Opa geht online

Er surft, spielt und spricht mit seinem Tablet. Mein 85-jähriger Opa sitzt in seinem Sessel und nutzt die Gunst der Stunde, um einen Videoanruf bei seiner Enkelin in Frankreich zu tätigen. Während ihn die Tablet-Assistentin „Siri“ verbindet, blinkt die Werbeanzeige einer Pharmafirma auf. „Ab sofort in Ihrer Apotheke: Tabletten gegen Vergesslichkeit.“

Foto: stevepb, CC0/Public Domain

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Vergesslichkeit im digitalen Zeitalter? Für meinen Opa beinahe ein Fremdwort. Wichtige Arzttermine notiert er selbstverständlich in seinem digitalen Kalender, vergleicht im Internet Sparangebote für Hörgeräte, macht sich von wichtigen Registerkarten schnell ein Bildschirmfoto und speichert sie ab. Die noch intakten Gehirnzellen werden durch den kleinen Computer enorm unterstützt.

Doch unbemerkt bleiben seine Besuche im digitalen Netz nicht. So wirbt die Pharmafirma bereits seit geräumiger Zeit energisch für ihre Tabletten, in kleinen Werbefenstern bieten ihm Versicherungen ihre Dienste an und ein auf das Geschäft mit Seniorenreisen spezialisierter Anbieter lockt mit attraktiven Konditionen. Das Sprachrohr Internet kommuniziert sein Nutzungsverhalten an Unternehmen ohne von den ahnungslosen Nutzern je die Einwilligung zu diesem Datentransfer erhalten zu haben.

Demokratie 2.0: Kommt der digitale Bundestag?

Allerdings ist mein Großvater nicht der einzige digitale „Online-Opa“. Beinahe unglaubwürdig klingt die Aussage, dass im Jahr 2014 jeder dritte Deutsche im Alter von 65 bis 74 Jahren das Internet und die Vorzüge der digitalen Welt genutzt hat. Doch schockieren Schlagzeilen zu mangelnden Schutzbestimmungen, Sicherheitssoftwares oder Datenmissbrauch nicht mehr? Nahezu alltäglich sind doch die Expertenwarnungen über Risiken der „dauerhaften Erreichbarkeit durch soziale Medien“ und des „kontinuierlichen Informationsflusses“ geworden – und werden einfach ignoriert. In der Realität entwickeln sich die in der Fachsprache als „Digital Natives“ bezeichneten Benutzer mit ihrem scheinbar gekonnten Internetumgang zu naiven Opfern der Online-Welt. Als Folge dessen bemerkt man die kontinuierliche Anpassung unseres Lebensumfeldes an das Internet.

So gehören mittlerweile auch deutsche Politiker zu den „Digital Natives“. Während sich die Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Facebook-Account eingerichtet hat, um über soziale Medien ihre Wählergruppen zu erreichen, twittert Regierungssprecher Steffen Seibert regelmäßig die wichtigsten Neuigkeiten aus dem Bundestag. Die deutsche Demokratie befindet sich in einem Assimilationsprozess, um im Zuge der Digitalisierung den Anschluss an die Bevölkerung und deren wandelndes Nutzungsverhalten nicht zu verlieren.

Ob sich die Demokratie der Zukunft irgendwann vollständig im Internet abspielen wird? Umgeben von Wählern, Werbung und Warnungen? Man weiß es nicht. Doch wenn die Zahl von „Online-Opas“, „Online-Politikern“ und „Online-Bürgern“ steigt, könnte der Bundestag als heutiger Treffpunkt bald digitalen Plattformen weichen und – überspitzt gesagt – zu einem Museum der Vergangenheitsdemokratie umfunktioniert werden.

Was der Autor zuletzt gepostet hat und welche digitalen Trends er im Journalismus beobachtet, könnt ihr hier auf mitmischen.de nachlesen.

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