Viel Lärm um Viel

ZukunftsTour

Hochglanzprospekte hier und autonome Integration auf Augenhöhe da – unterschiedlich im Stil, doch in der Sache vereint: Die Verleihung des Titels „Hauptstadt des fairen Handels“ in Rostock bot Eindrücke in zwei Welten, die sich selten so nah sind.

Das Ambiente: Kurhaus Warnemünde, Sterne-Kongresshalle mit weitläufiger Terrasse und Blick über das Meer. Die Mitwirkenden: aus ganz Deutschland gekommen, um gespannt darauf zu warten, wer in diesem Jahr den begehrten Titel „Hauptstadt des fairen Handels“ und wer die anderen mit mehreren zehntausenden Euro dotierten Preise abräumt. Am Ende ist es Saarbrücken. Die Stadt am Vierländereck darf sich von nun an „Hauptstadt des fairen Handels“ nennen und im Moment der Preisübergabe zeigt sich noch einmal die ganze spannende, scheinbare Unvereinbarkeit der Welten. Die Delegation, bestehend aus Mitarbeiter*innen der Saarbrücker Initiativen (Kostüm und Anzug, jedoch sichtbar selten getragen) und Zugewanderten (traditionelle, bunte Kleidung, aus Guinea und Kolumbien) steht unsicher und zusammengedrängt im Rampenlicht. Staatssekretär Thomas Silberhorn (maßgeschneiderter Anzug, nonchalantes Lächeln, meistgenutzte Worte: „mein Minister“) überreicht den Scheck mitsamt Wanderpokal, während Pressevertreter von der lokalen Ostseezeitung bis hin zur nationalen ARD dutzende Bilder schießen.

Endlose Begrüßungen der Anwesenden am Anfang jedes Redebeitrags

Denn Einsatz für den fairen Handel findet häufig dort statt, wo sich der Staat nicht mehr verantwortlich fühlt: In Ökohäusern, in Eine-Welt-Läden, in kommunenhaften WGs in Leipzig, wo Studierende und Geflüchtete füreinander kochen, in Gesamtschulen mit so hohem Migrant*innenanteil, dass Lehrer*innen ehrenamtlich Ganztagsangebote unterbreiten. In der Zivilgesellschaft also, deren Mitglieder frei von institutionellen Hürden handeln, nicht die Schlagzeilen beherrschen und nur an Tagen wie diesen die Früchte ihrer Arbeit ernten können. Menschen, die es normalerweise nicht gewohnt sind, stundenlangen Reden zu lauschen, die alle mit einer ausführlichen Begrüßung der Anwesenden Titelträger beginnen und jeweils achtmal den Satz „Meine sehr verehrten Damen und Herren“ beinhalten.

„Dritte Welt“ und die „Einbeziehung in globale Lieferketten“

Und doch ist der Widerwille gegenüber diesem plakativen Event, gegenüber den horrenden Kosten, die der Staat hier für Buffet, Hotelkosten und Raumservice verpulvert, nur zu Teilen berechtigt. Denn auch wenn die Vorzeigebilder von Angela Merkel inmitten einer Gruppe People of Colour und die Bewerbervideos der Städte mit Bildern hungernder Kinder in der – wörtlich – „Dritten Welt“, wie aus der Zeit gefallen wirken, ist diese Verbindung unvermeidbar. „Die Menschen, die in ihrer Ecke ihren eigenen Überzeugungen treu sind, ohne Kompromisse eingehen zu müssen, werden dadurch eingebunden“, sagt Thomas Silberhorn und trifft damit den Kern der Sache. Denn jene, die es sich im antistaatlichen Idyll, inmitten gleichdenkender Menschen bequem gemacht haben und ihr eigenes Leben moralisch korrekt leben, sind die, die dringend lernen müssen, ihre Ideen in den Mainstream zu tragen, um wirkliche Veränderungen herbeiführen zu können. Dass das wehtun kann und wird, ist klar. Mit Menschen zu diskutieren, die als Armutslösung die „Einbeziehung in globale Lieferketten“ und die „Schaffung von Arbeitsplätzen“ zur „Bedienung des Marktes“ sehen, ist sicherlich frustrierend. Doch geben die Deutschen im Jahr lediglich 13 Euro für Fair-Trade Produkte aus, ein Umstand, der eben nicht nur Linksextremen, sondern auch Mitarbeiter*innen des Bundesministeriums für entwicklungspolitische Zusammenarbeit missfällt.

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