„Der Gaza-Streifen ist das größte Freiluftgefängnis der Welt“

Unter dem Hashtag #träumesindgrenzenlos wurden auf dem Unicef-YouthFestival Träume in der Nürnberger Altstadt gesammelt. “Ein Pony”, “Geld” und “ein anderer U.S.-Präsident” stand unter anderem auf den Traumzetteln. Aber auch „Frieden und Freiheit für alle“ war häufiger zu lesen. Was würden Kinder aus dem Gazastreifen aufschreiben? Valeska Lamberti war 2017 auf einer Unicef-Reise im Nahen Osten und berichtet auf dem Youth-Festival.

Teilnehmer beim Palästina-Talk. Foto: Jugendpresse Deutschland / Alisa Sterkel

Im Rahmen der Unicef-Talks steht am Samstagvormittag auch der Workshop: „Bericht aus dem Field – Blockierte Kindheit: Kinder und Jugendliche in Palästina“ mit Valeska Lamberti zur Auswahl. Das Workshopthema kommt gut an, der Raum ist prall gefüllt, und viele der Jugendlichen haben nur noch auf dem Boden Platz gefunden. Während Lambertis Ausführungen herrscht eine gespannte Stille im Raum. Ihr Bericht ist eindrücklich, denn er ist angereichert mit Beispielen von vielen verschiedenen Einzelschicksalen. Anas Ahmed ist einer der Teilnehmer. Auf die Frage, warum er diesen Workshop ausgewählt hat, antwortet er: „Der Nahost-Konflikt ist ein so polarisierendes Thema. Aber die wenigsten wissen, was da wirklich los ist. Sie hat es mit ihren eigenen Augen gesehen und das finde ich super interessant.“

Sie, das ist Valeska Lamberti, Mitarbeiterin in der philanthropischen Abteilung von Unicef und Beraterin für private Großspender hinsichtlich ihres finanziellen Engagements für Unicef-Projekte. Einer dieser Großspender, ein Mediziner, wollte sich einen eigenen Eindruck von der medizinischen Versorgung in den Orten machen, für die er immer wieder spendet. Daraufhin übernahm Lamberti die Organisation einer Reise in die palästinensischen Gebiete in Gaza und im Westjordanland.

Der Nahe Osten – ein endloser Konflikt?

Extra für das Unicef-YouthFestival hat Lamberti ihren Reisebericht in einer Präsentation zusammengefasst. Zu Anfang gibt sie den Teilnehmenden geschichtliche Hintergründe und einen geographischen Überblick an die Hand.

Die Auseinandersetzung zwischen Juden und Arabern im Nahen Osten beschäftigt die Weltgemeinschaft bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts und wird bis heute in unterschiedlicher Härte ausgetragen. Im Kern geht es um Gebietsansprüche der beiden Konfliktparteien und die Anerkennung zweier Staaten im „heiligen Land“. Die Verlegung der US-Botschaft durch Präsident Trump von Tel Aviv nach Jerusalem hat den Konflikt erst Anfang Mai wieder neu befeuert. Wie aber wachsen Kinder inmitten einer solchen, bewaffneten Auseinandersetzung auf?

Lamberti erzählt von einem elfjährigen Mädchen, das zu seinem Vater sagte: „Weißt du Papa, am besten wäre doch, es wäre jetzt einmal so richtig Krieg, also so richtig. Dann musste man natürlich gucken, ob man überlebt. Aber wenn man dann noch lebt, dann kann man alles besser machen, oder?“ Laut Lamberti geht es vielen Kindern in diesem Gebiet wie der Elfjährigen: „Sie schwanken zwischen Hoffnung und Frustration. Sie wünschen sich halt eine Lösung und auch wenn sie in keiner Weise radikal sind, würden sie am liebsten einmal einen sauberen Schnitt machen und dann neu anfangen. Aber so einfach ist es leider nicht. So einfach ist Politik nicht, so einfach ist Religion nicht, so einfach ist Geschichte nicht.“

