Ein neues Ich, ein neues Du. Ein neues Wir?

Wir nutzen, wir kaufen, wir laden herunter. Mit der uns ganz eigenen Naivität lassen wir, die „Digital Natives“, uns auf alles ein, was uns vorgeschlagen wird. Es scheint, als ginge aus der Bezeichnung als Eingeborene ein Nutzzwang hervor, der uns als Generation dazu treibt, sämtliche Möglichkeiten der digitalen Welt zu erproben: Bloggen, Chatten, Skypen, Shoppen.

Foto: Tobias Mittmann, jugendfotos.de, CC-BY-NC

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Ein ganzer Wirtschaftszweig ist in den letzten 20 Jahren wie von Zauberhand aus dem Boden geschossen. Ein Wirtschaftszweig, der unsere schöne neue (zweite) Welt aufrechterhält und sie durch seine Angebote und unsere Nachfrage lenkt.

Das Prinzip ist denkbar einfach: Ein Tauschgeschäft zwischen einem Dickicht aus miteinander verbundenen Konzernen und einer Einzelperson. Wir tauschen reale, persönliche Daten gegen die technische Möglichkeit ein zweites, drittes, viertes Ich zu erschaffen. An wen diese Daten weitergegeben werden, interessiert uns nicht. Viel zu groß ist die Verlockung, sich neu zu erfinden. Du selbst bist ständig nicht mehr up to date. Schon wieder gibt es eine neue Version, ein Update. Und weil uns unser digitales Profil längst nicht mehr nur in der digitalen Welt vertritt, sondern immer mehr zum Namensschild an unserer gesellschaftlichen Haustür wird, geraten wir einen Strudel der Aktualisierungen. Ein neues Bild, ein neuer Status, ein neuer Tweet. Was als neugieriger, freiwilliger Beitritt begann, wird für die Jugend von Heute zu einer stundenverschlingenden Verpflichtung, die penibel und ohne jegliche Frage nach dem Sinn erfüllt wird.

Wer nicht online ist, wird nicht eingeladen

Manche von uns versuchen sich zu wehren und wollen sich diesem gewaltigen Gruppenzwang entziehen. Doch das ist kaum mehr möglich. Zulassungsbeschränkte Freundeskreise sind entstanden, jede Clique hat ihre eigene WhatsApp- oder Facebookgruppe. Wer nicht mitliest, hat schlichtweg keine Chance auf soziale Kontakte und Verabredungen.

Was bleibt dem jugendlichen „Zoon politikon“ also übrig? Wir alle brauchen uns gegenseitig, also machen wir mit. So treiben wir eine wahnsinnig spannende Entwicklung voran, bauen uns ein undurchschaubares Netz aus endlosen Verknüpfungsmöglichkeiten auf und machen uns damit als Generation einzigartig. Die von unseren Zweitidentitäten bevölkerte Parallelwelt hat sich kompromisslose Meinungsfreiheit auf die Fahnen geschrieben: Jeder kann posten, was er denkt, aufrufen, wozu er möchte. Und weil wir, naiv wie wir sind, davon ausgehen, dass alles richtig ist, was in unserer digitalen Welt gesagt und getan wird, tragen wir es, nachdem wir es gelikt und geteilt haben, als unsere eigene, persönliche Meinung und als unser angeblich selbstbestimmtes Handeln in die reale Welt hinaus.

Kompromisslosigkeit und Naivität waren schon immer das Vorrecht der Jugend. Aber wird sich unsere phänomenal leichtsinnige Vernetzung in Zukunft wirklich als für die Gesellschaft irrelevante Jugendsünde herausstellen?

Was die Autorin zuletzt gepostet hat und welche digitale Trends im Journalismus sie beobachtet, könnt ihr hier auf mitmischen.de nachlesen.

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