Freund oder Feind? – Das Jugendamt und die Presse

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Ein Kind kommt zu Schaden und Zeitungen überschlagen sich im Wettbewerb um die höchsten Auflagezahlen. Keine unproblematische Berichtserstattung. Vertreter und Vertreterinnen der Jugendhilfe und der Medien haben auf dem Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag über diese Probleme diskutiert. Lynn Rossler war beim Podiumsgespräch dabei.

Christine Gerber weist daraufhin, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit mit der Presse ist. Foto: Anna Rakhmanko.

Der dreijährige Alessio wird von seinem Stiefvater zu Tode geprügelt. Das Jugendamt war bereits für die Familie zuständig, Kinderärzte hatten schon vor dem Tod des Kindes immer wieder auf Spuren schweren Missbrauchs aufmerksam gemacht. Die Öffentlichkeit ist erschüttert – und die Presse sofort vor Ort. Mit ihrer stetigen Berichterstattung halten die Journalisten und Journalistinnen die Öffentlichkeit über das gerichtliche Verfahren auf dem Laufenden. Sie helfen dabei aber nicht nur aufzuklären, sondern legen der Jugendhilfe oft Steine in den Weg. Rufschädigung und mitunter sogar persönliche Belästigung Verantwortlicher sind die Folgen.

Im Rahmen der Veranstaltung „Aufarbeitung von Kinderschutzfällen: Medienmacht und Expert*innenrat“ im Rahmen des 16. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages sprechen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Jugendhilfe und ein Vertreter der Presse über den Umgang mit Medien und wie die Kommunikation zwischen beiden Berufsgruppen verbessert werden kann.

Lokale Medienkonkurrenz und fehlende Transparenz

Felix Berth, selbst jahrelang tätig als Redakteur etwa bei der „tageszeitung“ in Bayern und der „Süddeutschen Zeitung“, weiß, warum Fälle von Kindermissbrauch besonders heutzutage in der Presse viel Beachtung erhalten. Der Fokus liegt heute mehr auf den Kindern als noch vor 20 Jahren. Früher hatte die Familie an sich mehr Stellenwert, heute sind es die Kinder, für die man sich besonders einsetzt. Zudem spielt die lokale Medienkonkurrenz eine Rolle. Diese führt dazu, dass eine investigative und skandalorientierte Recherche gefördert wird, da sie mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht und somit mehr Käufer anlockt. Auch der Wunsch Vertuschung aufzudecken und Schuldige zu entlarven, sorgen dafür, dass das Engagement der Presse gesteigert und die Recherchearbeit umso intensiver verfolgt wird.

Dass es nicht immer möglich ist, alle Informationen herauszugeben, ist den Medienvertretern und -vertreterinnen klar. Nicht nur aufgrund von Daten-, sondern auch aus Vertrauensschutzgründen müssen Informationen manchmal zurückgehalten werden. Doch laut Felix Berth ist der richtige Umgang mit der Presse entscheidend. Wichtg ist „hohe Transparenz bis zur Grenze und jenseits der Grenze die Grenze klar markieren, und dabei erklären, warum die Grenze da ist.“

„Journalisten sind nicht immer nett“

Auch Christine Gerber vom deutschen Jugendinstitut ist der Meinung, dass man der Presse so offen wie möglich gegenübertreten muss. Wenn ein Mensch aufgrund von Vernachlässigung und Missbrauch sein Leben verliert, darf nicht in der Öffentlichkeit darauf beharrt werden, dass nichts schief gelaufen ist. Denn das ist es offensichtlich. Eine Teilnehmerin des Fachforums arbeitet als Sozialarbeiterin im Jugendamt und weist darauf hin, dass es auch nicht richtig ist, alleine dem Jugendamt die Schuld zuzuschieben. Es treffen immer mehrere Institutionen die Entscheidung, das Kind bei der Familie zu lassen oder es aus der Familie herauszunehmen. In den Medien wird jedoch oft nur davon gesprochen, dass das Jugendamt eine unsichere Situation falsch eingeschätzt hat und somit eine folgenschwere Entscheidung getroffen wurde.

Felix Berth fasst zusammen: „Journalisten sind nicht immer nett.“ Um die Sensationsgier in Grenzen zu halten, betont Frau Gerber, sei Pressearbeit generell wichtig – nicht nur im Krisenfall. Das Jugendamt müsse auch in Zusammenhang mit Erfolgen Erwähnung finden und nicht erst, wenn es zur Katastrophe kommt. Auch fordert sie die öffentlichen und freien Träger zur kritischen Reflexion auf. Fallanalysen sollen regelmäßig durchgeführt werden, auch von Fällen, die nicht so öffentlich behandelt werden. Dies ermöglicht eine Routine und eine bessere Vorbereitung auf die Fragen der Presse. Denn die Medien behindern nicht nur, sie sorgen auch für Aufklärung und können somit Missständen vorbeugen.

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