Zwischen Volksempfänger und Shitstorm

Es war wie für die Jugendmedientage gemacht. Während  Teilnehmer*innen und Teamer*innen in den Seminarräumen im Haus der Geschichte erzählen, recherchieren und arbeiten, gab es im Erdgeschoss eine Ausstellung mit dem Namen „Unter Druck! Medien und Politik“. Wer konnte, schlenderte hindurch oder schloss sich einer Führung an. Die politikorange-Redaktion war auch dabei.

Eine kleine Umfrage unter den JMT-Teilnehmer*innen, die bei der Führung waren. (Foto: Dominik Martin)

Eine kleine Umfrage unter den JMT-Teilnehmer*innen, die bei der Führung waren. (Foto: Dominik Martin)

Journalist*in kann sich heute jeder nennen. Denn es ist kein geschützter Begriff. Das war in Deutschland nicht immer so. Zur NS-Zeit mussten Journalist*innen einen „Schriftleiterausweis“ haben. Erst dann durften sie für Zeitungen schreiben. So konnte die Regierung jeden, der ihr nicht passte, davon abhalten, Öffentlichkeit herzustellen. Im Nationalsozialismus wurden Medien zur Propaganda genutzt. Damals ganz neu: der Volksempfänger. Heute würden wir Radio sagen. Hitler und Göbbels nutzten das intensiv, um ihre Ideologie in die Wohnzimmer der Bevölkerung zu transportieren. Auf diesen Zusammenhang von Politik und Medien trifft man gleich zu Anfang der Ausstellung.

Von der Spiegelaffäre zum #Aufschrei

Chronologisch geht es weiter. Man stößt auf die ersten Zeitschriften wie den Stern oder die Bild. Sie wurden gegründet, als Deutschland noch aus vier Besatzungszonen bestand. Schließlich ein Einschnitt in der deutschen Pressegeschichte: 1962 die Spiegelaffäre. In der Ausstellung steht eine Tür, die die Gefängniszelle repräsentiert, in der Rudolf Augstein festgehalten wurde. Der ehemalige Chefredakteur des Spiegel und sein Redakteur Conrad Ahlers wurden damals verhaftet, weil Ahlers in einem Artikel geschrieben hat, dass die deutsche Bundeswehr mangelhaft ausgestattet sei und im Ernstfall einen russischen Angriff nicht abwehren könne. Die Anzeige gegen den Spiegel lautete: Landesverrat. Der Streit zwischen Spiegel und Verteidigungsministerium landete vor dem Bundesverfassungsgericht. Das entschied zugunsten der Pressefreiheit. Augstein und Ahlers wurden freigelassen.

Vorbei am „heißen Stuhl“, dem Vorläufer von Polittalks, geht es weiter zur Berichterstattung über Christian Wulff und schließlich landet man im digitalen Zeitalter, begegnet dem Hashtag #Aufschrei und in diesem Zusammenhang natürlich Twitter und Shitstorms in sozialen Netzwerken. Wer hinschaut, entdeckt das Motto der Jugendmedientage. Denn in der Ausstellung geht es um Freiheit und Verantwortung. Und um die Macht der Medien.

Auch alte Stücke gibt es in der Ausstellung. (Foto: Dominik Martin)

Auch alte Stücke gibt es in der Ausstellung. (Foto: Dominik Martin)

Wer beeinflusst hier wen?

Immer wieder fragt man sich: Beeinflussen eigentlich die Medien die Politik oder die Politik die Medien? Die Antwort lautet wohl: beides. Denn Medien machen Öffentlichkeit und geben so der Politik die Aufmerksamkeit, die sie braucht. Aber sie stellen auch Dinge in den Fokus, die der Politik nicht passen. Die Medien bestimmen also, worüber die die Bürger*innen informiert werden. In der Kommunikationswissenschaft spricht man von der Theorie des Agenda-Settings. Da die Politik sich dessen bewusst ist, versucht sie natürlich Einfluss auf Medien und Journalisten zu nehmen – ein enges Zusammenspiel, in dem manchmal Grenzen verschwimmen. Denkt man an den „Volksempfänger“ zurück, wird auch klar: Welche Rolle die Medien spielen, kann man erst erklären, wenn man auf das politische System schaut. In Demokratien sollen Medien informieren und zur Meinungsbildung beitragen. In Diktaturen dienen als Propaganda-Instrument. Ihr Zweck ist es dann die Staatsideologie unter der Bevölkerung zu verbreiten.

Am Ausgang der Ausstellung landet man fast in der Gegenwart, nämlich im Jahr 2014. Ein Ratespiel: Welches Thema haben die Medien in diesem Jahr am meisten behandelt – Fußball, den IS, die Flüchtlingskrise? Das Ergebnis: Über die Ukraine-Krise haben Journalist*innen am meisten berichtet. Medien und Politik – ein enges und schwieriges Verhältnis. Am Ende entscheidet wohl der Mediennutzer, was er darüber lesen möchte und welche Art von Journalismus es wert ist, Geld dafür zu zahlen.

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