Reise in eine andere Welt

In die Welt der Märchen wurde das Publikum bei einer etwas anderen Rahmenveranstaltung der Zukunftstour in Jena mitgenommen. Ein Angebot, das die Chance mit sich brachte, die Themen Flucht, Migration und interkulturelle Verständigung aus einem anderen Blickwinkel zu erleben.

Geräuschkulisse: Wüstenlandschaft

Es ist angenehm warm, der Holzboden strahlt Geborgenheit aus, das Licht ist gedämpft, einige bunte Strahler erleuchten den Bühnenhintergrund. Trotz des hohen Raums fühlt man sich zwischen der überschaubaren Zahl an Zuschauer*innen wohl. Es wird still. Nach einem langen Tag zwischen den 300 lärmenden und aufgeregt durcheinander redenden Schüler*innen des Nachhaltigkeitskongresses tut das gut. Langsam beginnen die beiden Musiker Kay Kalytta (Multipercussionist) und Klaus Wegener (Saxophon; Klarinette) ihren Instrumenten faszinierende Töne zu entlocken. Ein Rauschen erfüllt den Raum, Gras wiegt sich im Wind, von irgendwo her klappert und zischelt es, vielleicht eine Schlange oder ein anderes Tier im Untergrund, ein tiefes Brummen im Hintergrund. Da liegt eine geschäftige Stadt in der Umgebung und langsam tauchen dumpfe Laute auf, die Sohlen einiger Kamele kommen auf feinem Sand näher. Allein durch die urigen Klänge entsteht eine beeindruckende Kulisse. Die Künstler nehmen uns mit auf eine abenteuerliche Reise, heraus aus dem tristen Gewerbegebiet in Jena, hinein in unbekannte, aber aufregend klingende Gebiete irgendwo auf dem afrikanischen Kontinent.

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Geräuschkulisse: Wüstenlandschaft. Foto: Inga Glökler

Der Kameltreiber

Und dann fängt Antje Horn mit ihrer klaren Stimme an zu erzählen, von einem Kameltreiber auf seinem Kamel der sich früh morgens an die Arbeit machte. Als er an einem Garten voller Pfirsiche vorbei ritt, schnappte sich sein Leitkamel kurzerhand einen Pfirsich vom Baum. Das machte den Besitzer des Gartens, der alles gesehen hatte, so wütend, dass er einen Stein nach dem Kamel schmiss und es so heftig traf, dass es tot zu Boden ging. Das machte den Kameltreiber sehr zornig und im Affekt warf er den Stein zurück. Unglücklicherweise traf er den Gartenbesitzer so, dass dieser ebenfalls tot umfiel. Der Kameltreiber wollte schnell fliehen, aber die Söhne des Gartenbesitzers hatten bemerkt was geschehen war und überwältigten ihn. Er sagte, es tue ihm leid und es sei keine Absicht gewesen, er sei nur so wütend über den Tod seines besten Kamels gewesen und er würde ihnen eine hohe Summe Blutgeld zahlen, wenn sie ihn nur am Leben ließen. Aber sie brachten ihn zum Haus des Richters in der Stadt und forderten seinen Tod. Nachdem dieser nochmal nachgefragt hatte, ob die Söhne das Blutgeld nicht doch akzeptieren wollten und sie verneinten, sprach er den Kameltreiber schuldig. Als der Henker seine Messer bereits wetzte, bat der Verurteilte um Aufschub, da er noch etwas Wichtiges zu erledigen hatte. Die Menge auf dem Dorfplatz empörte sich über seine Bitte. Doch der Richter bot ihm an er könne drei Tage Aufschub erhalten, wenn ein anderer so lange seinen Platz einnehmen würde. Keiner wollte einem Mörder vertrauen und sein eigenes Leben riskieren. Alle bezweifelten, dass der Schuldige jemals wiederkehren würde. Doch dann trat ein alter gebrechlicher Mann aus der Menge und erklärte sich bereit, den Platz des Kameltreibers einzunehmen bis der wiederkommen würde. Der schnappte sich sein schnellstes Kamel und ritt davon.

