Jung, weiblich, politisch – Wird die Bundestagswahl 2025 feministisch?

©️ Carlo Rückamp / Jugendpresse Deutschland e.V.

,,Meine Großmutter hat mich bewegt in die Politik zu gehen, sie wollte Ungerechtigkeiten nie wieder hinnehmen“. Auf der Podiumsdiskussion am Donnerstag vor der Bundestagswahl 2025 enthüllt die Direkt-Kandidatin der SPD Berlin-Mitte Annika Klose ihre Beweggründe für ihr politisches Engagement. Auf einen Vermerk des Moderators in Bezug auf Scholz‘ Antwort auf die Frage, was er von Frauen* lernen könne, antwortet Frau Klose, dass er Feminist sei.  

Obwohl Aktivist*innen und Politiker*innen junge Frauen empowern wollen, sich zu engagieren und nicht nur alle vier Jahre ein Kreuz zu setzen, kann die politische Landschaft Deutschlands keineswegs als feministisch und gleichberechtigt bezeichnet werden. Das gilt auch, wenn sich der Regierungschef selbst als Feminist bezeichnet. Kurz vor der Bundestagswahl hoffen viele Frauen*, dass die Wahl einen feministischen Wandel in der Politik bewirken wird. Aber ist diese Hoffnung realistisch? 

Mehr Kandidierende, weniger Vielfalt? Ein Blick auf die Bundestagswahl-Bewerber*innen 

Ob feministische Ziele mit der Bundestagwahl umgesetzt werden können, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Die verschiedenen Positionierungen und Quoten müssen untersucht werden, um dies feststellen zu können.  

Laut der Bundeswahlleiterin Dr. Ruth Brandt traten am 23.02 insgesamt 4.506 Wahlbewerber*innen an. Davon nur 1.422 Frauen – das sind knapp 31,6 Prozent. Noch 0,4 Prozentpunkte weniger als vor 4 Jahren zur Bundestagswahl 2021. 

Während Bündnis 90/Die Grünen mit einem Frauen*anteil von 52,7 Prozent an der Spitze stehen, folgen die Linken mit 44,5 Prozent weiblich gelesenen Personen. Die CDU/CSU mit 41,9 Prozent und SPD mit 40,4 Prozent. Deutlich schlechter schneidet die AfD ab: Nur 12,4 Prozent der Kandidierenden sind Frauen. Damit bleibt die Partei weit hinter den anderen großen Fraktionen zurück und unterstreicht einmal mehr ihr strukturelles Ungleichgewicht in der Geschlechterverteilung. 

Eine verbindliche Quote für Wahllisten zur Bundestagswahl haben nur Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke und SPD. Grüne und Linke setzen auf eine gleichwertige 50-Prozent-Quote, während die SPD 40 Prozent der Listenplätze für Frauen* vorsieht. Die Union vermeidet klare Vorgaben für Wahllisten und beschränkt sich auf interne Parteigremien, während FDP sowie AfD keinerlei Maßnahmen zur Förderung von Frauen* ergreifen und weiterhin auf männlich dominierte Listen setzen. 

Auch wenn eine Quote vielversprechend klingen mag, ist diese leider keine Garantie für eine feministische Politik nach der Bundestagswahl. Der Bundestag ist ein männlich geprägter Ort: nur 35,7 Prozent der Abgeordneten sind weiblich. Prognosen von Abgeordnetenwatch zeigen, dass dieser Anteil nach der kommenden Wahl weiter sinken könnte – auf nur noch 31,5 Prozent. Dies ist primär den hohen Umfragewerten der AfD geschuldet, welche die geringste Frauenquote aufweist. Doch selbst eine verhältnismäßig hohe Frauenquote – wie bei der CDU suggeriert nicht automatisch eine feministische Programmatik.  

