Flüchtlinge, die besten Deutschen?

Im 17. Jahrhundert wurden in Brandenburg Hugenotten, französische Glaubensflüchtlinge, angesiedelt. Doch lief die Integration wirklich so problemlos, wie viele Geschichtsbücher behaupten oder brannten schon damals die Flüchtlingsunterkünfte? Johann Stephanowitz hat nachgeforscht.

Meine Großmutter hat sich immer gerne auf ihre angeblich hugenottische Herkunft berufen und erzählte mir oft von den französischen Glaubensflüchtlingen, die auf Anordnung des Großen Kurfürsten 1685 nach Berlin kamen. Sie kultivierten die Berliner, brachten neue Wirtschaftszweige in die Stadt und trugen so zur späteren Blüte der preußischen Residenzstadt bei.
Robert Violet, Leiter des Berliner Hugenotten-Museums, zerstört mein idealtypisches Klischeebild jedoch schnell: „Die Hugenottenansiedlung hier in Berlin war zunächst kein großer Erfolg. Viele der Réfugiés waren am Anfang hilfsbedürftig, sodass die Kurfürstin eine Armenspeisung, eine Armenbäckerei und andere Hilfeleistungen für die Einwanderer organisieren musste. Der wirtschaftliche Erfolg kam erst später.“

War das Zusammenleben wirklich so harmonisch?

Réfugiés – so hießen die französischen Flüchtlinge calvinistischen Glaubens die damals im vom 30-jährigen Krieg entvölkerten Brandenburg angesiedelt wurden. Der Begriff Hugenotten ist das Ergebnis der Historien-Verklärung des 19. Jahrhunderts. So war es der damalige Reichskanzler Otto von Bismarck, der die Hugenotten als „die besten Deutschen“ bezeichnete.
Doch war das Zusammenleben wirklich so harmonisch wie es so oft vermittelt wird?
Andreas Flick, Präsident der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft erzählt mir Szenen, die mich eher an die brennenden Flüchtlingsheime des Jahres 2015 erinnern, als an die glorreichen Geschichten aus den Geschichtsbüchern: „In Magdeburg brannten die Hugenottenhäuser und die Feuerwehr sagte, man solle nicht eingreifen. In Celle wurde die Hugenotten als ,Nahrungsstörer?’ bezeichnet und in Lüneburg wurden hugenottische Schneiderwerkstätten zerstört, um nur einige Beispiele der Missstimmung der einfachen Bevölkerung gegenüber den Neuankömmlingen zu nennen.“ Für Flick liegen die Gründe auf der Hand: Die Einwanderer wurden von den Herrschern mit zahlreichen Privilegien, wie Steuerfreiheit und Wirtschaftssubventionen überhäuft. Das zog natürlich den Neid der einheimischen Bevölkerung auf sich.

Die Probleme waren am Anfang die gleichen wie heute

Man sieht, die Geschichte wiederholt sich. Damals kamen 20 000 Flüchtlinge nach Brandenburg, was in Relation gesetzt, durchaus mit der heutigen Flüchtlingsanzahl vergleichbar ist und die Probleme waren am Anfang die gleichen wie heute. Doch die Réfugiés, die anfangs eher unter sich lebten, lernten schnell deutsch. Schon in der dritten Generation waren Heiraten zwischen Deutschen und Réfugiés die Regel. Die französischen Calvinisten – sie hatten eine neue Heimat gefunden.
Heute gilt eine hugenottische Abstammung manchen als ein Adelsschlag. „Viele glauben, sie seinen dann ein besserer Mensch“, erklärt mir Andreas Flick. Es ist also möglich, dass irgendwann die syrischen Flüchtlinge genauso heroisiert werden wie heute die französischen Réfugiés.

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