Die vergessenen Kinder – Opfer innerfamiliärer Tötungsdelikte

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Wenn ein Elternteil den anderen Elternteil tötet, sind Kinder besonders schutzbedürftig. Doch in der Kinder- und Jugendhilfe werden diese Fälle oft übersehen. Ema Jerkovic hat herausgefunden, was das Jugendamt Stuttgart dagegen tun möchte.

Susanne Heyen und Frauke Zahradnik stellen die Studie des Jugendamts Stuttgart vor. Foto: Anna Rakhmanko.

Vor fast genau einem Jahr, am 4. April 2016, ersticht ein 37-jähriger Familienvater seine Ex-Freundin in der Dorfmetzgerei des kleinen schwäbischen Ortes Donzdorf in der Region Stuttgart. Die drei gemeinsamen Kinder – zum Tatzeitpunkt drei, fünf und sechs Jahre alt – müssen die schreckliche Tat mit ansehen. Der Täter wird gefasst und verurteilt. Doch was passiert mit den traumatisierten Kindern?

Der Schutz und die Versorgung der Kinder ist in solchen Fällen besonders entscheidend. Das Jugendamt der Stadt Stuttgart in Kooperation mit dem Erzbischöflichen Ordinariat Freiburg hat genau diese Schutzbedürftigkeit in einem qualitativen Forschungsprojekt untersucht. Die Ergebnisse der Studie wurden während des 16. Deutschen Kinder – und Jugendhilfetags in Düsseldorf von den Projektleiterinnen Dr.phil. Susanne Heyen und Frauke Zahradnik vorgestellt.

Fragen an die Betroffenen

Zentrale Fragestellung der Studie ist, wieso Kinder solcher innerfamiliären Tötungsdelikte kaum in der Jugendhilfe wahrgenommen werden. Vierzehn Betroffene wurden über zwei Jahre befragt. Da die Gefahr der erneuten Traumatisierung bestand, wurde ein langer Prozess der Vertrauensbildung vorangestellt. 93 % der Befragten waren älter als 20 Jahre, nur 7 % darunter.

Somit fokussiert sich die Studie auf Personen, bei der die Tat schon länger her ist. Die Verantwortlichen der Studie haben bewusst Volljährige befragt. Ziel war die Analyse der langfristigen Rolle des Jugendamtes nach der Tat im Leben der betroffenen Kinder. Wie es Kindern zurzeit in solchen Situationen geht, ist dadurch jedoch schwer nachvollziehbar.

Das Leben vor der Tat

Genau die Hälfte der Befragten hat in ihrer Familie schon vor der Tat Gewalt des Täters oder der Täterin erlebt. Teilweise wurde die Tat angekündigt und dann von dem Opfer oder dem Umfeld an die Polizei gemeldet. Ein Befragter erinnert sich: „Die Polizei meinte dann, der kann viel sagen, aber solange er nichts macht, können wir nichts tun.” In dem Fall der drei Brüder aus Donzdorf war auch der Täter – ihr Vater – polizeilich sowie juristisch bekannt. Sieben Jahre lang schlug er seine Frau und die Kinder. 2015 folgte die Trennung. Der Vater schrieb daraufhin täglich Nachrichten, rief an, stellte der Frau nach. Es folgte ein gerichtliches Annäherungsverbot.

Die andere Hälfte der Studienteilnehmenden hat jedoch keine Gewalt im Familienalltag erlebt, sondern einen „ganz starken Gegensatz zur späteren Tat“, wie Projektleiterin Frauke Zahradnik festhält. Der spätere Täter oder die spätere Täterin war in diesen Fällen im Familiengefüge eher der ausgleichende, besonnene Teil.

Der am stärksten vertretende auslösende Moment ist der Zusammenzug mit einem neuen Partner oder einer neuen Partnerin. Im Fall der Familie aus der Region Stuttgart hatte die Mutter zum Tatzeitpunkt einen neuen Partner, war schwanger und plante einen anderen Mann zu heiraten.

Das Leben nach der Tat

Das Jugendamt war in den meisten Fällen nach der Tat kaum bis gar nicht integriert. So wurden viele der Betroffenen direkt nach der Tat bei Verwandten untergebracht. Diese wurden dann langfristig zur Pflegefamilie. In fast allen Pflegefamilien wurde die Trauer tabuisiert, was das seelische Trauma der Kinder verstärkte.

„Die Kinder schildern Gefühle von Unerwünschtheit und Benachteiligung, auch wenn die Familien erstmal helfen wollten“ erklärt die Projektleiterin, während der Vorstellung der Studie auf dem 16. Kinder – und Jugendhilfetag. Der Abbruch von vorher regelmäßigen Freizeitbeschäftigungen oder der Ausschluss von gemeinsamen Unternehmungen sind konkrete Beispiel dafür. Acht der vierzehn Befragten erlebten in der neuen Familie Gewalt oder Vernachlässigungen. Diese stellt die Studie als Einzelfälle dar. Doch bei einer Prozentzahl von über 50% wirft sich die Frage auf, ob dies nicht eher die Regel als die Ausnahme bildet.

„Ich bin nicht nur Tochter des Opfers, sondern auch des Täters. Ich vermisse auch meinen Vater.” Dies ist eine der zweispaltigen Stimmungen, in denen sich die Befragten nach der Tat oft wiederfanden. Zusätzlich wurden den Kindern immer wieder negative Eigenschaften des Täters zugeschrieben.

Besonders überrascht hat die beiden Projektleiterinnen die große Rolle, die Geschwister bei den Befragten spielten. Oft sahen diese die Geschwister als einzige Familie an. Trotzdem empfanden alle Befragten das Gefühl am Schlimmsten, dass sie alleine gelassen wurden.

Opfern eine Stimme geben

Doch welche Bilanz zieht die Studie? Laut den Projektleiterinnen liegt die Arbeit des Jugendamtes in solchen speziellen Fällen bei der Krisenintervention, Obhut sowie Amtsvormundschaft und stärkeren Kontrollen der Pflegefamilien. Diese Kontrollen fielen bei den Befragten sehr schwach aus, da es sich meist um enge Verwandte handelten.

Weiterhin betonen die beiden, dass die Studie vor allem das Thema in der Jugendhilfe präsent machen soll. Dafür appellieren die beiden Projektleiterinnen während ihrer Vorstellung der Studie bei dem Kinder- und Jugendhilfetag 2017 besonders an die anwesenden Fachkräfte. Von den Zuhörenden sind viele sichtlich angetan und die Forderungen der Projektleiterinnen werden sehr positiv aufgenommen. Nach der Präsentation versammeln sich viele Fachkräfte sowie junge Menschen um die Verantwortlichen, um mehr Informationen zu erhalten. Auch Projektleiterin Susanne Heyen ist angetan und stellt fest: „Damit werden wir sicherlich nicht aufhören!“. Zahlreiche Gesprächspartner schreiben sich die Telefonnummer und E-Mail-Adresse der Diplom-Psychologin auf, man möchte in Kontakt bleiben.

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