Social Media als Waffe & Plattform für feministische Bewegungen 

Ein Social Media Post der Linken vergleicht die feministischen Anteile in den Parteiprogrammen der Parteien. Dabei wird deutlich, dass die CDU wenig, bis keine feministische vertritt. Wenn im Wahlkampf doch über Feminismus gesprochen wurde, lief dies meist auf eine Diskussion über die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen hinaus. Die Linke, SPD, Grüne sowie das BSW stehen für eine Streichung. Wohingegen Union, FDP und auch AfD sich klar gegen die Selbstbestimmung der Frau in Bezug auf ihren Körper positionieren. Die Tatsache, dass dieses Thema in allen Parteiprogrammen vertreten ist, zeigt, dass eine neutrale Haltung dazu nicht möglich ist.  

Politik bleibt Männersache – doch junge Frauen fordern Veränderung 

Während Deutschland über Gleichstellung diskutiert, bleibt der Bundestag ein Ort, an dem Frauen* weiterhin unterrepräsentiert sind. Bei der Bundestagswahl 2025 steht nicht nur die Sitzverteilung zur Debatte, sondern auch, inwieweit feministische Anliegen in der politischen Landschaft wirklich Gehör finden. Ein Gespräch mit jungen Politikwissenschaftlerinnen zeigte, dass diese eine klare Vorstellungen davon haben, was sich ändern muss. 

Gleichberechtigung – ein politisches Randthema? 

„Mich interessiert besonders, wie Parteien mit dem Thema Gleichberechtigung umgehen und welche politischen Konzepte sie tatsächlich umsetzen“, erklärt eine der jungen Frauen*. Neben klassischen sozialpolitischen Fragen, Bildung und Umweltpolitik sind es vor allem frauenrechtliche und antifaschistische Themen, die sie bewegen. Wie viel Aufmerksamkeit erhalten diese Anliegen? Und vor allem: Wer setzt sich tatsächlich dafür ein? 

Die Realität sieht ernüchternd aus. Frauen sind nicht nur im Bundestag unterrepräsentiert, sondern erleben auch im politischen Diskurs große Herausforderungen. „Als Frau wird man seltener ernst genommen und muss oft härter kämpfen, um gehört zu werden“, so Frau Sommer*. Der Zugang zur Politik bleibt schwer – besonders im ländlichen Raum fehlt es an Anlaufstellen. Nicht selten kommt der stärkste Gegenwind aus dem eigenen familiären Umfeld. 

Die Macht der Social-Media-Filterblasen 

Die politische Meinungsbildung junger Frauen* findet heute vor allem in den Sozialen Medien statt. „Ich bin in vielen politischen Bubbles unterwegs und habe das Gefühl, dass meine Probleme dort wahrgenommen werden“, erzählt Frau Winter*. Doch gleichzeitig zeigen Plattformen wie TikTok und Instagram, wie stark sich politische Lager voneinander abschotten. „Bei der AfD sieht man kaum Frauenstimmen in Kommentaren oder Interviews – das spricht Bände.“ 

Soziale Medien bieten zwar Zugang zu politischen Debatten, verstärken aber oft bestehende Überzeugungen. Während linke Stimmen auf Plattformen wie Instagram dominieren, bleibt konservative oder rechtspopulistische Politik in diesen Kreisen nahezu unsichtbar. Rechte Diskurse scheinen in den Medien zu verschwinden. „Ich folge vielen politischen Influencer*innen und Expert*innen, die in Worte fassen, was ich denke. Das hilft mir, meine Meinung zu festigen und zu artikulieren.“ Doch wie viel Einfluss hat diese digitale Aktivität auf reale politische Teilhabe? 

Was sich in der Parteienlandschaft ändern muss 

Die Forderungen sind klar: „Es braucht mehr Frauen in politischen Ämtern, sonst bleiben die Gesetze, die unser Leben bestimmen, weiterhin von Männern dominiert.“ Besonders besorgniserregend finden die Politikwissenschaftlerinnen, dass Parteien wie die AfD offen ein veraltetes Frauenbild vertreten. „Wenn eine Partei fordert, dass Frauen zurück in traditionelle Rollen gedrängt werden, ist das nicht nur antifeministisch, sondern ein direkter Angriff auf unsere Freiheit.“ 

Doch nicht nur rechte Parteien stehen in der Kritik. Feministische Politik müsse mehr sein als ein Wahlkampfslogan – es brauche konkrete Konzepte. Mehr Repräsentation, verbindliche Quoten, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf – all das sind die Voraussetzungen, um langfristig mehr Frauen für politische Ämter zu gewinnen. 