Der Gazastreifen – abgeriegelt von der restlichen Welt

Die Unicef-Mitarbeiterin erzählt von den scharfen Kontrollen bei ihrer Ein- und Ausreise. Aufgrund der Angst Israels vor Angriffen durch die Hamas, wird der Gazastreifen vom israelischen Militär hermetisch abgeriegelt und ist, so Lamberti, „das größte Freiluftgefängnis der Welt“. Den zwei Millionen Bewohnern und Bewohnerinnen des Gazastreifens wird es fast unmöglich gemacht, das Gebiet zu verlassen. Diese Tatsache und eine Arbeitslosenquote von 70 Prozent unter den jungen Menschen sind Faktoren, die auch die Hoffnung der Kinder schwinden lassen. So sagte Mohammed im Gespräch mit der Unicef-Mitarbeiterin: „Ich habe eine echt gute Stimme, und ich will singen. Aber hier? Ich habe doch keine Chance, ich kann nirgendwo hingehen, Unterricht nehmen ist viel zu teuer.“

„Wovon träumst du?“, wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Nürnberg gefragt. Frage an Valeska Lamberti: Wovon träumen die Kinder im Gazastreifen? „Ich glaube, sie würden Austausch und Offenheit sagen. Im Endeffekt würden sie, glaube ich, sogar in Gaza bleiben, aber sie wollen frei zur Schule gehen. Wenn sie dort in würdevollen Lebensumständen aufwachsen könnten, das heißt, auch mit genügend Wasser und regelmäßig Strom, wäre das für sie das größte Geschenk auf Erden. Reisen würde bestimmt als nächstes kommen. Aber an erster Stelle stehen immer ihre Familien. Gerade das fand ich so beeindruckend.“

Folgen der Frustration

Die Folgen dieser Aussichtslosigkeit im Gazastreifen wirken sich auf Palästinenser aller Altersklassen aus. Von den Jugendlichen zwischen 10 bis 19 Jahren geben 59 Prozent an, mindestens einen Vorfall von häuslicher Gewalt miterlebt zu haben. Lamberti hierzu: „Es herrscht gerade in den erwachsenen Generationen eine ganz große Depression und Frustration und auch viel Gewalt, weil Gewalt einfach das schnellste Mittel ist. Ich will das nicht gutheißen, weil ich das nicht gut finde, aber wenn man sich überlegt, dass die Leute wirklich ihres Landes enteignet wurden, dann kann man vielleicht ein bisschen nachvollziehen, warum die Wut so groß ist.“

Eine ganz wichtige Aufgabe für Unicef wird es in diesem Sommer sein, den Jugendlichen verstärkt Angebote zur Beschäftigung zu machen. Denn über die Sommermonate sind im Gazastreifen die Schulen zu. Zudem finden, seit der Entscheidung Trumps, die Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, jeden Freitag Demonstrationen statt. Von ihren Unicef-Kollegen vor Ort hat Lamberti aktuelle Sorgen übermittelt bekommen: „Die Angst ist, dass die Kinder nun, da sie noch mehr Freizeit haben und sowieso schon frustriert sind von der allgemeinen Situation, vielleicht eher auf dumme Gedanken kommen und sich vielleicht auch eher zu einer Demonstration mitreißen lassen.“ Die meisten Demonstrationen der Palästinenser seien zwar friedlich, so Lamberti weiter, allerdings würde allein die bloße Masse an Personen Nervosität unter dem israelischen Militär hervorrufen, und daher könnten solche Demonstrationszüge immer schnell auch gefährlich werden.

Begegnungen, die man nicht so schnell vergisst

Nach so einer eindrücklichen Reise fiel es Valeska Lamberti nicht leicht, wieder in den Alltag in Deutschland zu finden: „Als ich das erste Mal nach der Reise wieder auf den Parkplatz eines Supermarktes fuhr, habe ich direkt wieder zurückgesetzt, weil ich erstmal eine Pause brauchte. Ich habe mich in Deutschland gefühlt wie im Disneyland.“

Am Ende ihrer Präsentation richtet Valeska Lamberti dennoch ermutigende Worte an die interessierten Jugendlichen: „Es ist wirklich eine Tragödie, die dort passiert. Ich will euch aber mit auf den Weg geben: Mir ist da auch ganz viel Kraft entgegen gekommen. Ich möchte nicht, dass ihr hier rausgeht und denkt, das ist alles total hoffnungslos. Denn das ist es nicht! Man kann helfen, indem man die Geschichten erzählt und zumindest dafür sorgt, dass die Gelder generiert werden, damit die Mitarbeiter vor Ort die nötige Hilfe leisten können.“

So wichtig die Nofhilfe von Unicef vor Ort auch ist, eine langfristige Lösung des Konfliktes kann nur auf politischer Ebene herbeigeführt werden.

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