ändert – vielleicht ja die jungen Menschen, neben denen ich gerade im Bus saß.

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