Urmuster aller Märchen: Der Sieg des Guten über das Böse

Die Schriftstellerin Christa Wolf legt allen Märchen ein „Urmuster“ zugrunde: die Überzeugung „vom unvermeidlichen Sieg des Guten über das Böse.“ Es spielt keine Rolle, ob ein Märchen afrikanisch ist und in der Wüste spielt oder europäisch erzählt wird und im dunklen Wald seine Kulisse hat – die Botschaft bleibt immer ähnlich. Die Botschaft, oftmals eine von Gerechtigkeit und Toleranz, ist es auch, die bleibt, wenn ein Märchen auf Wanderschaft geht. Es wird von Generation zu Generation weitergegeben und verbindet so die Menschen. Oftmals werden die Geschichten aber auch in andere Kulturkreise gebracht und durch die dortige Erzählweise beeinflusst. Kristin Wardetzky, eine bekannte Märchenforscherin, nennt Märchen „Pioniere der Migration“, sie werden in fremden Kulturen heimisch, nehmen Neues auf und bereichern durch ihre ursprüngliche Art.

Nach dem dritten Tag kam der Kameltreiber zurück. Zwar sehr spät, aber er kam zurück und hatte sein Wort gehalten. Es wurde nun also alles vorbereitet um seine Hinrichtung zu vollziehen. Währenddessen wird der alte Mann gefragt, warum er das getan habe? Er antwortet, dass er aus einer Zeit kommt, in der man dem Wort eines Mannes glauben kann. Und hätte der Kameltreiber sich nicht daran gehalten, hätte er in solch einer Welt, in der das Wort eines Mannes nichts mehr wert ist, nicht weiterleben wollen. Das bringt den Richter und die Menschenmenge zum Nachdenken. Schließlich hat der Kameltreiber zwar einen Mann getötet, wie er beteuert unabsichtlich, aber er hat auch sein Wort gehalten und den Alten nicht einfach an seiner Stelle sterben lassen. Der Richter belohnt diese Ehrlichkeit und spricht den Kameltreiber frei, dieser zahlt den Söhnen Blutgeld und darf leben. „Alle Gerechtigkeit ist ohne Barmherzigkeit nichts wert“, sagt der Richter und lädt die Stadt ein an diesem glücklichen Tag ein Fest zu feiern.

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Antje Horn erzählt von Gut und Böse. Foto: Inga Glökler

Ende gut – alles gut?

Nicht ganz so glücklich war an diesem Abend der Initiator der Veranstaltung, Dr. Martin Straub vom Lese-Zeichen Verein Jena. Er hätte sich gewünscht, das auch Teilnehmer*innen des Nachhaltigkeitskongresses am Abend noch einmal den Weg zur Imaginata finden um die beeindruckende Performance der beiden Musiker und der Erzählerin, sowie die Botschaft um die Geschichten herum, zu erleben. Die lautete: Gerade in der jetzigen Zeit, in der immer mehr Flüchtlinge aus anderen Kulturkreisen nach Deutschland kommen, ist gegenseitiges Verständnis besonders wichtig. Märchen vermitteln meist eine ähnliche Wertevorstellung und haben, egal aus welchem Kulturkreis sie stammen, vieles gemeinsam. Mit dem Blickwinkel der Märchengeschichten, einer generationenübergreifenden Literaturgattung, soll das Verständnis für einander gefördert werden.

Die Scheinwerfer leuchten blau und grün, der Raum ist jetzt recht dunkel. Im trüben Licht wirkt Antje Horn in ihrer grünen Jacke selbst wie Treibgut und nimmt das Publikum mit in die Unterwasserwelt. Sie erzählt von den Abenteuern des kleinen Teufels Asmodius. Nachdem der durch einen Trick in eine Flasche gelockt wurde um die Bewohner Kapstadts vor ihm zu retten, wird er von einem Scheich in den Ozean geworfen. Die Töne der Instrumente sind gedämpft, das Rauschen der Meereswogen wird nur durch die genervte Stimme des kleinen Asmodius in seiner mit Kupfer ummantelten Flasche gestört. Plötzlich wird es gleißend hell; ein Fischer hat die Flasche aus dem Wasser gezogen. Der will solch eine Kreatur aber nicht behalten und wirft seinen Fang wieder ins Meer. Irgendwann gibt es einen lauten Knall, Asmodius hat es geschafft sich zu befreien, dank einer Languste, um die er sich von nun an kümmert. Getreu dem Motto – „Ende gut alles gut“ ist der Teufel nach seiner Unterwasserreise besänftigt und das Publikum um viele Geschichten reicher.

1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

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Nono, Martial Lebras
16. Februar 2016 15:44

Inga. .das gefällt mir sehr. …du Bist der beste. …Gott behütet dich und gibt dir noch Weisheit damit du noch mehr schöne Sachen in dieser Welt macht. Er begleitet dir und sei deine Licht ☺☺☺

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