Ich bin ein gläserner Mensch. Ein offenes Buch, dem die sieben Siegel fehlen. Das Passwort meiner Gedanken ist leicht zu knacken. Du weißt mit einem Klick, auf welche Festivals ich gehe und dass ich über #varoufake gelacht habe. Und ich weiß das auch.

Willkommen im sozialen Netzwerk - Privatsphäre ade? (Foto: Joy Donath, jugendfotos.de, CC-BY 3.0)

Willkommen im sozialen Netzwerk – Privatsphäre ade? (Foto: Joy Donath, jugendfotos.de, CC-BY 3.0)

Ich weiß, dass ich naiv bin – meine weiße Weste ist schon lange facebookblau. Meine Daten prostituieren sich auf Facebook, WhatsApp und Tinder. Edward Snowden hätte mir die Augen öffnen sollen, stattdessen habe ich mich bei Instagram angemeldet. Meine Zeit online ist auch nach dem NSA-Skandal gleich geblieben. Und ich bin nicht allein.

Wir alle wissen, wie es um unsere Daten bestellt ist. Laut einer DIVSI-Studie kennen 80 Prozent der Deutschen Edward Snowden. Nur 23 Prozent aller deutschen User haben ihr Verhalten nach den NSA-Enthüllungen umgestellt. Sich online über den Hashtag #Datenmissbrauch zu echauffieren – das bringt nichts. Ein Shitstorm auf Twitter über Twitter, das ist so, als würden wir im Priestergewand ins Weihwasserbecken spucken. Wir sind nicht naiv, weil wir nicht merken, dass wir von Facebook und Co. um unsere Privatsphäre betrogen werden. Wir sind naiv, weil wir davon wissen und uns trotzdem einloggen.

Als meine kleine Schwester vier Jahre alt war, musste meine Mutter ihr jeden Abend am Bett die Hand halten. Heute übernehmen Dagibee und Ytitty das Händchenhalten. Meine Schwester ist jetzt 13 und kann ohne „ihre“ YouTube-Stars nicht einschlafen. „Ich brauche vor dem Einschlafen noch ein Stück Realität“, ist ihre Begründung. Verkehrte Welt.
Eine halbe Stunde später scrolle ich kurz vorm Einschlafen durch meinen Facebook-Feed. Ertappt. Warum können wir nicht loslassen? Warum ziehen uns Fotos von der letzten Party immer wieder an? Warum akzeptieren wir mit einem Klick „Cookies“, obwohl wir danach noch Wochen von „weißen Sneakern, mega günstig!“ verfolgt werden? Psychologen würden unser Verhalten vielleicht als Sucht bezeichnen, als Krankheit. Aber so einfach ist das nicht.

Warten auf die wahre Revolution

Wir sind nicht nur Digital Natives, wir sind auch eine Generation der endlosen Möglichkeiten: Vor unserer Zeit sind viele Mauern eingerissen worden. Auf der Straße und in den Köpfen. Wir laufen als mündige Bürger durch eine Welt voller Chancen. Nur im Internet, da verschließen wir die Augen. Dabei ist gerade das die größte aller Chancen. Zum ersten Mal in der Geschichte spielen Zeit, Raum oder Herkunft keine Rolle; als User sind wir alle gleich. Das dürfen wir uns von Google oder Facebook nicht kaputtmachen lassen. Den Datenfischern im Netz nicht ins Netz zu gehen – das ist die Kunst. Es ist Zeit, die rosarote Brille abzunehmen: Die wahre digitale Revolution kommt erst noch.

Und ja, wir sind zu kleinen Däumlingen geworden. Der Teil unseres Gehirns, der unseren Daumen koordiniert, ist tatsächlich viel ausgeprägter als bei älteren Generationen. Aber das ist nicht verwerflich. Die Tastatur ist die neue Klaviatur. Und wir die Solisten in der Uraufführung des Internets. Jetzt kommt es darauf an, was wir aus diesem Konzert machen.

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