Blickwechsel – Die Presse aus Sicht des Jugendamtes

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Pressekonferenzen sind ein großer Teil der Öffentlichkeitsarbeit von Ämtern – auch in der Kinder- und Jugendhilfe. Doch wie agieren diese im Krisenfall? Ema Jerkovic hat die Seiten gewechselt und sich als Mitarbeiterin eines Jugendamtes in einem Planspiel versucht.

Ema Jerkovic im Gespräch mit ihrer Partnerin während dem Workshop. Foto: Anna Rakhmanko

Ein siebenjähriges Mädchen, Julia, kann nicht von der Mutter erzogen werden, lebt bei einer Pflegefamilie und wird vom Jugendamt betreut. Das Kind scheint endlich behütet aufzuwachsen. Dann der Schock! Julia wurde von ihrem Pflegevater schwer misshandelt und auf dem Balkon ausgesperrt. Die Presse weiß durch die täglichen Polizeimitteilungen über den Fall Bescheid und möchte die Menschen informieren. Doch wie geht das Jugendamt nun in der Öffentlichkeit mit dem Fall um?
Für Journalisten und Journalistinnen ist es wichtig, viele und verlässliche Informationen über das berichtende Thema zu erhalten. Eine große Hilfe sind dabei Pressekonferenzen, vor allem in akuten Situationen, so genannten Krisen. Für die informationsgebenden Stellen sind diese Konferenzen ein großer Aufwand und auch ein Risiko. Während des 16. Kinder- und Jugendtages in Düsseldorf wird speziell ein Workshop zu diesem Thema für Fachkräfte in Jugendämtern angeboten.

Notfall üben

Als Beispiel wird der oben beschriebene Fall verwendet. Die Teilnehmenden werden in Zweier – und Dreiergruppen eingeteilt und erhalten eine bestimmte Aufgabe. Ich und meine Partnerin, eine Studentin der Sozialen Arbeit aus Bremen, sind ab sofort stellvertretende Fallverantwortliche. Als dieser ist man für das Kind während den Absenzzeiten des Fallverantwortlichen zuständig. Laut Akte von Julia war dies in der Zeit vor der Tat häufig so. Weitere Positionen sind zum Beispiel Pressesprechende, Sozialdezernenten, Leitende des Fachbereichs von Jugend und Familie oder Bezirksgruppenleitende.

Plötzlich Fallverantwortliche

Geleitet wird der Workshop von Falk Wellman und Bernd Weber, beide Diplom-Journalisten und in der Vergangenheit schon als Pressesprecher zahlreicher öffentlicher Institutionen tätig. Bevor der Fall weiter besprochen wird, zeigen die beiden, welches negative Bild die Presse allgemein vom Jugendamt zeichnet. Auf einmal befinde ich mich auf der anderen Seite. Statt selber die Presse zu sein, muss ich nun die Presse zufrieden stellen.

Ich wundere mich tatsächlich über ein striktes Verbot mit der Presse zu reden, denn schließlich sind Journalisten und Journalistinnen auf fachliche Aussagen verschiedenster Personen angewiesen. Als stellvertretende Fallverantwortliche sind mir somit die Hände gebunden.

Weiterhin ist es den beiden Workshopleitenden sehr wichtig, dass eine Pressekonferenz von Seiten des Jugendamtes so bald wie möglich stattfindet. Denn dieses sollte erster Ansprechpartner sein und während der Dauer der Berichterstattung auch bleiben. Ansonsten, so Wellman und Weber, kontaktiert die Presse unter Umständen andere Quellen, wie Nachbarn oder behandelnden Kinderärzte. Persönlich fand ich dieses Denken ein wenig idealistisch. Journalisten und Journalistinnen fangen bei sorgfältiger Arbeit das Gesamtbild der Situation auf und informieren sich bei zahlreichen Stellen – unabhängig davon ob eine Pressekonferenz stattfindet oder nicht.

Pressekonferenz abgesagt

„Nichts leugnen, was nicht zu leugnen ist, wir sind zuständig“, sind die letzten Worte der Experten vor der Pressekonferenz. Solche Workshops werden auch ganztags als „Feuerwehrübung“ in Jugendämtern angeboten. Dabei wird an dieser Stelle eine eigene Pressekonferenz konzipiert und mit Kameras sowie Journalisten und Journalistinnen geübt. Aus Zeitgründen wurde aber bei dem Kinder- und Jugendtag in Düsseldorf nur ein Mitschnitt einer solchen Konferenz gezeigt.

Das fand ich sehr schade, da ich gerne auch praktisch einmal auf der anderen Seite gestanden wäre. Außerdem gab es keinen Rückbezug zu dem im Planspiel vorgestellten fiktiven Fall. In dem Video der Pressekonferenz wurde ein anderer Fall vorgestellt. Nach der Vorstellung wurde sehr angeregt diskutiert, was falsch gemacht wurde und dann von den Experten kommentiert. Nach dieser Diskussion beendete Birgit Zeller, Leiterin des Landesjugendamtes Rheinland-Pfalz, mit den Worten „Gemeinsam wissen wir alles, aber wir sind nicht immer zusammen“ den fikitiven Fall. Vielleicht können Veranstaltungen wie diese Mitarbeitern und Fachkräften dabei helfen, souveräner mit der Presse umzugehen.

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