10 Stationen zum Fast-Merkel-Interview

1.Planung ist das halbe Leben

Planung kann an dieser Stelle auch mit Illusionssterben gleichgesetzt werden. Du denkst, du wirst nach dem Auftritt der Kanzlerin kurz mit der Guten schnacken in dem du sie an der Ausgangstür abfängst. Aber Pustekuchen, auf die Frage an die Organisatoren, welche Tür sie denn benutzen wird, erntest du nur Gelächter, denn ein Kanzlerinnenbesuch scheint durchgeplanter zu sein als der Geldtransport einer Bank. Von der Hundestaffel und Hintergrundüberprüfungen ist die Rede und die Chancen auf ein Gespräch, ja sogar auf ein Statement, schwinden zusehends.

Die einzige Aussicht die man bekommt, ist die eines nicht-botanischen Veilchens vom Bodyguard.
Aber nicht verzagen, Merkel fragen bleibt die Devise und somit solltest du mit deinen Mitstreitern in kollektiver Kopfarbeit einige Fragen vorbereiten, die spontane Antworten zulassen und schnell gestellt werden können.

2. Dress to impress

Normalerweise fühlen sich die Leute an Orten, wo sich Angela Merkel herumtreibt mindestens genauso wichtig wie sie selbst. Das zeigt sich auch an deren Garderobe: Schwarze Anzüge soweit das Auge reicht, zwischen durch mal das eine oder andere kurze Kleidchen. Sich anpassen oder besser Auffallen? Kurzzeitig wird ein Auftritt á la Femen erwogen, dann aber doch als zu extrem verworfen. Dann also doch: Besser nicht auffallen. Der Gammel-Look muss zuhause bleiben.

3. Grenzkontrolle

Gekleidet in deinen seriösesten Klamotten und mit Laptop und Smartphone bewaffnet,
erscheinst du am besten überpünktlich am Veranstaltungsort – und das ist nötig, die Sicherheitskontrollen sind nämlich hoch. Außerdem sind dann da noch grimmig dreinschauende Männer in Anzügen zu überwinden, die den Laptop ganz genau unter die Lupe nehmen – und gleich auch noch einen Blick auf den Hintergrund erhaschen wollen.

4. Deutsche Reservierungstaktiken

Der Besuch von Angela Merkel ist ein Event und entsprechend groß der Andrang. Ein Platz, der zugleich eine gute Sicht verspricht und auf der anderen Seite höchstmögliche Mobilität verspricht, wird gebraucht. Und: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben oder er muss stehen und die Bundeskanzlerin verschwimmt zur Playmobilfigur.

5. Gegen die Gesetze der Physik

Das Glück keine berechenbare Größe ist, lehrt uns schon der Mathematikunterricht – das Gleiche gilt für die Jagd auf die Kanzlerin. Schließlich gibt es Hermines Zeitumkehrer noch nicht, so dass niemand an zwei Worten gleichzeitig sein kann. Eine andere Taktik muss her – und die heißt in diesem Fall: Wir treten im Team an – unterstützt durch moderne Kommunikationstechnologien, die die Brieftaube in Sachen Schnelligkeit um Längen schlagen. Verteilen ist die Devise und jeder teilt seine Beobachtungen, die am Ende ein Gesamtbild abbilden können. Und sollte einer von der Security ausgeknockt werden, gibt es immerhin Überlebende. Oder zumindest die Chance darauf.

6. Fröhliches Rätselraten

Selbst die Nutzung moderner Kommunikationsmedien schafft keine Allwissenheit. Somit bleibt nur die Spekulation über Fragen wie „Wo kommt sie rein?“, „Wo ist eigentlich dieser Seibert?“, oder „Wo geht sie raus?“. Fragen über Fragen – und keine Antwort. Denn am Ende kommt doch alles anders als man denkt.

Foto: Maxi Unger

Foto: Maxi Unger

7. Stillgestanden!

Du hast es geschafft und hast einen guten Platz, jetzt kannst du dich zurücklehnen und auf die
Kanzlerin warten, aber wann kommt sie denn nun? Während du voller Spannung im ungemütlichen Blazer unruhig auf deinem Platz sitzt, scheinen die Minuten bis zum Erscheinen der Kanzlerin langsamer zu vergehen, als im Wartezimmer beim Zahnarzt.

Plötzlich geht alles ganz schnell und du kannst förmlich spüren: Sie ist hier. Die Beleuchtung wird
heller, dein Nachbar, der eben noch gelangweilt in die Luft starrte, packt eifrig sein Tablet aus,
das gesamte Publikum sitzt plötzlich kerzengerade und es wird ganz still. Vor lauter Eifer kann
es passieren, dass du beim Versuch diesen Moment für die Ewigkeit und deinen Instagram-,
Twitter-, und Snapchatfollowern zu protokollieren, beinahe verpasst, was die Kanzlerin eigentlich gerade erzählt.

8. Nähe suchen

Angela Merkel kommt selten allein, eigentlich nie. Vielmehr bringt sie ihr gesamtes Gefolge mit, insbesondere das Bundeskriminalamt und Regierungssprecher Seibert. Auch ein Gespräch mit ihm wird als nützlich eingestuft, schließlich ist er der direkte Draht zur mächtigsten Frau der Welt. Aber wie ihn erkennen? Langsam dämmert es uns: Die Erfolgsaussichten sind gering, beinahe utopisch. Der Glaube an die eigene Dreistigkeit aber ist immer noch da.

Und plötzlich sind wir ganz nah dran, zumindest am Sicherheitsgefolge und werden auch prompt zum Interviewten, statt zum Interviewer – und das in einem Kreuzverhör: “Wer bist du?”, “Was machst du hier?”, “Warum zur Hölle?” und “Hä?”. Eigentlich wäre es nun Zeit, den Rückzug anzutreten, oder sich planlos zu geben und die Kanzlerin ein bisschen zu bewundern. Letztlich gibt es Erbarmen und man muss seinen Platz nicht räumen.

9. Die Chance

Und plötzlich ist sie da: die Chance – zumindest ganz kurz. Denn genauso schnell, wie die Kanzlerin reinmarschiert ist, verschwindet sie auch wieder. Sie ist eine Bienenkönigin, die von ihren Sicherheitsmännern umkreist wird, um maximale Sicherheit zu gewährleisten. Das ist die letzte Chance doch noch ein Statement zu bekommen: Mit einer gehörigen Portion Dreistigkeit stürzt du dich ins Getümmel und schaffst es sogar bis in die Reichweite der Kanzlerin.

10. Auf den Versuch kommt es an

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt und jugendliche Naivität ist der Schlüssel dazu: Wir haben es übrigens tatsächlich geschafft, uns nahe genug an die Kanzlerin zu drängeln und Konkurrenz hat uns lediglich die Security gemacht. Unsere älteren Journalistenkollegen sind völlig ungerührt auf ihren Plätzen sitzen geblieben. Wir haben sie schließlich gefragt, ob sie zu Hause Ökostrom bezieht. Mehr als ein lachendes Kopfschütteln konnten wir ihr allerdings nicht abringen.

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