„Deutschland hat mich verändert“

Das Leben in Deutschland hat sie reifen lassen, erzählt die junge Syrerin Joudi. Sie hat Ann-Christin Rinker berichtet, wie sie nach ihrer Flucht aus dem Bürgerkriegsland in die Stadt Neuss kam und welchen Einfluss die neue Heimat auf sie hat.

Es ist ein grauer, verregneter Freitagmorgen in der nordrheinwestfälischen Kreisstadt Neuss. Während der Rest der Familie noch schläft, packt Joudi leise ihre Tasche und verlässt das Haus. 7.30 Uhr, um diese Zeit beginnt für sie Morgen um Morgen der Alltag. Nach einem kurzen Blick in den Himmel, der nicht heller zu werden scheint, setzt sie sich die Kapuze ihres grauen Mantels auf und tritt aus dem Hauseingang. Ihr Ziel: das Qurinius Gymnasium Neuss, das sie seit ihrer Ankunft in Deutschland besucht. In der Hauptstadt Aleppo geboren und aufgewachsen, flüchtete die 18-jährige Syrerin vor 15 Monaten vor dem Krieg in eine andere Heimat. Seitdem wohnt sie mit ihren zwei Brüdern und ihren Eltern in einer Vier-Zimmer-Wohnung, inmitten der hektischen, pulsierenden, anonymen Innenstadt.

In den ersten Wochen dachte sie: “Ich hasse Deutschland”

Sie geht gerne zur Schule. Anfangs, so erzählt sie mit etwas Wehmut in der Stimme, habe sie es aber schwer gehabt. „In den ersten Wochen habe ich immer gedacht: `Ich hasse Deutschland, ich hasse das Leben´. Ich wollte nicht hierbleiben.“  Das, so sagt sie, habe sich aber schnell gelegt, als sie von allen Schülern*innen und Lehrern*innen sehr nett aufgenommen wurde. Erleichtert ergänzt sie: „Es wurde nicht auf meine Nationalität geschaut. Stattdessen wurde ich als Mensch wahrgenommen.“ Deutschland habe einen Wohlfühlfaktor – Fremde wurden schnell zu Freunden, die anfängliche Angst wandelte sich in Vertrautheit. Deutsch spricht sie mittlerweile fließend. Und dennoch hört man aus ihren Erzählungen eine innere Zerrissenheit heraus. „In mir schlagen zwei Herzen, eins für Syrien und eins für Deutschland.“ Syrien wird immer ihre „alte“ Heimat bleiben, dort ist Joudi geboren und aufgewachsen, dort sind ihre Wurzeln, dort lebt der Rest ihrer Familie. Ihre „neue“ Heimat ist nun aber Deutschland, dort wo ihre Eltern und Geschwister sind, wo sie in Sicherheit leben kann. Hier sieht sie ihre Zukunft.

“Deutschland hat mich verändert, reifer werden lassen”

Ob die 18-Jährige einen Traum habe? Nachdem Abitur soll in Deutschland ein Medizinstudium folgen, lautet die Vision. Kranken Menschen helfen. „Ich möchte dem Land, was so viel für mich getan hat, was mir meine Bildung ermöglicht hat, etwas zurückgeben“, sagt sie mit zurückhaltender Stimme. Ob sie es schafft, eines Tages hier als Ärztin zu arbeiten, wisse sie aber nicht. „Ich bin nicht mehr so optimistisch und selbstbewusst wie früher, Deutschland hat mich verändert, reifer werden lassen. Ich habe gelernt, dass ich mich sehr anstrengen muss, um hier eine gute Zukunft zu haben. Aber ich bin bereit dafür alles zu tun.“

Eigentlich ist Joudi hochbegabt – hätte in Syrien schon ihr Abitur und erste Schritte in Richtung Berufsleben gemacht. Doch die ungeplante Flucht nach Deutschland war ein ungeplanter Einschnitt in ihr Leben. Der Krieg zerstörte den bisherigen Erfolg, den Optimismus, die vielversprechende Motivation. Eine andere Heimat, ein anderer Mensch?

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