Textilbündnis – alles nur Symbolik?

Bangladesch 2013: Hunderte ArbeiterInnen sterben beim Einsturz einer Textilfabrik. Die Reaktion der Politik? Ein Textilbündnis, das von Entwicklungsminister Gerd Müller mitentwickelt und im Oktober diesen Jahres gegründet wurde. Doch bereits am Tag der Unterzeichnung hagelte es Kritik. Zurecht?

Wo alle Fäden zusammenlaufen: Workshop-Tisch beim EINEWELT-Zukunftsforum (Foto: Johannes Herbel)

Wo alle Fäden zusammenlaufen: Workshop-Tisch beim EINEWELT-Zukunftsforum (Foto: Johannes Herbel)

Ende 2012 sterben 100 Menschen bei einem Fabrikbrand in Bangladesch. Wenige Monate später verlieren weitere 1.100 Frauen und Männer ihr Leben bei dem Einsturz einer Textilfabrik. Schockierende Nachrichten, die in vielen von uns den dringenden Wunsch hervorrufen, etwas zu verändern. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, reagierte und rief das “Textilbündnis” ins Leben. Doch die Kritik kam prompt. Dem verantwortungsvollen Fashion-Freund stellt sich nun die Frage: Ist das Bündnis ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung oder doch nur ein symbolischer Akt zur Beruhigung des Gewissens und der Bevölkerung?

Und da zweifelt der eifrige Einkäufer gleich weiter: Aus welcher Fabrik stammt meine Jeans? Welche Hände haben meinen Wintermantel produziert? Und mit welchen Mitteln wurden meine Handschuhe behandelt? Fragen über Fragen – auf die wir in der Regel keine Antwort haben. Mit Hilfe des Textilbündnisses sollen wir nun zumindest Gewissheit über eine Frage haben: Dass unsere Kleidung frei von Ausbeutung und ohne die Bedrohung von Menschenleben geschaffen wurde.

„Textilbündnis ist ein großes Wort, es erfordert Handeln“, sagte Hans-Joachim Fuchtel auf dem EINEWELT-Zukunftsforum. Klare Worte des Parlamentarischen Staatssekretärs. Im Rahmen des Zukunftsforums diskutierte er mit verschiedenen Bündnisteilnehmern sowie den Zuschauern über Vor- und Nachteile des Textilbündnisses.

“Textilbündnis ist ein großes Wort, es erfordert Handeln” – Hans-Joachim Fuchtel (Foto: Johannes Herbel)

Worum geht es?

Die Ziele des Textilbündnisses, das am 16. Oktober diesen Jahres ins Leben gerufen wurde, sind allgemein “die Arbeits- und Lebensbedingungen für die Menschen spürbar zu verbessern, die unsere Kleider unter teilweise nicht hinnehmbaren Zuständen herstellen”, erklärte Müller bei der Gründungsveranstaltung. Verbessert werden soll beispielsweise der Lohn, indem er auf ein existenzsicherndes Niveau angehoben wird. Zudem soll dem Thema Textilindustrie zu mehr Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit verholfen werden. Fuchtel erklärt dazu: “Wir versuchen mit dem Bündnis auch politische Entwicklungen in die Diskussion zu bringen.”

Ein Bündnispartner, der die Vereinbarungen des Bündnisses bereits umsetzt, ist die Firma Maas Naturwaren. Geschäftsführer Reinhard Maas erzählt im Rahmen der Diskussion, dass seine Produkte hauptsächlich in der Türkei produziert werden, da die Fabriken in Asien nicht ausreichend kontrollierbar seien. Die Überprüfung der Arbeitsstandards sieht dann konkret so aus: “Wir haben fünf Fabriken in der Türkei, die wir produzieren lassen. Es gibt einen 27-seitigen Kriterienkatalog, der von allen Firmen unterschrieben wird. Dann muss alles nachgewiesen werden, bis zum fertigen Produkt.”

Klingt gut, aber… ?

Das Bündnis beinhaltet also Ziele und Vorsätze, denen wohl niemand widersprechen würde. Und dennoch prasselt von verschiedenen Seiten Kritik ein. Viele der ursprünglich eingebundenen Firmen sprangen kurz vor der Unterzeichnung des Bündnisses ab. Die formulierten Ziele und der zugehörige Aktionsplan seien realitätsfern und nicht umsetzbar, heißt es seitens der Textilfirmen. An der Produktion eines Kleidungsstücks sind heutzutage zahlreiche Subunternehmen beteiligt. Nicht alle Produktionsschritte lassen sich daher so genau überwachen, wie es das Bündnis erfordert. Nicht in jedem Fall scheint es so einfach umsetzbar wie bei Maas Naturwaren. “Wir müssen sehen, dass wir Instrumente finden, wie man Lieferketten analysieren kann”, weiß auch Fuchtel. Wie genau das aussehen könnte, bleibt offen.

Die Berliner Modedesignerin Esther Perbandt merkt zudem an, dass die Forderungen des Bündnisses vor allem kleinere und mittelständische Unternehmen vor Herausforderungen stellen: “Ständiges Hinfahren, Telefonieren, Kontrollieren – das kann sich ein mittelständisches Unternehmen nicht leisten.” Auch dieses Problems ist sich Fuchtel bewusst: “Die Entwicklung muss so sein, dass der Mittelstand sich wiederfindet, dass er mitmachen kann.” Eine Vorstellung konkreter Maßnahmen bleibt erneut aus.

Anderen wiederum geht das Bündnis mit seinen Forderungen nicht weit genug. So kritisiert Greenpeace beispielsweise, dass das Bündnis die Verwendung umwelt- und gesundheitsgefährdender Chemikalien nicht ausdrücklich verbiete. Ein Grund, weshalb Greenpeace dem Bündnis nicht beigetreten ist.

Ein Bündnis ohne Teilnehmer?

Neben Greenpeace haben die Kritikpunkte weitere AkteurInnen dazu veranlasst, die Beitrittserklärung (PDF) nicht zu unterzeichnen. Ein Ansatzpunkt für weitere Kritik. Denn Ziele und Aktionen können noch so aufregend und wohlklingend sein – wenn keiner mitmacht, hat auch das vielversprechendste Bündnis am Ende keinen Sinn. Die Diskussion beim Zukunftsforum hinterlässt den Eindruck, dass ein bisschen weniger große Worte und mehr konkretes Handeln dem Textilbündnis sicherlich guttun würden. Was auf jeden Fall deutlich wurde, so Frank Zach, Leiter des Referats Osteuropa und Asien beim Deutschen Gewerkschaftsbund: “Das Textilbündnis ist noch nicht fertig. Wir müssen weiter daran arbeiten.” Und das hoffentlich bald – bevor uns weitere Katastrophenmeldungen aus den Fabriken erreichen, in denen unsere Kleidung hergestellt wird.

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