Mafia und Menschenrechte: Der Mahner von Palermo

Kaum ein Bürgermeister lebt gefährlicher als Leoluca Orlando: Der Sizilianer kämpft gegen die Mafia und setzt sich für eine gerechtere Flüchtlingspolitik ein. Jan Nölke und Vivienne Scharff stellen den 67-jährigen Politiker vor.

Leoluca Orlando (Bildmitte) bei der European Summer School 2011 (Foto: Alberto Novi, flickr.com, CC-BY-NC-SA 2.0)

Leoluca Orlando (Bildmitte) bei der European Summer School 2011 (Foto: Alberto Novi, flickr.com, CC-BY-NC-SA 2.0)

Prolog: Leoluca Orlando ist eigentlich kein Gesprächspartner zum Thema Digitalisierung. Dass unsere Redaktion dennoch den italienischen Politiker spontan in Berlin getroffen hat, ist Claudia Roth zu verdanken: Als die Bundestagsvizepräsidentin hörte, dass ein Programmpunkt des Jugendmedienworkshops kurzfristig ausfallen musste, stellte sie prompt den Kontakt zum Bürgermeister von Palermo her.

„Palermo ist ein Mosaik, welches einen Rahmen braucht“, so beschreibt der Bürgermeister seine Heimatstadt. In der Vergangenheit sei Palermo vor allem von der katholischen Kirche und der Mafia in Kooperation mit aristokratischen Familien bestimmt worden. Die Bevölkerung habe es nicht anders gekannt, erzählt Orlando – jeder wusste Bescheid und doch redete niemand. Die Macht der Mafia war so groß, dass niemand an ihre Schmälerung glaubte.

In einigen Köpfen kam es 1980, nach der Ermordung des sizilianischen Präsidenten, zu einem Umdenken. Auch bei Orlando. Schritt für Schritt schaffte er es, aus der Welthauptstadt der Mafia die Welthauptstadt der Anti-Mafia und der Rechte zu machen. Dieser vorher undenkbare Wandel war nur möglich, weil Orlando sein Ziel immer vor Augen behielt und niemals die Hoffnung auf eine Besserung aufgab.

Der Frühling Palermos

Als Leoluca Orlando 1985 zum ersten Mal zum Bürgermeister von Palermo gewählt wurde, war die Macht der Mafia, die er bekämpfen wollte, gewaltig. Es brauchte viel Durchhaltevermögen, einen strukturierten Plan und einen eisernen Willen. Zunächst sollten keine von der Mafia kotrollierten Firmen mehr Aufträge vom Staat erhalten. Trotz des Protests, der von der Bevölkerung ausging, hielt Orlando an seiner Überzeugung der zivilen Erneuerung fest und engagierte sich, unbeeindruckt von Gefahren und Drohungen, im politischen Kampf gegen die Mafia.

Sein größter Erfolg trat 1991 ein, als die Bewohner*innen Palermos Orlando ihre Kinder als ständige Begleitung anboten, um so einen Bombenanschlag der Mafia zu verhindern. Zwar lehnte Orlando das Angebot ab, brach jedoch gemeinsam mit den Frauen das Omerta-Schweigen über Mafiaaktivitäten, welches bis dahin die Regel gewesen war. Heute bezeichnet man diese Zeit als „Primavera di Palermo“, den Frühling Palermos.

„Io sono persona“ – „Ich bin eine Person“

Man könnte meinen, Orlando habe in seinem Leben genug erreicht und könne sich zurücklehnen und die italienische Sonne genießen. Doch das ist für ihn undenkbar. „Io sono persona“ ist der Leitsatz der Charta von Palermo, die Orlando in Zusammenarbeit mit dem Rat der Kulturen in diesem Jahr auf den Weg bringt. Die Worte bedeuten für ihn, dass jeder Mensch ein unveräußerliches Recht auf Freizügigkeit und Mobilität hat. Dieses Recht dürfe nicht weiter in der Gesetzgebung ignoriert werden. Im Kern fordert die Charta die Abschaffung der Aufenthaltsgenehmigung und des mit ihr verbundenen ungeheuren Bürokratieaufwands für Migrant*innen. „Kein Mensch hat den Ort, an dem er geboren wird, ausgesucht oder sucht sich diesen aus. Jeder Mensch hat den Anspruch darauf, den Ort, an dem er leben, besser leben und nicht sterben möchte, frei zu wählen“, heißt es in der Charta von Palermo.

Bei seinem Besuch in Berlin trat Orlando als außergewöhnlich authentischer Politiker auf, der mit vollem Einsatz hinter seinen Vorhaben steht. Ihn, seine Geschichte und die Charta kennenzulernen, war eine einzigartige Erfahrung, über die wir noch lange nachdenken werden.

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