Ein langer Weg zur gleichberechtigten Demokratie 

Die Wissenschaftlerinnen sind sich einig: es braucht einen fundamentalen Wandel in der politischen Landschaft. Politik muss für junge Frauen* zugänglicher werden und Vorbilder schaffen. „Nur wenn mehr von uns mitentscheiden, bleibt die Politik am Puls der Zeit.“ Denn solange feministische Anliegen nicht konsequent vertreten werden, bleibt die Gleichstellung ein Versprechen ohne Fundament. 

Jung, weiblich, politisch – Ein Gespräch mit Politikerin Annika Klose 

Annika Klose äußerte sich nach der Podiumsdiskussion am Donnerstag vor der Bundestagswahl. Neben den üblichen Themen, wie Migration, Sicherheits- und Außenpolitik, wurde kaum über Sozialpolitik und überhaupt nicht über Feminismus gesprochen. Für eine junge Politikerin, die sich aktiv für Gleichberechtigung einsetzt nicht zufriedenstellend. 

Auf die Frage, welche feministischen Anliegen im aktuellen Wahlkampf ausreichend vertreten sind, fällt die Antwort deutlich aus: „Überall gibt es Nachholbedarf.“ Zwar sei das Abtreibungsverbot endlich in den politischen Diskurs gerückt. Doch ohne eine Mehrheit im Bundestag blieb es bislang bei einem symbolischen Schritt. „Es ist gut, dass darüber gesprochen wurde, aber es reicht nicht.“ 

Andere feministische Themen fehlen im Wahlkampf komplett. „Lohngerechtigkeit, Gewaltschutz, strukturelle Benachteiligung – es gäbe so viel zu tun, doch es passiert kaum etwas.“ Zwar wurde das Gewalthilfegesetz beschlossen, aber umfassende Maßnahmen, zum Schutz von Frauen* fehlen weiterhin.  

Ein zentraler Faktor für mehr Gleichberechtigung bleibt die politische Repräsentation. Doch wie lassen sich mehr Frauen für Ämter gewinnen? „Das ist eine schwierige Frage“, räumt Frau Klose ein. Eine Quote sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Immerhin hat die SPD bereits eine für die Aufstellung von Wahllisten eingeführt. Doch das reicht nicht. „Wir brauchen ein Paritätsgesetz, damit Parlamente endlich gleichmäßig besetzt werden.“  

Darüber hinaus müsse auch auf Landesebene nachgesteuert werden. „Viele Direktkandidaturen gehen nach wie vor an Männer, weil diese in aussichtsreicheren Wahlkreisen antreten.“ Hier braucht es verbindliche Vorgaben für Landesverbände. Ein weiterer Punkt: Frauen werden oft nicht ausreichend auf politische Ämter vorbereitet. „Ich wünsche mir für meine eigene Partei Förderprogramme für Frauen – Sie brauchen mehr strukturelle Unterstützung“ 

Der Weg in die Politik bleibt für viele junge Frauen steinig. Doch was braucht es, um sie trotz möglicher gesellschaftlicher Gegenströmungen zu mobilisieren? Kloses Aufruf ist klar: „Macht das auf jeden Fall – eure Stimme wird dringend gebraucht.“ Sich nicht unterkriegen zu lassen und sich gezielt Verbündete zu suchen, sei essenziell. Frauensolidarität und Netzwerke seien unfassbar wertvoll. 

Die abschließende Botschaft ist unmissverständlich: „Solidarisiert euch und kämpft zusammen, denn gemeinsam können wir mehr erreichen.“ In einer politischen Landschaft, die noch weit von echter Gleichstellung entfernt ist, bleibt das ein entscheidender Schlüssel für Veränderung.  Angesicht des Wahlergebnisses gehört der 23. Februar nicht zu den erfolgreichen Tagen des Feminismus. Die beiden stärksten Parteien positionieren sich gegen das Abtreibungsverbot und dämpfen dabei die Hoffnungen vieler Frauen*. Aber genau deshalb ist es so wichtig seine Stimme jenseits von Wahlen zu nutzen.  

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