Fremdheit in Bildern

Sie sitzen in überfüllten Booten – ohne Namen und ohne Gesicht. Solche Bilder von flüchtenden Menschen sind allgegenwärtig. Doch was lösen sie aus? Welchen Einfluss haben sie auf die Wahrnehmung von Geflüchteten und: Gibt es Alternativen? Franco Zotta und Najim Azahaf sensibilisieren in ihrem Workshop für die Macht der Bilder.

Das erste, was von einem Beitrag ins Auge fällt, ist das Bild. Es gibt einen Eindruck vom Thema, noch bevor sich dem*r Lesenden der Inhalt des Geschriebenen erschließt. „Häufig sind Texte viel differenzierter, als es das Bild ausdrückt“, sagt Franco Zotta. Als Projektmanager bei der Bertelsmann Stiftung kümmert er sich vor allem um die Aus- und Weiterbildung von Journalist*innen. In seinem Vortrag bei den Jugendmedientagen zeigt er, dass in deutschen Medien viel zu häufig zu denselben Bildern gegriffen wird. Bilder, die zwar echt sind, aber nicht unbedingt den Kern des Themas treffen. So wird das volle Boot zum Sinnbild für alles, was mit Geflüchteten zu tun hat. Eine anonyme Masse, die über das Meer kommt, erzeugt das Gefühl von Bedrohung.

Verschleierte Frauen stehen sinnbildlich für Zuwanderung

Dabei geht es auch anders. Das gleiche Thema, ein anderes Motiv: Ein geflüchteter Mann mit großem, offenen Blick im Mittelpunkt. Auch er sitzt in einem Boot, um ihn herum andere Menschen. Doch hier wird ein Gesicht, ein Individuum gezeigt. Franco Zotta betont, dass es nicht darum gehe, bestimmte Bilder zu tabuisieren, doch er fordert mehr Vielfalt. Und ein größeres Gespür für die Folgen, die es haben kann, wenn ein bestimmtes Thema mit den immer gleichen Fotos besetzt wird. Ein typisches Beispiel für diese Funktionsweise ist das Kopftuch. Der Referent zeigt anhand von Online-Artikeln deutscher Medien, dass das Thema Zuwanderung häufig mit verschleierten Frauen illustriert wird. Das bedeutet: Migration wird mit dem Islam gleichgesetzt und der wiederum steht sinnbildlich für das Andere. „Das Kopftuch wird ikonographisch für das Fremde“, erklärt Franco Zotta. Oftmals sei es ein „Kurzschluss in den Redaktionen“, Fotos von Frauen mit Schleier zu verwenden – oftmals gesichtslos von hinten. Besonders bei Bildungsthemen sei dies zu beobachten. Muslimische Frauen würden so zum Inbegriff derer, die noch etwas zu lernen hätten.

Datenbanken spucken immer gleiche Bilder aus

Einen Grund sieht der gelernte Journalist in der Funktionsweise von Foto-Datenbanken. Am Beispiel der Deutschen Presse-Agentur zeigt er, dass zu bestimmten Schlagworten nur eine sehr enge Auswahl von Bildern auftaucht. Bei „Migration“ und „Arzt“ etwa sei immer der Patient der mit Migrationshintergrund. Journalist*innen greifen oft einfach zum Griffigsten, was da ist. Und die Fotograf*innen machen Bilder, von denen sie wissen, dass sie genommen werden. So bedingt sich beides gegenseitig. Zotta und sein sein Kollege Najim Azahaf von der Bertelsmann Stiftung arbeiten deshalb an einem Projekt, dass die Vielfalt erhöhen soll. Fotograf*innen werden beauftragt, eine komplexere Bildsprache zu entwickeln. Gleichzeitig soll eine Studie Muster in der Verwendung von Fotos aufdecken. Mit den Ergebnissen wollen die Mitarbeiter*innen der Bertelsmann Stiftung in Redaktionen gehen und zu Weiterbildungen einladen.

Migrant*innen sind in deutschen Redaktionen unterrepräsentiert

Die beiden Referenten aber auch die Teilnehmer*innen der Diskussion machen deutlich, dass die Ursachen für die dominierende Bildsprache jedoch nicht nur bei den Datenbanken liegen, sondern auch bei deren Nutzern. Als Verantwortliche werden sowohl Agenturen, also auch Fotograf*innen, Chefredakteur*innen und Journalist*innen genannt. Ein Problem sei auch, dass der weiße Mittelstand in der deutschen Medienlandschaft überrepräsentiert ist, sagt Franco Zotta. Die Quote von Migrant*innen in den Redaktionen liege etwa bei zwei bis drei Prozent. Eine winzige Zahl verglichen mit dem Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in der Gesamtgesellschaft.

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